Eltern dürfen Kindern keinen unabänderlichen Stempel aufdrücken

 von Katja Dörner

Die Beschneidung von Jungen ist ein heikles Thema. Nicht nur, weil es sich um eine jüdische Praxis handelt, die auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte mit höchster Sensibilität zu diskutieren ist. Maßgeblich ist zudem die Frage tangiert, wo das Recht von Eltern endet, Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen, und wo Kinder selbst ein Mitspracherecht, wenn nicht sogar ein Selbstbestimmungsrecht haben bzw. haben sollten. Diese Frage lässt sich auf die religiöse Erziehung von Kindern anwenden. Sie lässt sich aber auch ganz allgemein auf die Erziehung von Kindern bzw. die elterliche Verantwortung gegenüber ihren Kindern anwenden – und macht damit ein ganz großes Fass in der gesellschaftlichen Debatte auf.

Um mit zwei weit verbreiteten Missverständnissen aufzuräumen: Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit von Kindern können nie durch die Religionsfreiheit der Eltern gerechtfertigt werden. Hierzu hat das Bundesverfassungsgericht klare Entscheidungen gefällt. Vor diesem Hintergrund hat der Bundestag mit seinem am 12. Dezember 2012 beschlossenem „Gesetz über den Umfang der Personensorge bei der Beschneidung des männlichen Kindes“ auch nicht die religiös motivierte Beschneidung von Knaben (unter bestimmten Bedingungen) für zulässig erklärt. Er hat es grundsätzlich ins Ermessen der Eltern gestellt, ihre Söhne auch ohne Vorliegen einer medizinischen Indikation beschneiden zu lassen – die Gründe der Eltern für diese Entscheidung sind nicht relevant. Insofern stellt sich im Zusammenhang mit dem Gesetz nicht die Frage nach dem Recht der Eltern darauf, ihre Kinder religiös zu erziehen, sondern allein, ob die Entscheidung für eine Beschneidung von der Personensorge abgedeckt bzw. mit dem Kindeswohl vereinbar ist.

Eltern haben Rechte – Kinder auch

In Deutschland gibt es keine „Lufthoheit über den Kinderbetten“ – zum Glück. In Artikel 6 Abs. 2 des Grundgesetzes ist vielmehr das Grundrecht der Eltern auf wie auch deren Pflicht zur Pflege und Erziehung ihres Kindes verankert. Das Pflege- und Erziehungsrecht ist aber kein eigennütziges Recht der Eltern, sondern ein fremdnütziges Recht im Interesse des Kindes. Es dient nicht den Belangen und Interessen der Eltern, sondern der Entwicklung des Kindes. Der Staat hat dementsprechend ein Wächteramt inne. Seine Möglichkeit, die Elternrechte einzuschränken, besteht nur, wenn die Eltern ihrer Pflicht nicht nachkommen, wenn sie nicht im Sinne des Kindeswohls agieren. Ich halte dieses verfassungsrechtlich normierte Verhältnis von Elternrechten und staatlichen Eingriffsmöglichkeiten für ausgesprochen vernünftig. Aber wo bleiben die Kinder und deren Rechte? Zwar sind Kinder vom Tag ihrer Geburt an selbstverständlich Träger_innen der im Grundgesetz verankerten Grundrechte. Ausdrücklich erwähnt werden Kinder im Grundgesetz allerdings nur als Objekte ihrer Eltern. Solange Kinder ihre Grundrechte nicht selbstbestimmt ausüben können, obliegt es den Eltern, quasi treuhänderisch die Rechte ihrer Kinder wahrzunehmen. Sie haben also für ihr Kind dessen Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf Religionsfreiheit zu wahren. Mit der Veranlassung bzw. der Zustimmung zu einer medizinisch nicht indizierten Beschneidung wahren Eltern diese Rechte meiner Meinung nach nicht.

Das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit darf nicht zur Disposition gestellt werden

 Vor diesem Hintergrund darf – aus dem Blickwinkel der Kinderrechte betrachtet – das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit nicht zur Disposition gestellt werden, auch nicht von ihren Eltern, weder aus religiösen noch aus anderen Gründen. Eine Beschneidung ist keine Bagatelle. Sie ist schmerzhaft, gerade auch im Heilungsprozess, und sie ist immer risikobehaftet. Jenseits der Frage der Komplikationen führt die Beschneidung zur unwiederbringlichen Entfernung eines Körperteils, der durchaus wichtige Funktionen hat. Eine Beschneidung kann negative Folgen für die Psyche und auch die Sexualität haben. Die Tatsache, dass eine Beschneidung irreversibel ist, ist mit Blick auf die negative wie positive Religionsfreiheit des Kindes von besonderer Bedeutung. Eltern, als Treuhänder_innen der Rechte ihrer Kinder, dürfen keine irreversible Entscheidung fällen. Sie müssen vielmehr beachten, dass ihre Kinder mit Erreichen der Religionsmündigkeit ein anderes Bekenntnis wählen oder sich von jeder Religion abwenden.

