Lasst euch nicht versimplifizieren: Beobachtungen zum Diskurs um religiöse Beschneidung

von Laura Kajetzke

Das Kölner Urteil im Mai 2012, das religiös motivierte Beschneidung als einfache Körperverletzung wertete, kam scheinbar aus dem Nichts. Zuvor war in der Öffentlichkeit keine Rede von einem sich formierenden Protest, auch beklagte sich keine nennenswerte Zahl von „Betroffenen“ über das Einbüßen ihrer Vorhaut und infolgedessen den potentiellen Verlust (sexueller, sozialer, religiöser) Möglichkeiten. Keinesfalls handelt es sich also um den vor Gericht erstrittenen Erfolg eines volljährigen Mannes mit Rückendeckung einer Graswurzelbewegung, das Urteil erwuchs vielmehr aus der Dynamik des Rechtssystems selbst. Dies stellte den Stein des Anstoßes dar, der eine diskursive Lawine lostrat; die Debatte wurde medial forciert und kontrovers diskutiert. Das Thema „Beschneidung“ beherrschte den Sommer letzten Jahres und wurde erst mit dem verabschiedeten Gesetz der Bundesregierung im Dezember, das Rechtssicherheit für religiös motivierte Beschneidung schaffte, abrupt für beendet erklärt. Was ist in diesem kurzen Zeitraum passiert? Anscheinend geht es nicht nur um mutmaßliche Körperverletzung, sondern um sehr viel mehr: einen Kampf um die Durchsetzung bestimmter Deutungen und legitimer Lebensweisen. Diskursanalytisch gesehen haben wir es hier mit Auseinandersetzungen um eine bestimmte Sicht auf die Welt zu tun, z.B. um Definitionen dessen, was ‚normal‘ ist und was nicht. In der Diskustheorie gelten all jene Praktiken und Einstellungen als „hegemonial“, die nicht hinterfragt und von einer breiten Öffentlichkeit hingenommen werden. So gesehen ist die Praxis der religiös motivierten Zirkumzision jäh aus einem hegemonialen Schlummer gerissen worden. Betroffen von diesen Aushandlungsprozessen sind Menschen muslimischen und jüdischen Glaubens, aber auch bestimmte christliche Religionsgemeinschaften (z.B. Kopt_innen), wobei letztere medial nicht im Fokus standen.

Hinter den Vorhang der Hegemonie blicken

Per se ist gegen das Hinterfragen von Deutungen und Verhaltensweisen nichts einzuwenden, eröffnet es doch Chancen zur Reflektion für alle Beteiligten. Warum sich nicht wundern über kulturelle Praktiken, in denen disparate Elemente wie selbstverständlich miteinander in Beziehung gesetzt werden? Ein Stückchen Vorhaut am männlichen Glied, juristische Regelungen, religiöse Vorstellungen, theologische Begründungen, medizinische Diskurse bildeten eine Blackbox, die nun mit der Debatte des letzten Jahres geöffnet worden ist. Was an dieser Debatte allerdings verwundert ist die Heftigkeit, mit der sie geführt, sowie die breite öffentliche Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wurde – und leider auch die antisemitischen und antiislamischen Ressentiments, die im Kontext dieser Dispute an die Oberfläche gespült wurden. An dieser Stelle interessiere ich mich weniger dafür, welche Sprecher_innen in diesem Diskurs die triftigeren Argumente anführen. Mir geht es darum, welche Stimmen gehört und welche weitestgehend ignoriert wurden, welche Diskursstrategien zur Anwendung kommen und was für einen Beigeschmack diese kurze, aber intensive Debatte hinterlässt.

