Die Cyborgs sind unter uns!

Wie demokratisch sind diese perfekten Hyperwesen?

von Dr. Heike Raab

Vor 30 Jahren schrieb Donna Haraway ein Manifest mit feministisch-utopischem Gehalt. Eine Zukunft von Cyborgs, Wesen zwischen Mensch und Maschine, wurde gezeichnet. Insbesondere Menschen mit Behinderung werden vermehrt als Prototyp der Cyborg imaginiert. Cyborgs? Das sind wir schon! Mit Rolli oder Hörgeräten, Dialyse oder Herzschrittmacher.

Heute scheint der Maschinenmensch also vielfach Realität zu sein: Im wachsenden Maße entstehen Möglichkeiten, menschliche Körper oder Teile des menschlichen Körpers (bio-)technologisch zu optimieren, zu verwerten oder zu vervielfältigen. Prothesenmenschen laufen Weltrekorde, Gehörimplantate beheben nicht einfach eine Schwerhörigkeit, sondern sind besser als das echte Gehör. Krankheiten lassen sich zunehmend bis zu einem gewissen Maße überwinden. Sei es im Falle von AIDS, oder durch die Transplantationstechnologie.

Es scheint, als sei das Zeitalter der technologischen Reproduzierbarkeit des Menschen angebrochen. Die Cyborg ruft! Doch ist die Cyborg auch aus einer Behindertenperspektive relevant?

Wunsch- oder Alptraum? Ein umkämpftes Feld

Während die einen in feministischen Perspektiven in der Cyborg einen Aufbruch für mehr Geschlechterdemokratie sehen, deuten andere darin eine neuerliche Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen. In der einen Lesart steht die Cyborg dafür, binär-hierarchisch organisierte Geschlechtlichkeit obsolet werden zu lassen. Im Mittelpunkt steht das Potential, mittels der Cyborg Geschlechtergrenzen zu überwinden. Hingegen ist die Cyborg in der anderen Auffassung ein Teil des Versuchs, Mensch, Natur und Körper zu beherrschen. Aus diesem Gegensatz von Utopie und Dystopie führt eine dritte Lesart, die an den französischen Philosophien Michel Foucault anschließt. Unter Heterotopien versteht der Dekonstruktivist diesseitige Orte, die nach eigenen Regeln funktionieren. In der Medizin etwa meint Heterotopie die Entstehung von Gewebe am falschen Ort. Eine gelungene Allegorie, wie ich finde, für Alternativplatzierungen und Wucherungen. Heterotopie charakterisiert also Gegen- bzw. Zwischenräume, in denen reale soziokulturelle Zurichtungen, etwa durch biotechnologische Zu- und Eingriffe repräsentiert, bestritten und gewendet werden können. Ein kurzer Blick auf die Möglichkeiten der Biotechnologien und die Weisen wie die Cyborg womöglich zukünftig zum Einsatz kommt, soll verdeutlichen was gemeint ist. Dabei stellt sich auch die Frage, ob die Cyborg das Potential hat, Dichotomien wie behindert/nicht-behindert obsolet werden zu lassen und ob dieses Potential emanzipatorische Momente bereitstellt. Überwindet die Cyborg nicht nur Geschlecht, sondern auch Behinderung? Sind unsere Körper einfach so zu „reparieren“, dass gängige binäre Einteilungen wie Mann/Frau, behindert/nicht-behindert und ähnliche körperliche Differenzmarker zukünftig keine Rolle mehr spielen?

