Widerstand mit Hindernissen – Fallstricke queer/feministischer Bündnispolitik

von Nadine Lantzsch

Mit dem Satz „Der Feminismus ist tot, es lebe der Feminismus!“ leiten die Soziologinnen Gabriele Winker und Melanie Groß ihren Text zu „Queer-/Feministische Praxen in Bewegung“ [1] ein und rekurrieren damit auf eine Geschlechterpolitik, die das emanzipatorische und zuweilen radikale Potenzial feministischer Ansätze nicht mehr nötig hat. Denn das feministische Projekt, so wie es ursprünglich angedacht war – als Befreiungsbewegung für ein konstruiertes Kollektivsubjekt – hat ausgedient.

Einerseits, weil die Kritik an feministischer Praxis in Theoriebildung und Bewegungspolitik dazu geführt hat, das Kollektivsubjekt als homogenisierend und ausschließend zu verwerfen. Andererseits, weil die Gleichberechtigung der Geschlechter formal nahezu erfüllt scheint:
Feminismus wurde als Frauen- und Gleichstellungspolitik institutionalisiert, Gender Mainstreaming als Leitgedanke festgeschrieben und wer sich heute noch um einen anderen Blickwinkel bemühen will, stürzt sich auf Diversity Management. Es geht nicht mehr darum, Forderungen aufzustellen und widerständig zu sein, sondern sich in einem gesetzten gesellschaftspolitischen Rahmen um Verteilungen Gedanken zu machen.

Doch in Zeiten eines flexibilisierten und neoliberalen Geschlechterregimes[2], wirken die geschlechterpolitischen Institutionen wie behäbige Bürokratiemonster, die kaum mehr in der Lage sind, auf die sich ständig verändernden Bedürfnisse und Lebensbedingungen ihrer Zielgruppe reagieren zu können. Die Frage, wer Teil der Zielgruppe ist, bleibt dabei meistens ebenso unbeantwortet wie die Frage nach der Strategie.

Feministische und emanzipatorische Potenziale im geschlechterpolitischen Feld sucht man also heutzutage lieber in autonomen Kontexten: Antisexismusbündnisse der radikalen Linken, queer/feministische Verzweigungen und Diskussionen im Internet, Mailinglisten zu Antirassismus und Empowerment, Workshops in FrauenLesbenTrans*-Räumen oder Planungstreffen zu queeren(den) Veranstaltungen, um nur einen kurzen Einblick in das weit gefächerte Spektrum widerständiger, autonomer Politiken zu geben.

Um die prekären Strukturen solcher Vorhaben und Projekte am Leben zu halten, ist Bündnisarbeit unerlässlich. Wo einst die Anrufung des Kollektivsubjektes „Frau“ ausreichte, um für den Kampf gegen das Patriarchat zu mobilisieren, muss sich ein queer/feministisches Projekt heute vielschichtig, inklusiv und oftmals theoretisch untermauert präsentieren, um möglichst viele Bündnispartner_innen zu gewinnen. Identitätspolitik, die sich lediglich auf eine soziale Gruppe oder ein Herrschaftsverhältnis stützt, wird in den meisten Fällen von allen Beteiligten abgelehnt.

Dies zeigt, dass die Kritik, die Frauen mit Behinderungen, Lesben, Schwarze Frauen, Migrant_innen, Trans* und einige andere Gruppen am Feminismus formulierten[3], verstanden und einbezogen wurde: Ein „Wir“ muss stets neu verhandelt werden, um breite Solidarität zu erreichen. Ein „Wir“ muss mit Widersprüchen und Brüchen umgehen können. Ein „Wir“, das ohne radikale Selbstkritik auskommt, ist nichts weiter als ein_e Stellvertreter_in von Partikularinteressen einer privilegierten Gruppe.

Allerdings gerät ein Aspekt bei dieser feministisch-kritischen Erwartungshaltung gern ins Hintertreffen: Für Selbstreflexion, Differenziertheit, theoretische Einordnungen und politische Arbeit sind Ressourcen nötig, die innerhalb klassistischer und rassistischer Verhältnisse nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen. Zugleich greifen strukturell verankerte Diskriminierungsmuster, die den Zugang in entsprechende Räume erheblich erschweren: Wieviele Betroffene rassistisch motivierter Gewalt sind in autonomen Politgruppen aktiv? Wer kann ein Studium aufnehmen und/oder kommt in den Genuss kritischer Wissensfelder? Wer kann sich die Arbeit in unter- bzw. nichtfinanzierten Projekten leisten?[4]

Auch, wenn sich die meisten autonomen Aktivist_innen in prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen befinden und/oder sich theoretisches Wissen aneignen konnten, bleibt eine Reflexion dieser Aspekte und der eigenen sozialen Positionierung oft aus. Nicht zuletzt erschwert diese Tatsache Bündnisarbeit zusätzlich, wo „blinde Flecken“ und Widersprüche hingenommen oder gar nicht erst transparent gemacht werden.