Exkludieren, problematisieren, beenden: Strategien im Beschneidungsdiskurs

Als das bislang Unhinterfragte thematisiert und der diskursive Kampf eröffnet wurde, wurden drei idealtypische Arten des Umgangs sichtbar. Diskurssimplifizierer_innen (1) unterteilen die Welt in „gut“ und „schlecht“, „wir“ und „die anderen“. In der Beschneidungsdebatte finden sich die Simplifizierenden meist (wenn auch nicht ausschließlich) auf der Seite der Gegner_innen religiös motivierter Beschneidung, da diese ein Interesse an klaren Positionen und Schuldzuweisungen haben. Bestimmte argumentative Strategien untermauern die diskursive Blockbildung, so z.B. die Verwendung von Dichotomien wie zivilisiert/barbarisch, modern/vormodern, säkular/religiös (vgl. Çetin/Voß/Wolter 2012). Historische Kontextualisierungen werden bewusst vermieden oder bagatellisiert. Ein brachiales Vokabular („Amputation“, „Verstümmelung“, „sexuelle Traumatisierung“) und das in-die-Nähe-Rücken der Beschneidungsthematik zu Themen wie Kindesmissbrauch, weiblicher Genitalverstümmelung und intersexuellen Zwangsoperationen sind weitere Diskursstrategien, die der Dramatisierung, Kriminalisierung und Pathologisierung der Beschneidung dienen – und indirekt auch der daran beteiligten Akteursgruppen. Diskurssimplifizierende Akteure streben eine neue Form der Hegemonie an, die der alten entgegensteht. Sie führen einen Diskurs mit exkludierenden Mitteln. Durch eine solche Haltung können sich Befürworter_innen der religiösen Beschneidung genötigt sehen, bei der Blockbildung mitzumachen und eindeutigere Positionen nach außen zu vertreten, um die eigene Gruppenkohärenz zu stärken. Prinzipiell kann die Logik des „entweder-oder“ also genauso von den Befürworter_innen verfolgt werden bzw. verfolgt werden müssen.

Das Problem an dieser Blockbildung im Ringen um Hegemonie ist, dass Sprecher_innen mit differenzierten oder uneindeutigen Positionen tendenziell ungehört bleiben, da sie nicht ins antagonistische Schema passen. Diskurskomplizierer_innen (2), die einen problema­ti­sieren­den Diskurs führen wollen, sind nicht erwünscht und fallen in der Regel durchs mediale Raster. Selten bis nie wurde sich in der bundesdeutschen Debatte auf den vielgestaltigen US-amerikanischen Diskurs (vgl. Wyner Mark 2003) rund um das Thema Zirkumzision bezogen. Auch kamen keine jüdisch-feministischen Positionen zu Wort, die sich u.a. mit der Brit Mila als Frauen exkludierenden Initiationsritus befassen. Gern wird so getan, als ob innerhalb „des“ Judentums und „des“ Islams eine einheitliche Position zu diesem Thema vertreten wird. Die Möglichkeiten als in Deutschland lebende jüdische Mutter oder als muslimischer Jugendlicher Zweifel oder Unsicherheiten an der Praxis des Beschneidens als körperlichen Eingriff zu äußern, wird durch das „wir vs. die anderen“-Denken immer schwieriger.

Eine ganz eigene Position zwischen Komplexität und Simplifikation nimmt die bundesdeutsche Regierung ein. Vorrangig hatte sie zum Ziel, den im letzten Jahr für sie unerwartet auftretenden Diskurs zu regulieren, also Rechtssicherheit im Fall religiös motivierter Beschneidung herzustellen. Als Diskursbeenderin (3) trieb sie zunächst eine kurzzeitige Komplexitätserhöhung voran, holte Gutachten von Expert_innen ein, ließ einen Gesetzentwurf formulieren, im Bundestag besprechen und verabschieden. Insgesamt war und ist sie um die Versachlichung einer in der Öffentlichkeit inzwischen hochemotionalisiert geführten Debatte bemüht. Das Anliegen, den Deckel über dem antiislamischen und antisemitischen Gebräu zu schließen, das medial zu gären begann, ist nachvollziehbar. Doch ist damit auch eine Chance verpasst worden, sich mit der Existenz dieser Stimmen auseinanderzusetzen. Nach deren Ursachen, Verbreitungswegen und nach Möglichkeiten der Gegenrede zu suchen, wäre eine sinnvollere Umgangsweise gewesen als das konsequente Wegschweigen, für das man sich stattdessen entschieden hat. Als Nebenfolge der regulierenden Diskursbeendigungsstragie der Regierung kommt es letztlich wieder zu Verknappung der Sprecher_innen und in der Konsequenz zu einer Diskurssimplifizierung. Die Sorge vor menschenfeindlichen und aggressiven Positionen führt somit indirekt dazu, dass die ambivalenten Positionen, die eigentlich Gehör verdient hätten, im Zuge der Herstellung einer harmonistischen Hegemonie unterdrückt werden.

