Warum wir uns mit Werte-Politik auseinandersetzen müssen.

von Sabine Carl

 

Ein moralisches Gesetz

Streitwert – der Titel macht deutlich, worum es geht: wir streiten um Werte, mit Hilfe derer wir bestimmen, wie die Gesellschaft aussieht in der wir leben , oder leben wollen.

Neben diesem StreitWert-Blog gibt es auch eine StreitWert-Veranstaltungsreihe. In diesem Rahmen wurde am 24.06. nach dem Streitwert der Prostitutionsdebatten gefragt. Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal betonte auf dem Podium, dass es sich um eine ethische Frage handele, die offen als solche adressiert werden solle. Demgegenüber erscheint es merkwürdig, dass Fabienne Freymadl, politische Sprecherin des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen, forderte, die ganze Moral beiseite zu lassen und endlich Realpolitik zu betreiben. Tatsächlich heißt es in den Prostitutionsdebatten oft, die Politik solle nicht Hüterin bestimmter Moralvorstellungen sein. Dabei wird unsichtbar, dass das Prostitutionsgesetz eine – beabsichtigte und begrüßenswerte – Durchsetzung einer (gewandelten) Moralvorstellung war. Es ist also eindeutig eine Werteentscheidung gewesen, die Prostitution aus der Sittenwidrigkeit heraus zu lösen.

Fakten vs. Werte?

Auf dem Podium forderte der Institutsleiter Christian Pfeiffer, Leiter des kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, Fakten ein. Was aber sind Fakten? Und wer sind die  Experten, die Mithu Sanyal für öffentliche Debatten fordert? Was für Wissen benötigen wir, um Politik mit und für diejenigen zu machen, die sie unmittelbar betrifft? Was sind seriöse Daten, die auch aus dem Publikum eingefordert wurden? Kann Wissen überhaupt als seriös, oder neutral  betrachtet werden?

Statt darum zu streiten, welches Wissen (quantitative Daten, oder qualitative Interviews, ‚Experten‘-Wissen oder das Wissen einer einzelnen Prostituierten) seriös oder neutral genug ist, um als Grundlage für politische Entscheidungen zu dienen, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass auch und gerade Wissensproduktion interessen- und wertegeleitet ist. Feministische Epistemolog_innen benennen dieses Phänomen als bias der Wissenssubjekte, welcher zum Beispiel bedingt, dass Christian Pfeiffer sich auf Interviews mit ukrainischen Frauen konzentriert, die aus ihrem Alltag als Prostituierte in Deutschland geflohen sind und nicht auf Frauen, die trotz allem wieder dahin zurückkehren, oder auf Interviews mit Frauen, die auf Grund ihrer privilegierten Position in der Lage sind, eine andere Art von Prostitution zu betreiben. Vielleicht spielt es also zunächst einmal gar keine Rolle (außer für den Etat eines Forschungsinstitutes), ob und in welchem Umfang empirisch-quantitative Erhebungen, oder qualitative Daten fehlen, um uns einzugestehen, dass wir es mit Wertepolitik zu tun haben.

Koalitionen für Selbstbestimmung und Schutz

Dieses Eingeständnis würde es uns ermöglichen, eine offenere, ehrlichere und koalitionsorientierte Debatte zu führen, welche zum Ziel hätte, gemeinsam zu definieren, mit welchen Werten wir unsere Gesellschaft ausstatten wollen. Nichts, nicht einmal Wirtschaftspolitik (und die schon gar nicht) ist wert-neutral! Bigott und neoliberal ist es dagegen, zu behaupten, es brauche lediglich ‚wertneutrale‘ Gesetzgebung, damit bestimmte Berufsgruppen (hier die Prostitution) sich selbst regulieren können.

