Sex als Diensleistung oder Recht auf sexuellen Egoismus?

von Antje Schrupp

 

Aktuell scheint Schwedens Prostitutionsgesetz auch ein Vorbild für Deutschland. Doch gesetzliche Verschärfungen, gar ein Verbot von Prostitution würde vor allem den Sexarbeiterinnen schaden. Auch wenn nur Freier direkt bestraft werden sollen, würde eine Illegalisierung zwangsläufig auch die betroffenen Frauen rechtloser machen, sie hätten es dann schwerer, sich abzusichern, sich zu wehren, soziale Hilfestrukturen in Anspruch zu nehmen, sich generell zu organisieren.

Vor allem aber hätten sie es schwerer, Kunden zu finden. Bei Prostitution handelt es sich schließlich in erster Linie um ein ökonomisches Phänomen: Frauen (und junge Männer) bieten Sexdienste an, weil es für sie eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Sie wählen diese Tätigkeit, weil es angesichts ihrer konkreten Lebenssituation die am wenigsten schlechteste ist – weil sie zum Beispiel kaum andere Möglichkeiten haben, für sich oder ihre Kinder an Geld zu kommen. Man kann ruhig davon ausgehen, dass sie sehr wohl in der Lage sind, ihre Situation und ihre Optionen realistisch einzuschätzen.

Dass die meisten Sexarbeiterinnen ihre Arbeit in diesem Sinne „freiwillig“ tun, kann jedoch andererseits kein Argument dafür sein, das Phänomen Prostitution als völlig okay einzustufen. Auch wer ein gesetzliches Verbot ablehnt, muss deshalb noch nicht Sexarbeit gut oder normal finden. Leider sind an dieser Stelle neoliberale Begründungsmuster inzwischen weit in linke und feministische Denkweisen vorgedrungen: Hauptsache freiwillig, dann ist alles erlaubt, so scheinen viele zu glauben. Aber natürlich ist nicht alles, was freiwillig geschieht, auch okay.

Sicher ist es prinzipiell möglich, Sex als Ware, als Dienstleistung zu verstehen. Das Modell „Sex als Dienstleistung“ reproduziert jedoch eine traditionelle patriarchale Vorstellung, nämlich dass Sex nicht etwas sei, das zwei (oder mehr) Menschen aufgrund von gegenseitigem Begehren miteinander tun, sondern etwas, das einer (in aller Regel ein Mann) mit einem anderen (in aller Regel eine Frau oder ein jüngerer Mann) tut. Diese Auffassung von Sex war Jahrhunderte lang vorherrschend und ist erst in jüngster Zeit – unter anderem auch vom Feminismus – hinterfragt worden.

Aber wenn die Bereitstellung eines Körpers zur Befriedigung der sexuellen Wünsche eines erwachsenen Mannes „freiwillig“ im Rahmen eines geregelten Konsumverhältnisses geschieht, dann scheint plötzlich wieder alles paletti zu sein? Dass „Consent“, also die formale Zustimmung aller Beteiligten, eine ausreichende Legitimation für sexuelle Handlungen sei, scheint inzwischen Common Sense. Die Frau muss nicht selber Lust auf Sex haben, es reicht, wenn sie nicht vernehmbar protestiert – genau das ist ja auch die Logik in Vergewaltigungsprozessen.

Dass Männer ein natürliches Recht auf Sex mit einer Frau (oder gegebenenfalls auch einem Mann) hätten, glauben inzwischen viele. Männer hätten „Fickrechte“, habe ich im Zuge der Debatte mehrfach gehört. Und wenn sie Frauen nicht mehr wie früher zum Sex zwingen dürfen, dann muss eben der Markt einspringen. Manche sehen in Sexarbeit sogar eine Spezialform von „Care“, vergleichen sie also mit der Fürsorge für kranke oder pflegebedürftige Menschen. Aber ist der Wunsch nach Sex wirklich vergleichbar mit dem Bedürfnis nach Nahrung und Körperpflege?