Ein vorläufiges Fazit aus diesen Beobachtungen: Seid skeptisch gegenüber einer rein antagonistischen Logik, die den eigenen Standpunkt verabsolutiert. Seid sensibel für die Zwischentöne – in dieser Debatte gibt es keine einfachen Antworten, auch wenn manche dies behaupten mögen. Lasst euch nicht vorschreiben, wann ein Diskurs beendet sein soll, nur weil er medial und politisch von der Bildfläche verschwunden ist, denn die Ressentiments, die in dieser Auseinandersetzung sichtbar wurden, wuchern weiter in den Köpfen und Herzen einiger Menschen.

Laura Kajetzke ist Soziologin und am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie der Philipps-Universität Marburg tätig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Soziologische Theorien, Poststrukturalismus, Wissenssoziologie, Raumsoziologie und Diskurstheorie, außerdem beschäftigt sie sich mit Machtwirkungen von Schulräumen und dem Spießertum als Lebensform. Zuletzt von ihr im transcript-Verlag erschienen (gem. mit Markus Schroer): Space Studies, in: Moebius, Stephan (Hg.): Kultur. Von den Cultural Studies bis zu den Visual Studies – Eine Einführung.

 

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Diskussion

  1. Das ist in meinen Augen mal ein richtig guter Beitrag. Danke!

    Ausgangspunkt der Diskussion war die Bewertung als Straftat, also die Feststellung der Unvereinbarkeit mit deutschem Recht durch ein Gericht.

    Einen Aufschrei Betroffener gab es dagegen zumindest nicht in dem Ausmaß, dass er öffentlichkeitswirksam war.
    Bleibt die Frage ob das auf eine Überbewertung des Eingriffs schließen lässt oder lediglich das Ausmaß der Prägung betroffener dokumentiert und welche psychologischen Mechanismen des Selbstschutzes bei den Betroffenen dem womöglich zugrunde liegen.

    Bei der Aufzählung der Elemente fehlt mir das Menschenbild, wie es sich aus der Abwägung zwischen Individual- und Kollektivrecht gemäß den Menschenrechten ergibt und das Grundlage unserer Rechtsordnung ist. Insofern wundert mich die Heftigkeit der Diskussion nicht.

    Die Hegemonieforderung ist insoweit richtig, als von Beschneidungsgegnern die Menschenrechte als im Kern gesetzt angesehen werden. Das kann man hinterfragen, ich denke aber dass dieser Grundkonsens schon zu Recht eingefordert wird.

    Im Hinblick auf die Blockbildung war es nach meiner Beobachtung so, dass die eher von den Religionsgemeinschaften ausging, die diesem Einzelurteil dadurch erst zu seiner Bedeutung verholfen haben.
    Und was die Sachlichkeit der Bundesregierung und der Politspitzen angeht, konnte ich die leider gerade nicht erkennen. Selbst bei der Expertenbefragung zum Gesetzentwurf wurden wohl einzelne Meinungen gezielt ausgeschlossen.

  2. Für mich die Beschneidung von Kindern klar unvereinbar mit den Grundwerten unserer Gesellschaft und unseres Rechtssystems aber wer auch kurzfristig das Kindeswohl nicht aus den Augen verlieren will (und sich die Situation der Eltern klar macht), wird um eine abwägende (Zwischen-?)Lösung wohl nicht drumrumkommen.

    Deshalb sehe ich es auch so, dass wir diese Diskussion führen müssen um eine Lösung zu finden die allen gerecht wird, die aber dann auch für alle gilt.
    Denn es geht halt nicht, dass jeder selbst entscheidet an welche Gesetze er sich hält und an welche nicht. Wir sind ein Land, eine Gesellschaft und da sind alle zu hören, alle Interessen zu berücksichtigen, aber die dann gemachten Grundregeln gelten dann auch für alle.