Die Entscheidung der Eltern für eine Beschneidung greift in die körperliche und religiöse Selbstbestimmung des betroffenen Jungen auf Dauer ein. Hierzu haben Eltern aus meiner Sicht kein Recht. Der Gesetzgeber sollte daher deutlich machen, wo die Grenzen des Sorgerechts verlaufen. Deshalb habe ich – gemeinsam mit 67 Kolleginnen und Kollegen – im Herbst 2012 im Rahmen der Debatte um die Beschneidung im Deutschen Bundestag einen alternativen Gesetzentwurf zur Diskussion gestellt. Danach darf ein solcher Eingriff nicht ohne die Zustimmung des Jungen selbst erfolgen, der zudem mindestens vierzehn Jahre alt sein muss. Der Gesetzentwurf wurde im Deutschen Bundestag abgelehnt – ein schlechtes Zeichen für die Kinderrechte.

Nicht kindgerechte Erziehungsinhalte problematisieren

 Meine verfassungsrechtlichen Ausführungen zeigen, dass die Frage der Beschneidung von Jungen anders zu bewerten ist als andere Aspekte religiöser Erziehung wie bspw. die Abwertung von Mädchen im Islam und im Katholizismus oder die von Kindern abgelegte Beichte, die ich und viele andere als ebenfalls nicht kindgerecht bewerten. Eltern nehmen hier ihr Recht auf die religiöse Erziehung ihrer Kinder wahr, das ihnen nicht nur im Gesetz über die religiöse Kindererziehung, sondern auch in der Verfassung eingeräumt wird. Die genannten Aspekte religiöser Erziehung berühren zwar die Grundrechte der Kinder. Deren (körperliche und religiöse) Selbstbestimmungsrechte werden aber nicht auf Dauer verletzt. Nichtsdestotrotz erleben viele Menschen ihre religiöse Erziehung als prägend weit ins Erwachsenenalter hinein, viele von ihnen durchaus in einem negativen Sinne. Aber auch darüber hinaus: Viele Aspekte der Art und Weise wie sie erzogen worden sind, erleben Menschen als negative Prägung. Erziehungsmethoden und Erziehungsinhalte, die vom Kind als normal empfunden und nicht hinterfragt werden, werden von der erwachsenen Person sehr wohl als problematisch und negativ prägend bewertet. Und umgekehrt.

Die richtige Erziehung, religiöse wie ganz allgemein, ist gesellschaftlich umstritten und es ist richtig, dass der Staat in die Erziehung eines Kindes nur eingreift, wenn dessen körperliche, geistige und seelische Entwicklung gefährdet ist. Deshalb bedarf es aber umso dringlicher gesellschaftlicher Debatten, die problematische Erziehungsmethoden und Erziehungsinhalte, die nicht kindgerecht sind und sich nicht an den Rechten der Kinder orientieren, in den Fokus rücken mit dem Ziel, Veränderungen im Sinne der Kinder zu bewirken. Bester Beleg dafür, dass sich ein Wandel gesellschaftlicher Werte mit Blick auf die Erziehung von Kindern im Gesetz niederschlägt – und mit der Gesetzesänderung der Wertwandel weitergehend unterstützt wird – ist das „Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung“.

Im Juli 2000 stärkte der Deutsche Bundestag mit dem „Gesetz zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung“ die Rechte der Kinder. Im BGB wurde nicht nur das Recht auf gewaltfreie Erziehung verankert, sondern ausdrücklich benannt, dass „körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen“ unzulässig sind. Solche  Veränderungen werden nicht gegen die Eltern, sondern nur mit diesen gemeinsam zu bewerkstelligen sein. Der Staat soll zudem, insbesondere in seinen Institutionen wie Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen wie auch in der Jugendarbeit jungen Menschen freie Diskursräume anbieten, die zur Reflexion der eigenen Erziehung und Prägung durch das Elternhaus anregen und befördern. Denn Eltern sollen ihre Kinder erziehen, aber sie dürfen ihnen keinen unabänderlichen Stempel aufdrücken.

Katja Dörner, Jahrgang 1976, aus Bonn ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags, kinder- und familienpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion sowie Mitglied im Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags. Sie studierte Politikwissenschaften, Öffentliches Recht und Literaturwissenschaften in Bonn, York und Edinburgh, Magistra Artium 2000.

Dieser Artikel wurde unter Beschneidung abgelegt.