Streitwert, die Veranstaltungsreihe beweist es: Werte sind nicht per se schlecht. Ein Wert ist nicht nur, wenn etwas als unseriös oder sittenwidrig abgewertet wird, sondern auch, wenn wir beispielsweise als Wert für uns bestimmen, dass jede_r sowohl freie Entfaltungsmöglichkeiten der Persönlichkeit, als auch uneingeschränkte Verfügungsgewalt über seinen_ihren Körper haben sollte. Beides scheint mir im Übrigen untrennbar miteinander verbunden, auch wenn bisweilen Debatten-Teilnehmer_innen darauf bestanden haben, dass Körper und Persönlichkeit voneinander trennbar seien. Letztlich kam der vielleicht fruchtbarste Beitrag am 24.6. aus dem Publikum mit der Frage: Welche Gesetzesregelungen können eine Stigmatisierung von Prostituierten verhindern und gleichzeitig Menschen Schutz vor psychischer und physischer Ausbeutung bieten? Wie kann eine größtmögliche Selbstbestimmung und freie Entfaltung der psychophysischen Persönlichkeiten aller gewährleistet und gleichzeitig der Schutz vor leibkörperlicher Ausbeutung in unserem kapitalistischen und patriarchalen und strukturell-rassistischen System gewährleistet werden?

Immer emotional, niemals wertneutral

Von allen Teilnehmer_innen auf dem Podium zur Streitwert-Debatte um Prostitution fehlte mir die Selbstpositionierung, nicht nur als diskriminierte, sondern auch als privilegierte Personen. Bei den durch ihren Beruf diskriminierten Aktivistinnen der Hurenbewegung und des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen handelt es sich beispielsweise offenbar um weiße, westeuropäische, bürgerliche Frauen. (Falls dem nicht so ist, bitte ich um Korrektur) Ukrainische und rumänische Frauen, die vor wirtschaftlicher Armut und den damit verbundenen, im Vergleich zur BRD deutlich schlechteren, Lebensbedingungen ihrer Heimaten in die ‚Flatrate-Bordelle‘ Deutschlands fliehen, stehen zweifelsohne vor völlig anderen Hindernissen und Herausforderungen, als ihre deutschen Kolleg_innen. Sowohl der Einwurf von einer Zuschauer_in, die schon im Anschluss an die erste Runde – und leider vom Podium und der Moderation völlig unkommentiert – diese fehlende Reflexivität anprangerte, als auch der Verweis von Volker Beck auf die unfassbar schlechte Immigrationspolitik Deutschlands bezogen sich darauf.

Von der notwendigen Selbstpositionierung möchte ich mich nicht ausnehmen. Als eine Frau, die noch nie in irgendeiner Weise direkt mit Prostituierten und Prostitution in Berührung gekommen ist, habe ich keine Kenntnisse davon, wie die Lebensrealitäten des Berufes und der Menschen, die ihn ausüben, aussehen. Mein Nichtwissen bedingt, dass ich sehr verunsichert bin ob der emotionalen und niemals wertneutralen Informationsflut, die mir aus Diskussionsrunden, wie der Streitwert-Debatte zur Prostitution entgegen schwemmt. Ich möchte nicht, dass Menschen aberkannt wird, eine Tätigkeit nach ihrer façon auszuführen, nur weil einige Andere glauben, sie sei – im Grunde immer noch – sittenwidrig. Ich bin für das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeiten eine_r_s Jeden. Ich will aber auch verhindert wissen, dass Menschen auf Grund ihrer Herkunft und ihres Geschlechts, oder anderer diskriminierender Kategorisierungen, zu einer bestimmten Arbeit, oder auch nur zu bestimmten Arbeitsbedingungen und Lebensweisen gezwungen werden. Im Kontext der Prostitutionsdebatte heißt das: Ich bin für das Recht auf uneingeschränkte Verfügungsmacht über den eigenen Körper und Schutz vor Missbrauch. (Ein Recht, dass bis heute bei Weitem nicht für alle, ja eigentlich für niemanden in der BRD gilt)

Mehrmals betonte die Moderatorin Ulrike Baureithel, dass beim Streitwert nicht um Zwangsarbeit gestritten würde, sondern um Prostitution ‚an sich‘. Ich bin jedoch der Meinung, dass in einer Diskussionsrunde, die gesellschaftliche Relevanz behauptet (‚Wir sind die Expert_innen‘),  nicht einfach eine Seite der Medaille ausgeblendet werden kann: Über Prostitution zu reden, ohne den Missbrauch von Prostitution durch „Zwangsprostitution“ und Menschenhandel und damit einhergehender sexualisierter Gewalt offenzulegen bedeutet, von einer privilegierten Position als freie, weiße Bürger_innen aus anders positionierte Prostituierte, ob nun Zwangsarbeiter_in oder nicht, zu verhöhnen.