Ich finde nicht. Zumal es allzu oft auch gar nicht der Wunsch nach überhaupt irgendeiner Form von Sex ist, der Männer zum Kauf von sexuellen Diensten bewegt, sondern der Anspruch, Sexualität exakt so ausleben zu können, wie es den eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht. Eine Pro-Sexarbeits-Aktivistin sagte mir mal, es sei doch kein Wunder, wenn Männer professionelle Sexarbeiterinnen aufsuchen würden, angesichts der Trägheit und Phantasielosigkeit vieler Ehefrauen im Bett. Und in Freierforen wird ganz ungeniert darüber diskutiert, dass „normale“ Frauen zu dick, zu alt oder zu hässlich sind, außerdem stellen sie ungebührliche Ansprüche. Sie lassen sich nur ungern in den Arsch ficken oder fesseln, und am Ende wollen sie dann nicht nur Sex, sondern auch noch Zuwendung und Aufmerksamkeit. Da ist der Weg ins Bordell doch wohl gutes Mannesrecht!

Prostitution ist letzten Endes die institutionalisierte Idee vom Recht auf sexuellen Egoismus. Ihre Existenz garantiert, dass Männer „Fickrechte“ in Anspruch nehmen können, ohne sich über ihre sexuelle Wünsche mit anderen auseinandersetzen zu müssen. Prostitution bestärkt so eine Vorstellung von Männlichkeit, die auch sonst für die Gesellschaft schädlich ist.

Die Frage nach dem gegenseitigen Begehren als Voraussetzung für legitimen Sex gehört deshalb aus meiner Sicht ins Zentrum der Debatte. Warum haben Freier überhaupt Lust, mit einer Person Sex zu haben, die oder der das nur für Geld macht? Warum ist es ihnen so egal, ob sie von den Frauen oder jungen Männern, mit denen sie Sex haben, selber auch begehrt werden? Und: Wie wirkt sich diese Geringschätzung des (weiblichen) Begehrens über den Aspekt der Sexualität hinaus auf das Verhältnis der Geschlechter aus?

Das ist der „StreitWert“, um den es hier geht. Darüber sollten wir streiten – und nicht über die Verschärfung von Gesetzen.

 

»Ist eine Gesellschaft ohne Sexarbeit denkbar/wünschenswert?«

Prostitution ist ein kulturelles und ökonomisches Phänomen, kein naturgegebenes. Deshalb ist eine Gesellschaft ohne Sexarbeit selbstverständlich denkbar. Prostitution ist aber so eng mit dem Geschlechterverhältnis verwoben, dass die Frage losgelöst davon wenig Sinn ergibt. Solange männliche Dominanz herrscht, wird es auch Prostitution geben, denn sie dient dazu, diese Dominanz zu bestärken. Die Frage, wie es in einer Gesellschaft ohne männliche Dominanz wäre, ist spekulativ. Ich vermute, es gäbe dann keinen Bedarf mehr an Prostitution, weil Männer keine Lust mehr auf Sex hätten, ohne dass die anderen Beteiligten selber auch Lust darauf haben. Vielleicht gäbe es aber auch Sexarbeit, die tatsächlich nur den reinen Sex verkaufen würde und kein Zeichen mehr für die Verfügbarkeit weiblicher Körper wäre. Dann wäre das für mich völlig okay. Nur: Solange männliche Dominanz gesellschaftliche Realität ist, stellt sich diese Frage überhaupt nicht.

Dr. Antje Schrupp ist Journalistin und Politikwissenschaftlerin und lebt in Frankfurt am Main. Sie beschäftigt sich besonders mit weiblicher politischer Ideengeschichte und bloggt unter www.antjeschrupp.com

 

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Diskussion

  1. Hier ein Link zur Dokumentation einer Fach-Veranstaltung:
    „prostitution macht geschlecht“
    http://www.frauen.bremen.de/sixcms/media.php/13/Dokumentation%20prostitution%20macht%20geschlecht.pdf

  2. Liebe Antje,
    ich habe Deine Veröffentlichungen immer sehr interessiert gelesen, auch zu Deinen Schlussfolgerungen hier kann ich Dir nur zustimmen, aber Deine Annahmen zum schwedischen Modell (würde vor allem den „Sexarbeiterinnen“ schaden) und zur Freiwilligkeit der Prostituierten teile ich überhaupt nicht.

    Für mich geht es nicht um die paar Hundert „Sex-ArbeiterInnen“, die den Appell für Prostitution unterschrieben haben (Bordell-BetreiberInnen und ProfiteurInnen lasse ich mal außen vor). Sondern es geht mir um die Zehntausende und Hunderttausende von Mädchen und Frauen aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn, die von ihren Familien nach Deutschland in die Prostitution geschickt werden, um für die ganze Familie Geld zu verdienen.