Diskussion

  1. Ein sehr richtiges und wahres Statement, Frau Dörner.
    Sie sprechen mir aus der Seele spricht. Mir wurde als Kind die Vorhaut amputiert und bin mit meiner Situation mehr als unglücklich.
    Ich bestreite gar nicht, dass es beschnittene Männer gibt, die sich mit ihrer Situation abgefunden haben oder gar mit ihr zufrieden sind. Ebenso gibt es aber jene, die darunter ihr Leben lang leiden. Und dies einem Mann aufzuzwingen, kann ethisch nicht in Ordnung sein.
    Es müssen endlich die negativ Betroffenen gehört werden. Doch ihre Stimmen gehen im Geschrei der Befürworter leider unter.

  2. Sehr geehrte Frau Dörner,
    meinen Sie nicht, dass es im Interesse eines muslimischen oder jüdischen Kindes liegt, als Teil seiner Gemeinschaft aufzuwachsen?
    Freie Entscheidungen sind darüberhinaus nicht der Modus, in dem Religionsgemeinschaften Zugehörigkeit regeln. Eine Religionsgemeinschaft ist kein Kegelclub.
    Und tatsächlich drückt Erziehung den Kindern einen Stempel auf, wie Sie schreiben. Dies kann man ja sehr schön auch an Ihrer eigenen Idee eines „neutralen“ Körpers, einer „neutralen“ Erziehung und einer sich darauf gründenden „freien, neutralen, objektiven“ Entscheidung sehen: die Spuren eines christlich geprägten Universalitätsanspruches sind hier recht eindeutig zu erkennen. Es wäre ein großer Gewinn für unsere Gesellschaft, gerade auch in Deutschland, wenn diese eigenen, als selbstverständlich normativ empfundenen Plausibilitätsrahmen mehr hinterfragt werden würden.

    • @Helga Blumentopf

      „meinen Sie nicht, dass es im Interesse eines muslimischen oder jüdischen Kindes liegt, als Teil seiner Gemeinschaft aufzuwachsen?“

      Die Gemeinschaften, die so stark auf den Zustand des kindlichen Genitals fixiert sind, sind mir suspekt.

      „Freie Entscheidungen sind darüberhinaus nicht der Modus, in dem Religionsgemeinschaften Zugehörigkeit regeln.“

      weshalb diesen wie allen anderen antidemokratischen Gruppierungen kein gesellschaftspolitisches Mitspracherecht eingeräumt werden sollte.

      Ihr Verdruss an der freiheitlich demokratischen Grundordnung ist ja nicht zu überlesen.

  3. Liebe Frau Dörner,

    Ihre Position teile ich grundsätzlich, lediglich Ihre Herangehensweise ist mir zu zaghaft.

    Die Amputation von gesunden und funktionellen Körperteilen hat meiner Auffassung nach nicht das geringste mit der Erziehung von Kindern im 21. Jahrhundert zu tun. Die Botschaft die dem Jungen durch die Beschneidung mit auf den Lebensweg gegeben wird besteht doch darin, dass Gewalt am Körper des Anderen nicht grundsätzlich illegitim ist. Spätestens da erübrigt sich doch die ganze Diskussion über die Grenzen des elterlichen Erziehungsrechts und Artikel 6 (2) GG.

    Die Diskussion über Beschneidung im Rahmen der Kindeserziehung wurde doch nur begonnen, damit überhaupt noch etwas abzuwägen ist. Die Abwägung mit der Religionsfreiheit hingegen würde sich erübrigen, da deren Grenzen in Art. 140 GG i.V.m. Art. 136 WRV im Grundgesetz klar geregelt sind. Die Religionsfreiheit endet dort, wo Straftatbestände beginnen.

    Ebenso ist es im Hinblick auf das Beschneidungsgesetz, den § 1631d BGB, scheinheilig, das Wächteramt des Staates überhaupt noch zu erwähnen. Der Staat hat mit Beschluss des § 1631d das Wächteramt längst aufgegeben und das Verräteramt eingenommen, indem er dafür gesorgt hat, das Zwangsbeschnittenen der Rechtsweg für zukünftige Schadensersatz- und Schmerzensgeldforderungen wirksam versperrt bleibt. Eine Anspruchsgrundlage gem. § 823 BGB dürfte mangels Widerrechtlichkeit scheitern.

    Jedoch wage ich zu prognostizieren, dass aus o.g. Gründen in einigen Jahren eine Staatshaftungswelle auf die BRD zukommen wird. Wer meint, in Deutschland gäbe es kein Staatshaftungsrecht für legislatives Unrecht, wird sich möglicherweise wundern. Spätestens vor dem EGMR und dem EuGH werden Kläger ihre Ansprüche durchsetzen können.