    Da es bei einem Recht auf Beschneidung ums Sorgerecht geht, muss das Kindeswohl der einzig maßgebliche Maßstab dieser Diskussion sein, denn es geht um die Rechtmäßigkeit von massiven Grundrechtseingriffen, die nur damit zu rechtfertigen sind.

    Das die Beschneidung Aspekte hat, die weit über das Sorgerecht hinausgehen, ist klar.
    Auch die müssen diskutiert werden, nur ist es hier eben ganz wichtig diese Diskussionen zu trennen, denn für die Frage ob ein Beschneidung mit den Grundrechten des Kindes vereinbar ist, spielt z.B. die deutsche Geschichte keine Rolle. Das ist auch eine wichtige Baustelle, aber eben eine andere.

  3. Eine Anmerkung noch zur Aufzählung der Beziehungen:
    Es geht nicht um „ein Stückchen Haut“.
    Es geht um einen lebenslangen massiven Eingriff in die Sexualität der betroffenen Kinder.

    Die Beliebtheit in den USA verdankt die Beschneidung ihrer Funktion zur Verhinderung der Masturbation.

    Darüber wie sehr sich die Sexualität mit dem Partner verändert habe ich schon sehr unterschiedliche Aussagen gehört, sicher erscheint mir, dass es zu einer Desensibilisierung und somit zu einer deutlichen Veränderung kommt.
    Hier ein Bsp. für eine besonders drastische Beeinträchtigung des Sexuallebens:
    http://mogis-und-freunde.de/blog/gastbeitrag-aus-der-sicht-einer-frau/#comments

    Und vielleicht in der Frage noch ein Hinweis:
    Ich habe in einem Bericht über weibliche Beschneidung (vermutlich Arte TV) Interviews mit beschnitten Frauen gesehen, die erklärt haben das weibliche Sexualleben gewinne durch die Beschneidung der Klitoris, weil dadurch die sonst zu starke Konzentration auf nur eine einzige Körperstelle durchbrochen werde und Frauen dadurch insg. empfindsamer werden.

  4. Holger Gundlach

    Richtig: „Das Kölner Urteil im Mai 2012, das religiös motivierte Beschneidung als einfache Körperverletzung wertete, kam scheinbar aus dem Nichts.“
    Auch ich wusste, dass es religiös-kulturell motivierte Beschneidungen bei Jungen gibt, habe mir aber darüber keine Gedanken gemacht – genau so, wie viele Eltern noch in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts das elterliche Züchtigungsrecht nicht hinterfragt haben. Manchmal bedarf es eben eines Anstoßes, um übliche Verhaltensweisen mit anderen Augen zu sehen. Die Debatte nach dem sog. Kölner Urteil hat mich (Kriminalbeamter im Ruhestand) angestoßen, die Zirkumzision bei Kindern mit Kriminalistenaugen zu betrachten. Eine nüchterner Abgleich mit Grundgesetz und Strafgesetzbuch kann m.E. gar nicht anders, als festzustellen, dass die körperliche Unversehrtheit beeinträchtigt wird und der objektive Tatbestand der gefährlichen Körperverletzung (§§ 223, 223a StGB) erfüllt ist – wie bei jeder Operation. Eine Debatte darüber und ob es strafrechtlich relevante Rechtfertigungsgründe dafür gibt, muss erlaubt sein, und es ist richtig, „in dieser Debatte gibt es keine einfachen Antworten, auch wenn manche dies behaupten mögen.“ Die nicht einfachen Antworten erfordern es aber auch, mit der Dis-Qualifizierung von Anti-Beschneidungsargumentation als auf „antisemitischen und antiislamischen Ressentiments“ basierend besonders vorsichtig zu sein.
    Da ich vermute, dass der Schnellschuss der Bundestagsmehrheit vor dem Bundesverfassungsgericht keinen Bestand haben wird, sollte jede Diskussion unemotional und ideologiefrei auf der Basis von Grundgesetz, und Menschen- und Kinderrechten so geführt werden, dass der Weg für eine verfassungskonforme Lösung gefunden werden kann. Man bedenke dabei, wie lange es gedauert hat, bis das einst selbstverständliche Züchtigungsrecht der Eltern beseitigt wurde.