    „Die Familien wissen, wenn sie ein Mädchen nach Deutschland in die Prostitution schicken, dann bekommen sie ein psychisches und physisches Wrack zurück. Sie wissen es und sie tun es, weil es ein mögliches Geschäft ist in Deutschland. Weil es in Deutschland legal ist, weil sie sich nicht strafbar machen, weil es ein Geschäftsmodell ist. Und es ist das einzige Geschäftsmodell, das sie haben.

    Wenn man sich nicht für ein Sexkaufverbot einsetzt, dann ist man daran beteiligt, dass jetzt im Moment eine Siebzehnjährige in irgendeinem Bus sitzt und nach München fährt. Und morgen wird sie zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Bordell sein und sie wird ihrem ersten Freier begegnen. Er wird über sie herfallen und sie wird traumatisiert sein. Und dann kommt der nächste Freier und der nächste Freier und der nächste Freier. Und das wird sie solange machen, bis sie ein Wrack ist. Und dann wird sie ausgetauscht und dann kommt die Cousine.“

    (Originalton von Sabine Constabel, die seit über 20 Jahren mit Prostituierten arbeitet)

    In den Ohren einer solchen siebzehnjährigen Rumänin klingen Sätze wie dieser von Dir vermutlich wie blanker Hohn und Zynismus: „Man kann ruhig davon ausgehen, dass sie sehr wohl in der Lage sind, ihre Situation und ihre Optionen realistisch einzuschätzen.“

    Warum fehlen in Eurer Linkliste alle prostitutionskritischen Stimmen wie:
    http://spaceinternational.ie/
    http://frauensindkeineware.blogspot.de
    http://www.abolition2014.blogspot.de/
    • banishea.wordpress.com
    http://www.bi-gegen-bordell.de/
    https://www.facebook.com/pages/Echte-M%C3%A4nner-kaufen-keine-Frauen/157897974386335
    http://freiersblick.wordpress.com/Karlsruher Appell
    http://dievulkantaenzerin.wordpress.com/
    http://kofra.de/htm/Zeitung/148.1.pdf,
    http://kofra.de/htm/Zeitung/145%20KOFRA.pdf
    http://www.inga-ev.de
    http://www.karo-ev.de
    http://solwodi.de/
    http://kajsaekisekman.blogspot.de/

    EMMA ist zwar immerhin erwähnt, aber gleich auf die richtige Seite zu verlinken, habt ihr euch nicht getraut?
    http://www.emma.de/thema/der-appell-gegen-prostitution-111249

    Schade, dass Du nicht bei unserer Podiumsdiskussion in München warst http://kofra.de/htm/_TEMP/6.2014.Podiumsdiskussion%20Prostitution.pdf, aber vielleicht kommst Du ja zu unserem internationalen Kongress im Dezember.

    Mit feministischen Grüßen

    Kofra

  3. Liebe Antje Schrupp,

    so sehr ich Ihre Analyse der Begehrenskonstallation für richtig halte, so falsch ist leider Ihre Einschätzung des Nordischen Modells. Ich vermute, dass Sie diese Annahmen von der Prostitutionslobby ohne weitere Prüfung übernommen haben. Diese sind zur Zeit leider sehr verbreitet, aber das macht sie in keiner Weise richtiger. Das Nordische Modell besteht genau darin, parteilich *für* die Menschen in der Prostitution zu sein, in der Annahme, dass sie es sind, die durch die Sexindustrie geschädigt werden. Das bedeutet: sofern ein Gesetzessystem sie kriminalisiert, ist die Entkriminalisierung der prostituted Persons ein allererster wichtiger Schritt. Kriminalisiert werden *nur* die Freier, in dem Wissen, dass sie es sind, die durch ihre Nachfrage den Markt schaffen.
    Diese Nachfrage bedeutet für Deutschland ein explosiv gewachsener Markt, der nur dadurch „nachgefüttert“ werden kann, dass die Notlagen armer, junger Frauen ausgenutzt werden. Diese Dokumentation zeigt das gut:
    http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/stationen/stationendokumentation-164.html. Daran wird auch sichtbar, dass die Zwangsprostitution in die normale Bordellinfrastruktur eingebunden ist. Es findet in derselben Sphäre statt. Und dieser Riesenmarkt hat zu einem Abfallen der Preise ohnegleichen geführt. Für teilweise 20, manchmal sogar nur 5€ wird das sexuelle Benutztwerden angeboten. In Deutschland, einem Land mit Hunderten von Bordellen, gibt es nur etwa 5 Ausstiegsprogramme. Normale Folge dessen, Prostitution für einen Beruf wie jeden anderen zu halten, von dem der Staat übrigens über Pauschalsteuern gut mitkassiert. Die Lage der prostituierten Frauen hier hat sich so extrem verschlechtert, dass ich es inzwischen für fahrlässig halte, die Gewalt, der hier Tausende von Menschen ausgesetzt sind, bei dem Thema nicht mitzuerwähnen. Zuhälter und Menschenhändler sind eine Realität.
    Hier sind ein paar Fakten über das Nordische Modell aufgeführt: http://abolition2014.blogspot.de/2014/06/das-schwedische-modell-des.html