    Mit besten Grüßen
    Lutz Herzer

  4. Liebe Frau Dörner,

    folgt man Ihrer Ansicht, müsste man auch die elterliche Wahl des Vornamens verbieten oder den Eltern untersagen, ihre Kinder in Leistungssport zu unterweisen oder zum Ballett zu schicken. Denn all diese Entscheidungen sind gleichsam unabänderliche Stempel, die Eltern ihren Kindern verpassen. Ihre Auffassung würde in letzter Konsequenz dergestalt ausufern , dass Eltern jedwede Entscheidungsgewalt genommen wäre.

    @ Lutz Herzer:

    Das Bundesverfassungsgericht hat Art. 136 WRV nach ständiger Rechtsprechung für obsolet erklärt (vgl. BVerfG, Beschl. v. 11.04.1972; 2 BvR 75/71):

    „Der Grundgesetzgeber hat die Glaubens- und GewissensfreiBVerfGE 33, 23 (30)BVerfGE 33, 23 (31)heit aus dem Zusammenhang der Kirchenartikel der Weimarer Reichsverfassung gelöst und ohne jeden Gesetzesvorbehalt in den an der Spitze der Verfassung stehenden Katalog unmittelbar verbindlicher Grundrechte aufgenommen (vgl. BVerfGE 19, 206 [219 f.]; 24, 236 [246]). Art. 136 WRV ist deshalb im Lichte der gegenüber früher (vgl. Art. 135 WRV) erheblich verstärkten Tragweite des Grundrechts der Glaubens- und Gewissensfreiheit auszulegen; er wird nach Bedeutung und innerem Gewicht im Zusammenhang der grundgesetzlichen Ordnung von Art. 4 Abs. 1 GG überlagert (vgl. auch Herzog in Maunz-Dürig-Herzog, GG, Art. 4, Nr. 117; Bahlmann, Der Eideszwang als verfassungsrechtliches Problem, in Festschrift für Adolf Arndt, S. 37 [47 ff.]).“

    Überdies ist von der Rechtsprechung anerkannt, dass Eltern wirksam in operative Eingriffe an ihren Kindern einwilligen können, sofern diese nicht schädlich sind. Da Beschneidung nicht schädlich ist, können Eltern bereits nach alter Rechtslage wirksam in eine fachgerecht durchgeführte Beschneidung einwilligen. Die Nichtschädlichkeit führt auch dazu, dass das Wächteramt des Staates kein Eingreifen gebietet, da der Staat nach Art. 6 Abs. 2 GG nur dann hierzu eine Handhabe besitzt, wenn ein elterliches Verhalten nachweislich schädlich ist. Die überwältigende Mehrheit deutscher Staatsrechtler stimmt darin überein.

    Letztlich hat der Gesetzgeber eine sehr gute Lösung gefunden. Irgendwann werden auch Beschneidungsgegner einsehen müssen, dass sie mit ihren Argumenten unterlegen sind.

    • @Igor S:
      Sie verbreiten falsche Tatsachen, und das wissen Sie. Wir kennen Ihre kruden Theorien ja schon zur Genüge.

      Wird bei der Wahl des Vornamens ein Körperteil amputiert? Werden dem Kind damit Schmerzen und lebenslange Einschränkungen in der Sexualität aufgebürdet?
      Nein. Wer unter seinem Namen leidet, kann diesen sogar ändern lassen. Einen amputierten Körperteil können Sie jedoch nicht mehr ersetzen. Ihr Vergleich ist also nichtig.
      Auch die Verweise auf Leistungssport und Ballet sind nicht der Rede wert.

      Sie selber sagen, Eltern dürften in operative Eingriffe einwilligen, solange diese nicht schädlich seien. Genau hier ist aber der Punkt: Die Vorhautamputation kann sehr wohl schädlich sein. Wie sehr, führt Prof. Franz hier aus: http://www.medizin-aspekte.de/Genitalbeschneidung-bei-Jungen-_29803.html
      Pro Familia NRW spricht sich aufgrund des Schädigungspotentials der Vorhautamputation auch klar und deutlich dagegen aus: http://www.profamilia.de/fileadmin/landesverband/lv_nordrhein-westfalen/Stellungnahme_Jungen-Beschneidung.pdf
      ebenso wie Kinderärzte und Hochschullehrer aus 16 europäischen Staaten: http://www.kinderaerzte-im-netz.de/bvkj/aktuelles1/show.php3?id=4492&nodeid=26
      Sie alle sind davon überzeugt, dass die AAP, die einzige Ärztevereinigung der westlichen Welt, liege in ihrer Ansicht, die Vorteile der Beschneidung würden deren Nachteile überwiegen, falsch liegt.