  5. Andreas Boschetsrieder

    Mit der Dichotomie „antiislamisches und antisemitisches Gebräu“ auf der einen Seite und „besonnene Bundesregierung“ auf der anderen Seite betreibt die Autorin selbst die „Versimplifizierung“, die sie an anderen kritisiert. Des weiteren betont sie, dass es sie hier nicht interessiert, wer die triftigeren Gründe hat, lässt aber sehr schnell durchblicken, auf welcher Seite sie diese triftigeren Gründe sieht. Wie objektiv und wissenschaftlich kann eine Diskursanalyse sein, wenn die Analytikerin ihre eigene persönliche Parteilichkeit im Diskurs immer wieder einbringt?

    Eine seriöse Diskursanalyse hätte unbedingt miteinbeziehen müssen, dass die Religionsvertreter gleich zu Beginn (!) der Beschneidungsdebatte die Dichotomie „Auswandern oder Nicht-Auswandern“ aufgebracht haben und bis heute keinen Deut davon abgewichen sind. Es war eben gerade diese Dichotomie, die ganz erheblich zur Schärfe im Diskurs beigetragen hat.
    Darüberhinaus spricht die eindeutig „schiefe“ Besetzung des Expertengremiums „Rechtsausschuss“ genausowenig für „Besonnenheit“ wie die Positionierung der Bundeskanzlerin mit ihrer Aussage „Komikernation“ und das Stricken eines verfassungsrechtlich bedenklichen Gesetzes mit der heissen Nadel.

  6. Laura Kajetzke

    Vielen Dank für Ihren instruktiven Kommentar! Aus ihren Ausführungen wird meines Erachtens schön deutlich, dass unter der Blockbildung vor allem die fundierten Argumente zu leiden haben. Man kann mit sehr guten Gründen gegen die Praxis des religiös motivierten Beschneidens sein, findet sich in der Zwei-Lager-Logik dann aber auf einmal auf der Seite mit radikalen und menschenfeindlichen Beschneidungsgegnern, mit denen man freiwillig niemals ein Bier trinken gehen wollen würde. Auch muss ich Ihnen Recht geben, dass die Bundesregierung in meinem Beitrag vielleicht etwas zu gut wegkommt. Die Diskursstrategien innerhalb des politischen Feldes müssten sicherlich an anderer Stelle noch ausführlicher untersucht werden als es im Rahmen meiner Recherchen für diesen Beitrag geschehen ist. Hier ging es eher darum, eine Diskurskonstellation sichtbar zu machen, die eine dringend notwendige, differenzierte Auseinandersetzung mit dieser Problematik eher verhindert als ermöglicht.

    • Andreas Boschetsrieder

      Ich kann Ihnen nicht ganz zustimmen, was das Fehlen differenzierender Beiträge in der Beschneidungsdebatte betrifft. Es würde die Möglichkeiten eines Kommentars an dieser Stelle weit übersteigen, dafür die entsprechenden Nachweise zu liefern ( es wären eine Menge). Deshalb nur ein paar Stichworte. Debattiert wurden u.a. : die grundsätzliche Fragwürdigkeit „archaischer“ Rituale in der Moderne, die Begründung der Beschneidung im Judentum (Bund mit Gott), im Islam (Koran und Hadthiten) und aus medizinischer Sicht, die innerreligiösen Debatten über die Beschneidung z.B. im deutschen Judentum im 19. Jahrhundert und in der Gegenwart in Israel und den USA („Jews against Circumcision“), die Kontroverse über die gesundheitlichen Vorteile in Amerika (Statement der AAP von 2012) und bei der Aidsbekämpfung in Afrika usw.usf. Alle diese Themen wurden von Beschneidungskritikern (auch, wenn auch nicht immer sehr differenziert, in „Shitstorms“, aber auch in seriösen Veröffentlichungen) eingebracht, während die meisten Vertreter der beschneidenden Religionen bereits die Möglichkeit (!) des Debattierens als Anmassung und Einmischung, wenn nicht gar als Antisemitismus ablehnten.