Die Affirmation des „queer/feministischen Allroundtalentes“ in Sachen Bündnispolitik erreicht dann ihren Höhepunkt, wenn trotz aller Selbstkritik, allem Mitgedachten, der mühseligen Finanzierung und Arbeit ohne Lohn das angeworbene Politprojekt die Zusammenarbeit versagt, von dem man sich wichtige Impulse erhoffte. Einfach, weil an anderen Fronten andere herrschaftskritische Kämpfe ausgefochten werden müssen. Oder, weil man qua zugeschriebener struktureller Verortung nicht zu den gewünschten Bündnispartner_innen gehört. Letzteres ist umso bitterer, weil dagegen kaum ein Mittel hilft.

Wenn sich jetzt die absolute Ohnmacht einstellt bei den Fallstricken queer/feministischer Bündnispolitik, ist das allzu verständlich, sollte aber auch Anlass zu etwas mehr Gelassenheit geben. „Alles richtig zu machen“ ist schließlich immer eine Frage des Bezugspunktes und kann auch bedeuten, sich vereinnahmen zu lassen und letztlich widerständiges, kontroverses Potenzial zu verlieren. Potenzial, das stets tauglich ist für fruchtbare Diskussionen und Weiterentwicklungen eigener Politiken.

Wie also lässt sich queer/feministische Bündnispolitik gestalten, ohne sich im eigenen Mikrokosmos zu verlieren oder Grabenkämpfe herauf zu beschwören? Folgende Überlegungen stehen zur Diskussion:

Zuerst sollte sich die jeweilige Gruppe über ihr Selbstverständnis einigen: Was wollen wir (sein)? Was ist/sind Ziel/e unserer Politik? Mit welchen Strategien wollen wir diese/s Ziel/e verfolgen? Dabei sind die politischen Hintergründe der Aktivist_innen unbedingt zu berücksichtigen.

Überlegungen zur Repräsentation sozialer Gruppen sind unerlässlich: Welche Gruppen wollen wir mit unserer Arbeit ansprechen und warum? Wer soll eine Stimme erhalten? Für wen wollen/können wir sprechen? Hierbei kann es hilfreich sein, das eigene Projekt in einem (bewegungs)politischen Kontext zu verorten, um Machtdimensionen und historisch gewachsene Ungleichheiten zu berücksichtigen.

Wer soll aus welchen Gründen Bündnispartner_in werden und wer nicht? Dazu ist es notwendig, die eigene soziale Positionierung (auch der Gruppe) selbstkritisch mitzureflektieren, um die Ansprache inklusiv zu gestalten und auf „blinde Flecken“ oder noch nicht mitgedachte Politikfelder aufmerksam zu werden.

Wie soll für das jeweilige Projekt mobilisiert werden? Kann dabei auf bereits bestehende Strukturen oder Bündnispartner_innen zurückgegriffen werden?

All diese Fragen lassen sich natürlich nicht abschließend und für alle Beteiligten zufriedenstellend beantworten, doch wie Groß und Winker schreiben: Queer/feministische Praxen befinden sich in Bewegung. Um für das neoliberale Geschlechterregime gewappnet zu sein, müssen sie das auch.

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[1] Gabriele Winker/Melanie Groß (2009): Queer/feministische Praxen in Bewegung, in: Aulenbacher/Riegraf (Hg.): Erkenntnis und Methode. Geschlechterforschung in Zeiten des Umbruchs, VS-Verlag, Wiesbaden, 51-64.

http://www.fh-kiel.de/fileadmin/data/sug/pdf-Dokument/Melanie_Gross/gross_winker09.pdf

[2] Angela McRobbie (2010): Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes, VS-Verlag, Wiesbaden.

[3] exemplarisch:

[4] http://clararosa.blogsport.de/2011/05/23/das-bisschen-polit-arbeit-macht-sich-von-allein/

 

Nadine Lantzsch gehört zum Autor_innenkollektiv des feministischen Blogs Mädchenmannschaft (http://maedchenmannschaft.net) und schreibt zu Macht- und Herrschaftsverhältnissen in ihrer Überlagerung. Im Sommer war sie als Co-Organisatorin des Berliner Slutwalk (http://slutwalkberlin.net) tätig, einer Protestform gegen Vergewaltigungsverharmlosungen und sexualisierte Gewalt. Nadine hält Vorträge und Workshops zu feministischer, Gender- und Queer-Theorie und queer/feministischem Aktivismus im Netz.