      Operative Eingriffe ja, aber nur wenn es die Gesundheit des Patienten unbedingt erfordert und eine alternative Heilmethode nicht möglich ist.
      Eine operative „Verschönerung“ des Kindes allein nach dem Geschmack der Eltern bzw. blutiges und schmerzhaftes Einführen in eine Religion kann es in einer zivilisierten Gesellschaft nicht geben. Vor allem dann nicht, wenn überdeutlich wird, wie viele Männer unter ihrer Zwangsbeschneidung leiden.

      • @ Victor Moser:

        Ein unabänderlicher Stempel kann nicht nur durch eine Beschneidung, die übrigens erwiesenermaßen reversibel ist, aufgedrückt werden, sondern auch durch die dargetanen Beispiele. Es ist nicht ersichtlich, weshalb der Druck, Leistungssport oder Ballett ausüben zu müssen, bei Kindern keine lebenslangen Spuren hinterlassen soll.

        Hinsichtlich der Namensänderung erliegen Sie einer Fehlvorstellung. Bereits ein Blick in die Urteile der Verwaltungsgerichte zeigt, dass es so gut wie unmöglich ist, Namen ändern zu lassen, seien sie noch so exotisch: http://www.rechtsprechung.niedersachsen.de/jportal/portal/page/bsndprod.psml?doc.id=MWRE120001516&st=null&showdoccase=1&paramfromHL=true

        Auch begegnet der von Ihnen verwendete Kampfbegriff „Amputation“ erheblichen Bedenken: Von einer Amputation spricht man, wenn es um die Entfernung von Extremitäten geht. Nicht umsonst ist von Blinddarm- oder Mandelentfernung die Rede, auch wenn diese Vorgänge gleichsam in die medizinische Definition des Wortes passten. Folglich trachten Sie und Ihre Gruppe um den berüchtigten Ulf Dunkel lediglich nach Stimmungsmache und Manipulation des unbedarften Lesers. Davor warne ich eindringlich, denn dies schadet insbesondere Ihrem Anliegen selbst.

        Hinsichtlich der Schädlichkeit hat der Diplom-Biologe Heinz-Jürgen Voß klare und deutliche Worte gefunden:

        „PS: Dass es keine medizinisch relevanten Bedenken gegen die Vorhautbeschneidung gibt, haben zahlreiche medizinische Fachgesellschaften deutlich gemacht. Populäre Vermutungen weißer Menschen, dass mit der Vorhautbeschneidung hohe Komplikationsraten, Traumatisierungen oder etwa eine erhöhte oder geringere Empfindlichkeit der Eichel einhergingen, werden durch die medizinische Fachliteratur widerlegt. Vgl. für einen Überblick: Çetin/Voß/Wolter 2012: S.51ff.“

        http://streit-wert.boellblog.org/2013/03/13/bereits-die-frage-ist-falsch-gestellt/

        Die Diskrepanz der Ansichten der AAP und der europäischen Kinderärztevereinigungen hat Professor Hakenberg, Urologe der Uniklinik Rostock, in seinem Gutachten für den Bundestag schlüssig erklärt:

        „Davon und von medizinischen Indikationen abgesehen, ist die Beurteilung einer Zirkumzision bei Jungen im Wesentlichen eine kulturelle Frage, die mit medizinischen Gesichtspunkten allein nicht ausreichend zu bewerten ist. Die konträre Beurteilung der Sinnhaftigkeit einer Zirkumzision durch US-amerikanische und europäische Pädiater unterstreicht, dass andere Gesichtspunkte hier ausschlaggebend sind.“

        Die kanadische Kinderärztevereinigung wird darüber hinaus demnächst auch eine Empfehlung für die Beschneidung von Knaben abgeben.

        Schließlich wird es gerade nicht deutlich, wieviele Männer an ihrer Beschneidung leiden sollen. Hierzu verweise ich auf meine Ausführungen zu Mogis e.V. und gerade mal fünf Betroffene. [entspricht teilweise nicht den Kommentarregeln] Dieses Gesetz wird gerade Sorge dafür tragen, dass Beschneidungen noch fachgerechter durchgeführt werden als eh schon in Deutschland.

    • Sehr geehrter Herr S.,

      seinen Vornamen kann man hierzulande als Erwachsener selbstverständlich ändern.
      Und kein Trainer wird ein Kind auf Dauer drillen, wenn es keine Lust mehr hat.
      Also nichts mit unabänderlichen Stempel – im Gegensatz zu einer Vorhautamputation, ab ist ab.

      Unschädlicher Eingriff?