      Ich empfinde auch Ihren Blick auf die „Wutbürger“ in den „Shitstorms“ als eingeengt. An der Debatte haben sich ein Vielzahl unterschiedlicher Persönlichkeiten und Institutionen beteiligt: Verfassungsjuristen, Ethiker, Journalisten, Kinderärzte, Religionsvertreter aller Richtungen, Universitäten, Ärzteverbände usw., um nur einige zu nennen. Auch wenn ich das Gesetzgebungsverfahren als solches kritisch sehe, so haben sich doch im Rechtsausschuss, im Ethikrat, in den internen Anhörungen aller Parteien viele und unterschiedlichste Fachleute geäussert in dem Bemühen, das Thema in vielfältigste Zusammenhänge zu stellen. Auch darüber war mit den Religionsvertretern bis heute kein Diskurs möglich.

      Es ist, und auch das wäre ein interessantes diskursanalytisches Thema, in politischen Auseinandersetzungen nicht immer möglich, „falsche Freunde“ vom Tisch zu verbannen. Auf der anderen Seite kann das allein ja kein Grund sein, eine Debatte zu beenden. Dann hätten die „falschen Freunde“ ihr Ziel, eine differenzierte Diskussion zu unterbinden, ja erreicht.

      • Ich habe den Kommentar von Laura Kajetzke nicht so verstanden, dass sie dafür plädiert „falsche Freunde“ von der Diskussion auszuschließen oder auch nur sich von diesen fernzuhalten.
        Vielmehr ist genau das Teil eines von ihr kritisierten Lagerdenkens und in diesem Zusammenhang ein weiterer interessanter Gesichtspunkt der hier diskutierten Streitkultur.

        Ich erlebe es immer wieder dass Menschen meinen, sich von bestimmten Personen oder Gruppen fernhalten zu müssen, um zu verhindern, dass sie mit diesen in einen Topf geworfen zu werden und so ihre politischen Statements (unbesehen deren Inhalts!) diskreditiert sind.
        Die stillschweigende oder ausdrückliche Drohung mit solchen Stigmatisierungen ist gang und gäbe in der Politik, auch wenn sie sowohl als undemokratisch wie auch als unsachlich und bisweilen gar als unanständig entschieden zurückzuweisen ist.

        Demokratie darf niemanden ausschließen, sie ist unvereinbar mit jeder Forderung nach einseitigen Meinungsdiktaten. Toleranz ist immer die Toleranz gegenüber dem Andersdenkenden.
        Und Extremisten kann man politisch entschieden bekämpfen, eine Minderheit systematisch zu stigmatisieren und auszuschließen ist dagegen unvereinbar mit unserer Gesellschaftsordnung – zu recht, wie ich meine. (Dass die Rechtsordnung für alle die Grenzen vorgibt, ist klar).

        Bezogen auf die Beschneidung bedeutet das als, dass jede Meinung zulässig sein muss, jeder das Recht haben muss sich an der Diskussion zu beteiligen und es gerade nicht darum geht irgendwen auszuschließen sondern so viele wie irgendmöglich einzubinden.

        • Andreas Boschetsrieder

          Ich denke, ich habe Frau Kajetzke sehr wohl verstanden.

          „Man kann mit sehr guten Gründen gegen die Praxis des religiös motivierten Beschneidens sein, findet sich in der Zwei-Lager-Logik dann aber auf einmal auf der Seite mit radikalen und menschenfeindlichen Beschneidungsgegnern, mit denen man freiwillig niemals ein Bier trinken gehen wollen würde.“

          Wenn es nur zwei Lager gibt, finden sich in dem einen Lager die Beschneidungskritiker, die „sehr gute Gründe“ haben, beim Bier mit „radikalen und menschenfeindlichen Beschneidungsgegnern“ wieder, deren z.B. rechtsradikale oder gar antisemitische Thesen sie auf keinen Fall teilen.

          Ich kritisiere im Übrigen Frau Kajetzkes Zwei-Lager-Analyse gar nicht grundsätzlich, sondern wollte lediglich den Blick auf die ganze Palette der Diskursteilnehmer und der Diskursthemen erweitern.