Sabine Carl lebt und arbeitet in Brandenburg und Berlin. Die diplomierte Hildesheimer Kulturwissenschaftlerin und Gender Studierende der Humboldt Universität arbeitet derzeit als studentische Teilzeitkraft am Gunda Werner Institut und blogt über ihre Erfahrungen als feministische Reproduktionsarbeiterin und mit dem Anspruch gendersensibler Pädagogik auf http://bistduetwaeinmaedchen.blogspot.de/.

 

 

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Diskussion

  1. Der einzige Haken bei der geforderten Selbstreflektion und Selbstpositionierung (die meines Wissens bei allen anwesenden vielleicht nicht explizit gemacht wurde, aber von der ich weiß, dass sie da ist), ist: Wer sich als privilegiert identifiziert, identifiziert auch gleich die „Anderen“ – die Nicht-Privilegierten – mit. Die Gefahr des „Othering“, der Erzeugung eines stereotypen Opferbildes entland von race, gender und class wird dabei sehr deutlich.
    Ja, es stimmt, Prostitutionsmigrant*innen sind in der deutschen Debatte und auch woanders eher selten zu hören. Aber anstatt davon auszugehen, dass es an Exklusion und Unterdrückung geht, sollten wir – im Sinne einer inklusiven Wissensproduktion – vielleicht auch mal fragen, warum es so wenig politische Partizipation gibt. Vielleicht gibt es (berechtigte) Gründe) Vielleicht gibt es strukturelle Hindernisse, vielleicht beides und noch viel mehr.
    Wir könnten ja bei Pflegeangestellten und Hausangestellten die gleiche Frage stellen: Warum ist das, wenn überhaupt, ein Thema der Gewerkschaften und warum gibt es keine Migrant*innen, die – wie z.B: in den USA – selbst auf die Straße gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen. Wir können die Frage stellen, was politische Teilhabe ermöglicht und was nicht, aber diese Antwort geht weit über eine selbstreferentielle Selbstreflektion hinaus.

  2. Eine erfreuliche Kritik an der Einseitigkeit der Prostitutionsbejubler und wie tendenziös sie die Betroffenen auswählen und sprechen lassen.

    @Autorin: keine Feministin, die Prostitution kritisiert, hält sie für „sittenwidrig“. Es geht um das Erkennen der Gewalt: der ganz direkten, und der, die dem System inhärent ist.
    Wer Frauen nicht weiter diesem System und „ungewollten Sex“ (= Vergewaltigung) ausliefern will, sollte sich für das Nordische Modell engagieren. Denn die Legalisierung hat Menschenhandel im großen Stil überhaupt erst möglich gemacht: http://www.kriminalpolizei.de/themen/kriminalitaet/detailansicht-kriminalitaet/artikel/ausser-kontrolle.html
    Engagieren kann frau sich hier: http://abolition2014.blogspot.de/

    @Sonja D.: das Argument, mit der Benennung eigener Privilegien sei Othering verbunden, ist Nonsense. Die Benennung von Privilegien ist wichtig, um offenzulegen, wer von Machtstrukturen profitiert. Das gehört zu jeder machtkritischen Gesellschaftsanalyse.

  3. @Gunhild: Klar müssen wir Privilegien benennen (Sie könnten das ja auch mal tun….), aber man darf ja nicht da stehen bleiben. Und vor allem halte ich es für äußerst schwierig und kontraproduktiv das von Sexarbeiter*innen so offensiv einzufordern, mit dem Ziel (denn das ist hier ja der Klu) sie als Vertreter*innen ihrer Berufsgruppe zu diskreditieren. Wir können über alle Privilegien dieser Welt reden, aber manchmal läuft es darauf hinaus, dass das gegen jemand genutzt wird.