      Vor seltenen, jedoch wohldokumentierten schwersten Komplikationen wie Verlust der Eichel, des Penis oder gar des Lebens in Folge einer Vorhautamputation nach Regeln der ärztlichen Kunst kann niemand mehr die Augen verschließen (auch hinter Risiken im Promillebereich stehen eben Kinder, bei denen es 100%ig daneben geht).

      Auch nicht vor dem Schicksal von erwachsenen Männern, bei denen sich die reduzierte Sensibilität ungünstig in ihrem Sexualleben auswirkt, nicht vor einem offenbar lukrativen Geschäft mit diversen Formen des Vorhautersatzes.

      „Beschneidungsgegner“ sind ein Phantom. Niemand will einem Erwachsenen, ob Mann oder Frau, verbieten, sich eigenverantwortlich diversen Formen der reduktiven Genitalchirurgie zu unterziehen.

    • @Igor S.

      es scheint Ihnen nicht klar zu sein, was unter Glaubens- und Gewissensfreiheit i.S.d. Verfassung zu verstehen ist. Es handelt sich um eine reine Bekenntnisfreiheit und nichts, was darüber hinaus geht.

      Alles, was Sie persönlich für nicht schädlich halten, können Sie an Ihrem eigenen Körper jederzeit durchführen oder durchführen lassen. Der Gesetzgeber hingegen hat die Unschädlichkeit von chirurgischen Eingriffen niemals in Form eines Gesetzes festzulegen. Genau dies ist aber geschehen und in der Geschichte der BRD einmalig.

      • Lieber Herr Herzer,

        jetzt wechseln Sie aber das Thema: Sie haben behauptet, Art. 136 WRV sei als Gesetzesvorbehalt für Art. 4 GG vorgesehen. Dies ist falsch, wie ich durch den Beschluss des BVerfG belegt habe. Vielmehr ist Art. 4 GG durch den Grundgesetzgeber wohlweislich ohne Gesetzesvorbehalt ausgestaltet worden, so dass Art. 136 WRV obsolet und bedeutungslos ist. Artikel des Grundgesetzes ohne Gesetzesvorbehalt besitzen eine überbordende Bedeutung, obschon sie natürlich verfassungsimmanenten Schranken unterliegen.

        Die Glaubensfreiheit ist hier überdies gar nicht berührt. Das Recht, seine Kinder religiös zu erziehen, speist sich indes aus Art. 6 Abs. 2 GG. Prof. Wolfram Höfling, Leiter des renommierten Kölner Instituts für Staatsrecht erklärt zudem schlüssig:

        „Die Eltern sind die primären Interpreten des Kindeswohls. Deshalb können Erziehungsstile und -maßnahmen, die auf ernsthaften Überzeugungen beruhen, auch dann vom Elternrecht geschützt sein, wenn sie einem pädagogischen Mainstream widersprechen. Der Staat darf erst einschreiten, wenn ein Missbrauch der elterlichen Sorge droht.“

        http://www.lto.de/recht/hintergruende/h/eckpunkte-fuer-beschneidungsgesetz-koerperverletzung-nicht-strafbar-personensorgerecht-schutz-des-kindeswohls/

    • Sind sie Arzt das sie wissen das die Beschneidung nicht schädlich ist?
      Soweit ich das mitbekommen habe ist die deutsche Ärzteschaft da relativ geschlossen anderer Ansicht, und die AAP deren Expertise das Gesetz ermöglichte dafür in der Fachzeitschrift pediatrics in der Kritik.
      I´m not convinced.
      http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2013/03/12/peds.2012-2896
      http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2013-03/beschneidungsgesetz-kinderaerzteverband-aap

  5. Ich bin der Ansicht das niemand das Recht hat seine Religion an einem anderen Menschen auszuüben und seien es die eigenen Kinder. Da religöse Erziehung auch ohne Skalpell machbar ist, sollte man es dem Kind überlassen ob es eine Beschneidung wünscht. Denn es ist fakt das der Eingriff irreversibel ist. Es gibt Menschen die damit nicht glücklich sind und die Religion muss sich den Gesetzen beugen nicht umgekehrt wie nun geschehen.

  6. Liebe Gina,

    die überwältigende Mehrheit der beschnittenen Männer ist sehr zufrieden mit ihrer Beschneidung, auch wenn Beschneidungsgegner ohne jede Grundlage beschnittene Männer zu viktimisieren oder ihnen küchenpsychologisch psychische Störungen anzudichten suchen. Selbiges kannte und kennt man leider immer noch etwa bei Homosexuellen, denen von Homophoben nach wie vor unterstellt wird, sie seien krank, pervers und widerwärtig, würden aber als Kranke ihrer Krankheit natürlich nicht selbst gewahr werden. Beide Sorten von Eiferern benötigen für derlei Vorhalte keine Empirie, der Wahn genügt bereits.