Ein Cyborg namens Rex

Im Kontext der Neuroprothetik entwickeln sich Cyborg-ähnliche Maschinenmenschen und glamouröse High-Tech-Körper. In diesem Bereich ist es möglich, eine neue Verbindung zwischen Ökonomie, Affekten (Impulsen) und Körpern herzustellen, in denen gesellschaftlich relevante Differenzverhältnisse (etwa Geschlecht/Behinderung) neu geordnet werden. In der Biogenetik entsteht ein neuartiges, hierarchisches Klassifikationssystem, das die körperliche Vielheit neu vermisst. Allerdings ist es hauptsächlich die Bionik, die für neuartige Arrangements zwischen Mensch, Maschine, Materie und Ontologie (Seinsweise) steht. Dabei fixiert der aus den Wörtern Biologie und Technik gebildete Fachausdruck „Bionik“ die technische Umsetzung und Anwendung biologischer Systeme. Den ersten bionischen Menschen mit Namen „Rex“ gibt es schon. Das Innenleben von „Rex“ organisiert sich vollständig durch ein synthetisch-biologisches System. „Rex“ steht übrigens im Londoner Wissenschaftsmuseum und „lebt“ dort ziemlich unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Während Rex schon im Museum und für das Gestern steht, wird die Technik der Zukunft z.B. auf dem Festival South by Southwest (SXSW) in Texas/USA präsentiert (vgl. http://www.zeit.de/wissen/2015-03/neue-technologien-sxsw-bionik-cyborgs). Wessen Interessen für die Zukunft dort vertreten werden, bleibt allerdings unsichtbar.

Sind es die Interessen von behinderten Personen, oder die Interessen von Militär und Industrie die zum Zuge kommen?

Der imperfekte Mensch – unter Artenschutz oder Leitbild?

Mit Bezug auf solche Phänomene sind aus meiner Sicht Fragen nach feministischen und behindertenbewegten Partizipationsmöglichkeiten und Teilhabe-Chancen für zukünftige Geschlechterarrangements oder für das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung zentral. Denn eigentliches Ziel scheint mir zu sein, alle Formen des Humanen biotechnologisch zu mobilisieren. Der Mensch als solches läuft Gefahr, als humane Seinsverfehlung zu gelten – ein „Auslaufmodell“ im Gegensatz zu hybriden Mensch-Maschine-Gestalten. Demokratische Nutzungsmöglichkeiten von Cyborg-Technologien, zudem sozialverträgliche, müssen deshalb mit der Bionik verkoppelt werden.

Gleichzeitig aber hat die Cyborg das Potential, alle als imperfekte Menschen zu deklarieren. Da nun alle Menschen potentiell biotechnologisch defizitär ausgestattet sind, hat die Cyborg auch das Zeug, zu einer neuen Elite-„Rasse“ zu gehören, die über eine nunmehr neo-eugenische Regulation potentiell wirkmächtig wirkt. Daraus ergibt sich die Dringlichkeit, feministische und/oder behinderte Wissenschaftler_innen in Entscheidungsprozesse zu technologischer Forschung einzubeziehen. Wiewohl der natürliche Körper nicht mehr ultimativer Bezugspunkt sein kann, gilt es, um die Bauweisen jener Technologien zu kämpfen und eigene (feministische und/oder behindertenpolitische) Grenzlinien zu ziehen. Widersprüche sind zu benennen und Missstände in den Mittelpunkt zu stellen. Welche Rolle in diesem Setting künftig Geschlecht und Behinderung zukommt, ist Teil dieses erst begonnen (Aushandlungs-)Prozesses.

Dies ist ein Artikel im Rahmen der Debatte „Monströse Versprechen: Technologien zwischen Risiko und emanzipativem Potential“.


 

Dr. Heike Raab, zur Zeit Lehrkraft Universität Tübingen
Studium von Politik, Soziologie, Pädagogik und Geschichte (in Deutshcland). PhD-Studium am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien (Österreich). Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Innsbruck von 2007-2015. Aktuell Forschung und Lehre im berich der Gender-, Queer-, und Disability Studies. Forschungsschwerpunkte sind: Feministische Theorie, Staat, Körper, Soziale Bewegungen, Cultural studies, New Materialism, Science Studies, Visual Culture und kritische Pädagogik, sowie kritische Soziale Arbeit. Der schwerpunkt liegt in diesem Zusammenhang bei so genannten Minderheiten, wie behinderte Persone, Frauen, Quueers, MigrantInnen, Alte etc. … Arbeitet zur Zeit am Ende ihrer Habilitationsschrift die sich im Spunngsbofgen von „Embdiment, Culture und Visibility“ bewegt. Lehrbeauftragte an etlichen Universitäten in Deutschland und Österreich.

Aktuelle Publikation:  Heike Raab, Inklusive Gender? – Über Gender, Inklusion und Disability Studies, in: Boell-Stiftung (Hrsg.), Inklusion: Wege in die Teilhabegesellschaft, Frankfurt/New York, i.E. November 2015 (Campus Verlag), S. 398-412

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