    So ist es z.B. sehr auffällig, dass oben im Text zwar eine Selbstpositionierung eingefordert wurde, aber letztendlich nur die Sexarbeiter*innen explizit in den Blick genommen wurden („handelt es sich beispielsweise offenbar um weiße, westeuropäische, bürgerliche Frauen“). Kein Wort wurde z.B. über Herrn Pfeiffer verloren, der so gerne auf der Grundlage von Informationen aus zweiter und dritter Hand über die Erfahrung von Zwangsprostituierten erzählt hat.
    Weiß waren übrigens auch nicht alle Podiumsteilnehmer*innen….

    Warum interessieren sich alle für die Privilegien, der öffentlich sichtbaren Prostituierten, aber nicht für die Privilegien der Prostitutionsgegner*innen? Reden wir doch mal darüber, was es bedeutet, bestimmte Akteure in dieser Diskussion über Privilegien wegzulassen und welche Folgen es für die Legitimität der politischen Partizipation von Sexarbeiter*innen hat, immer nur Sexarbeiter*innen ihr Privileg vorzuwerfen? Warum werfen wir nicht mal den ganzen Prostitutionsgegner Privilegien vor? Wollen wir die etwa nicht diskreditieren? Oder haben die keine Privilegien? Mh.

    Ja, wer auch immer eine Bewegung oder Organisation repräsentiert, organisiert, koordiniert – alle sind immer auf irgendeine Art privilegierter als alle anderen,weniger sichtbaren Mitstreiter*innen und Mitglieder. So what? Es ist doch weiterhin legitim für Sexarbeiter*innen öffentlich aufzutreten und ihre politischen Forderungen zu äußern? Und zwar ohne ständig Vorwürfe zu hören.

  4. Ich finde die Ideologisierung der Debatte teilweise wirklich fürchterlich. In dem Zusammenhang fällt mir ein Ausspruch ein, den ich vor kurzem in einer Sendung über Jean Jaures gehört habe: „Die Demokratie wird am meisten gefährdet duch die Menschen, die glauben im Besitz der allein seligmachenden Wahrheit zu sein.“ Und der Fanatismus der mir hier in etlichen Beiträgen mehr oder weniger unverhüllt entgegenschlägt, macht mir Angst…ich frage mich, wo ist der Unterschied zwischen christlichem Fundamentalismus, reaktionärem Konservativismus und orthodoxem Feminismus? Und wenn sich dann mal Sexworkerinnen aus der Deckung trauen und öffentlich Stellung beziehen, dann wirft man ihnen vor, sie seien doch „privilegiert“… Ist den Vertreterinnen des ultrafeministischen Lagers eigentlich bewusst, dass SIE ebenfalls eine privilegierte Klasse darstellen? Die Damen sind doch durch die Bank Vertreterinnen des mehr oder minder gebildeten weißen und mehr oder minder gut betuchten Bürgertums -also wo ist das Problem? Wer darüber rechtet, dass die Funktionärinnen beider Parteien „privilegiert“ und somit anscheindend nicht kompetent seien, der sollte sich dann doch bitte die Frage stellen, was denn DANN FunktionärInnen politischer Parteien, Sozialverbände etc. dazu legitimiert, die Interessen derer wahrzunehmen, die nicht so privilegiert sind wie sie, weil ihnen der Kampf um die bloße Existenz nicht die Zeit lässt, politisch zu arbeiten? Und das gilt für die Lidl-Kassiererin ebenso wie für die Sexworkerin aus Rumänien…. alle leiden gleichermaßen unter den gesellschaftlichen Stigmatisierung, geprägt von einer überholten christlich-fundamentalistisch geprägten Sexualmoral. Nur die einen haben die Möglichkeit sich zu wehren und die anderen nicht – aber diejenigen, die sich wehren, wehren sich im Namen ALLER. Das ist eines der simpelsten Prinzipien des imperativen Mandats. Schon mal was davon gehört, meine Damen?

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