    Der Verein Mogis e.V. etwa konnte trotz monatelanger und bundesweiter Suche gerade mal um die fünf beschnittene Männer auftreiben, die angaben, mit ihrer Beschneidung unzufrieden zu sein. Wenn man bedenkt, dass es lediglich 5 (in Worten: fünf) Menschen gewesen sind, macht dies nichtmal einen Promille-Anteil der Grundgesamtheit aus. Darüber hinaus wissen wir nicht, was diese Männer sonst noch für Probleme haben, etwa physischer oder psychischer Natur. Wurde dies empirisch untersucht, wurden Störfaktoren kontrolliert, wurde die Fehlervarianz minimiert? Ich befürchte nicht. Sicherlich ließen sich auch fünf Männer auftreiben, die gerne ihre Mandeln zurück hätten. Bedeutete dies, dass Mandelentfernungen (oder wie Beschneidungsgegner sagen würden: Mandelamputationen) verboten gehörten?

    Ferner ist der Eingriff gerade nicht irreversibel: http://de.wikipedia.org/wiki/Wiederherstellen_der_Vorhaut

  7. Liebe Frau Dörner,
    es ist unendlich traurig, dass große Teile des Judentums und des Islam im 21. Jahrhundert immer noch von ihren Mitgliedern fordern, das Genital ihrer wehrlosen Söhne gewaltsam zu beschneiden. 20.000 hochspezialisierte Nervenenden werden weggeschnitten. Die Eichel verhornt, da ihr der natürliche Schutz geraubt wurde. Die natürliche sexuelle Empfindungsfähigkeit wird erheblich verändertt. Männer, die als Erwachsene beschnitten wurden und vergleichen können, beklagen oft einen Verlust von mehr als 60% ihrer natürlichen Sensitivität.
    Gemeinschaften wie die jüdische Gruppe Chabad Lubawitsch um Rabbi Yehuda Teichtal vertrauen darauf, dass ein Tropfen süßer Wein gegen die unsäglichen Schmerzen des Kindes bei der Amputation hilft. Dem Speichel des Beschneiders schreiben sie eine heilende Wirkung bei der Blutstillung der Peniswunde zu. Das alles ist schier unglaublich im 21. Jahrhundert. Die bekannten Gesetzmäßigkeiten der Natur scheinen an diesen Gemeinschaften seit Jahrhunderten vorbei zu gehen.

    Bitte machen Sie, liebe Frau Dörner, sich mit dafür stark, dass religiöse Gemeinschaften künftig die volle Verantwortung für die von ihnen angerichteten Schäden tragen und einen Entschädigungsfond für die Opfer ritueller Beschneidungen einrichten müssen.

  8. Die rechtliche und politische Einschätzung der Knabenbeschneidung durch Katja Dörner halte ich für absolut zutreffend. Nicht nur wird das Recht des kleinen Jungen auf körperliche Unversehrtheit gravierend und – da ohne Narkose – brutal verletzt. Auch sein Recht auf negative Religionsfreiheit, das heißt, sich im entsprechenden Alter für oder gegen die anerzogene Religion zu entscheiden wird ebenso missachtet. Er hat nämlich ein „Brandzeichen“, das ihn immer an seine Zwangsvereinnahmung durch die Religion seiner Eltern erinnert. (Was ja auch der Zweck der Beschneidung ist.)
    Und wenn Igor S. meint, es gäbe kaum Männer, die mit ihrer Beschneidung unglücklich sind, oder dass die Vorhautamputation nicht irreversibel sei, so ist er bärenschlecht informiert. Es gibt in Deutschland nur wenige mutige Männer, die sich öffentlich mit ihrem Unglück outen. Aber es werden von Tag zu Tag mehr. Vor allem in den USA. Und die „Wiederherstellung“ der Vorhaut durch Dehnung ist ein abmildernder Notbehelf. Die 20000 weggeschnittenen Nervenenden, die dem Lustempfinden in erheblichem Umfang dienen, wachsen leider nicht nach. Wer sich näher informieren will: http://www.beschneidung-von-jungen.de

    • Lieber Jörg H.,

      das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist gerade mit ausdrücklichem Gesetzesvorbehalt ausgestaltet worden, vgl. Art. 2 Abs. 2 S. 3 GG. Sofern Sie dieses Recht verabsolutieren, gehen Sie also fehl.