          Meine persönliche Meinung, dass es vor allem einige jüdische Religionsvertreter noch vor (!) Beginn des „Shitstorms“ mit Hinweisen auf den Holocaust zur Bildung der Lager beigetragen haben, sollte m.E. diskursanalytisch einbezogen werden, ohne damit Schuldzuweisungen verbunden werden.

      • Ich habe die Diskussion auch sehr interessiert verfolgt und begleitet und es gab wirklich alles, von ausgesprochen differenzierten über subtil beeinflussenden (und teils inhaltlich falsch) bis zu vollkommen ausfallenden Kommentaren.
        Dabei war es für mich am schockierendsten wie undifferenziert einseitig sich viele Spitzenpolitiker gleich zu Anfang der Diskussion positioniert haben, teils mit haarsträubend unsinnigen Begründungen, ohne jede Klarstellung zum Vorrang des deutschen Rechts vor religiösen Pflichten und in Teilen bis zur Abstimmung über das Gesetz 6 Monate später ohne erkennbare Lernkurve.

        Nun ist die Beschneidung allerdings ein Problem, dass aus verschiedenen Perspektiven betrachtet glasklar ist und eine klare Positionierung geradezu verlangt. Nur je nach gewählter Perspektive eben mal in die eine und mal in die andere Richtung.

        Wer will es einem Juden vorwerfen, wenn er sich an die deutsche Geschichte erinnert fühlt wenn ein deutsches Gericht mit dem Strafrecht in den Kernbereich seines Glaubens und seiner Privatsphäre eingreift. Oder einem Türken, für den der Staat an dieser Stelle nun endgültig die rote Linie überschritten hat, indem er selbst im Allerprivatesten die Abkehr von der religiösen und kulturellen Identität verlangt.
        Und wer will einem Beschneidungsgegner seine Erschütterung und Empörung verübeln, angesichts des Beharrens auf einem Rituals, das in jeder Hinsicht unvereinbar ist mit der Abwägung zwischen Individual- und Kollektivrecht wie sie die Menschenrechte und unsere Rechtsordnung fordern.

        Es muss einen Dialog geben. Es muss eine sachliche Diskussion geben. Und es muss eine allgemein verbindliche Regelung gefunden werden, die im Rahmen der deutschen Rechtsordnung alle Argumente und Bedürfnisse angemessen berücksichtigt und niemand überfordert.

        Gleichzeitig bitte ich um Verständnis für die, denen bei dieser für viele hoch emotionalen Diskussion auch mal die Gäule durchgehen, denn das sind oft nicht die Verkehrtesten und die sollten wir auf keinen Fall ausschließen.
        Ich möchte die Psychologie als Zeugen anführen, die längst weiß dass in manchen Konflikten ein „reinigendes Gewitter“ nicht verkehrt ist und schon gar keine Katastrophe. Im Gegenteil, manchmal kann das sogar helfen um Spannungen loszulassen und durch dieses Loslassen einen konstruktiven Dialog überhaupt erst zu ermöglichen.

        Deshalb ist es sicher richtig zur Sachlichkeit zu ermahnen, Respekt einzufordern (von jedem und für jeden, auch wenn man die Position des anderen vielleicht überhaupt nicht nachvollziehen kann) und Argumente anzugreifen statt Personen.
        Gleichzeitig scheint es mir aber genauso wichtig Menschen auch mal zuzugestehen, dass sie sich mal im Ton vergreifen, ohne sich dadurch die Diskussion kaputt machen zu lassen oder gleich jemanden auszuschließen, indem man das zu hoch hängen.

        • Es ist sicherlich in der Debatte nicht hilfreich, wenn Äußerungen von Menschen, die sich klar antisemitisch geäußert haben, als „mit die Gäule durchgehen“ verharmlost werden.

          Das große Problem am exkludierenden Diskurs in der BEschneidungsfrage führt dazu, dass Menschen, die Fingerspitzengefühl einfordern, ebenso exkludiert werden. Wer nicht bereit ist, mit zu skandalisieren, wird gnadenlos bekämpft. Notfalls mit Verleumdungen.

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