      Überdies wird durch eine Beschneidung freilich keine Religion oktroyiert. Die beschnittenen Einstein oder Freud waren überzeugte Atheisten, der als Jude beschnittene Jean-Marie Lustiger gar römisch-katholischer Erzbischof. Insofern kann sich jeder Beschnittene später für die Religion entscheiden, der er bevorzugt oder einfach Atheist werden. Dass beschnittene Männer durch ihren Penis an ihre Religion erinnert würden, ist indes ein derart skurriles Klischee eines nicht beschnittenen, dass sich jede nähere Ausführung hierzu erübrigt.

      Hinsichtlich der „20 000 Nervenenden für das Lustempfinden“:

      „Warum besseren Sex? Man kann als Mann deutlich besser kontrollieren, wann man kommt, muss sich also keinen Stress darüber machen. Damit kann man sich dem eigentlichen – dem Sex – deutlich entspannter widmen. Und wer lockerer ist, hat mehr Spaß im Bett.“

      http://www.neon.de/artikel/sehen/politik/penis-oder-identitaet/913813

  9. Komisch,
    auf Facebook bezeichnete ebenfalls ein Igor S. den Mogis e.V. als „Sekte“ – aber sei es drum.
    Angeblich sollen laut Studien 100% aller Babys (sowohl männlich als auch weiblich) mit ihren Genitalien zufrieden sein. Man mag der Studie als jemand, der meint, einem Baby schon für die Zukunft im Erwachsenenalter ein „Geschenk“ für seine spätere Sexualität zu machen, nicht glauben – jedoch haben Wissenschaftler herausgefunden, dass Menschen alles glauben, wenn am Anfang „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…“ steht.

    Wer weiß, warum manche mit den Zielen von Mogis solch Probleme hat, dass die Hetze nie aufhört und er meint, die Beschneidung von Babys (männlich und weiblich) mit den immer wieder aufkommenden „Argumenten“ wehement verteidigen zu müssen.

    Erbärmlich 🙁

    • Lieber Ivan S.,

      angeblich sind auch die meisten Kinder mit der Sauberkeit ihres Körpers und ihrem Wissensstand dergestalt zufrieden, dass sie Dusche und Schule für völlig entbehrlich halten. Mal im Ernst, Herr K.: Ohne eine Entscheidungsbefugnis der Eltern geht diese Zivilisation unter, denn Kinder sind mit so Vielem zufrieden, das ihrem Wohlergehen abträglich ist.

  10. Medizinischer Stand:

    Um nicht doppelt zu posten, hier ein Kommentar zur medizinischen Beurteilung der Vorhautbeschneidung – http://streit-wert.boellblog.org/2013/03/13/bereits-die-frage-ist-falsch-gestellt/#comment-1462 .

  11. Nun, Igor S. Das mit der Kontrolle ist Wunschdenken. Und ein wenig sexistisches Imponiergehabe. Ich kenne inzwischen etliche Berichte, in denen von den Betroffenen Klage darüber geführt wird, dass sie wegen des Sensitivitätsverlustes in der Regel nur mit großer Anstrengung zum Orgasmus kommen. Und etliche Partnerinnen berichten über den unbefriedigenden oder schwierigen Sex mit beschnittenen Männern. Und Frauen beklagen auch, dass sie mit ihren beschnittenen Männern meist nicht darüber reden können und bei dem Thema oft aggressiv reagieren: ein Zeichen dafür, dass sie im inneren spüren oder wissen, was ihnen fehlt, es aber nicht wahrhaben oder zugeben wollen. Das lässt ihr männliches Selbstbild nicht zu.

  12. Wir werden uns nie mehr und nicht rechtfertigen. Wir beschneiden seit 3.500 Jahre und haben alle „ewigen“ Reiche vergehen gesehen. Wir sind da! Ich bin stolz, dankbar und voll Achtung für meine Eltern, dass sie mich beschnitten haben. Und Sie maßen sich an über meine Gefühle und meine Eltern abfällig zu urteilen? Ein Urteilen, was Deutschen erst zusteht, wenn niemand mehr in der Am Israel sich an die Schoa erinnern wird. Wir fragen nicht mehr nach Eurer Anerkennung. Wir beschneiden. Lebt damit.

    • Verstehe ich Sie richtig, dass Sie für eine Tradition aus dem Zeitalter der Sklaverei Vorrang einfordern vor Recht und Gesetz des Landes, in dem Sie leben, und vor einer zeitgemäßen Auslegung der Menschenrechten?

      Und wer sind Sie, dass Sie meinen einem ganzen Volk das Recht absprechen zu können, sich eine Meinung zu bilden und diese zu vertreten, zu was oder wem auch immer?

      Jeder hat das Recht sich eine Meinung zu bilden und diese zu äußern.
      Aber es kann nicht jeder machen, was er will.

      So funktioniert ein Rechtsstaat.
      Das sind die Regeln und die gelten für alle.
      Oder sehen Sie das anders?

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