    In der verlinkten Doku vom BR kommt auch die Traumatherapeutin Michaela Huber zu Wort. Sie beschreibt gut, dass ein serielles sexuell Benutztwerden und Penetriertwerden nicht ohne Dissoziation ertragen werden kann. Eigentlich einleuchtend. Auch das wird in der hiesigen Debatte leider viel zu oft ausgeblendet. Man möchte, dass die sogenannte Selbstbestimmung diese trübe Tatsache überstrahlt, als nüchtern ausgeübte Arbeit. Es gibt aber keine Gruppe von Frauen, für die eine derart invasive, die Intimität ausbeutende Tätigkeit ohne Nebenwirkungen machbar ist. Sie kritisieren ja auch, dass die formale Zustimmung alles daraus folgende Unkritisierbar macht. Und genau das ist es ja, es geht bei der Prostitution um eine der verschiedenen Verfügbarmachungen von – vor allem – weiblichen Körpern für – so gut wie immer – Männer. Ähnlich wie bei Vergewaltigungen.

    Schade finde ich, dass Sie inzwischen die sterilisierte Sprache der Pro-ProstitutionsaktivistInnen übernommen haben, und von „Sexarbeit“ sprechen. Dieses Wort verharmlost die Gewalt, die der Prostitution inhärent ist. Von Rebecca Mott, Überlebender der Sexindustrie, wird die Verwendung des Wortes als weitere Verletzung und Unsichtbarmachung ihrer Verletzung durch die Prostitution bezeichnet: http://rebeccamott.net/2013/10/02/it-is-not-sex-work/ .

  4. „Aber ist der Wunsch nach Sex wirklich vergleichbar mit dem Bedürfnis nach Nahrung und Körperpflege? Ich finde nicht.“

    Der Satz ist sehr streitbar, und ich denke es gibt Untersuchungen, die zu dem Schluss kommen, dass Sex ein menschliches Bedürfnis ist, das bei Nichterfüllung zwar nicht zu Hunger- oder Verdurstungstod führt, aber doch negative psychischen Auswirkungen hat.

    Freilich ist es ein schöner Wunsch, dass sich nur Paare finden, die einander begehren. Aber was macht eine Person in der Zwischenzeit, solange sie keinen Partner/Partnerin findet? Und wenn diese Zwischenzeit immer länger wird? Wenn eine Person nicht den Schönheitsidealen entspricht? Wenn eine Person behindert ist?
    Der Kampf gegen Prostitution kann nur funktionieren, wenn es auch den Kampf gegen Schönheitsnormen gibt (das bezieht sich nicht nur auf Äußeres, auch auf Status, Geld, Flirtbegabung usw.). Ich würde stark vermuten, Frau Schupp, dass Sie diesen zweiten ‚Kampf‘ ebenso bestreiten wollen, er sollte in einem solchen Text aber auch expressis verbis mitgenannt werden.

    Des weiteren kennen wohl auch die meisten Paare auch noch das Problem, dass es prinzipiell zwar gegenseitiges Begehren gibt, aber es dann auch mal nicht zeitgleich ist; der eine will, die andere nicht (oder umgekehrt). A-sexueller Egoismus? „Eheliche Pflichten“ klingt hart, es könnte auch „Liebesdienst“ genannt werden: Dem Partner / der Partnerin zuliebe auch mal Sex mitmachen, auch wenn die Lust kleiner ist als des Partners, der Partnerin. Kennt wahrscheinliches jedes Paar.

    Will sagen: Es ist ein bisschen leicht dahergesagt, es soll eben Sex nur bei 100% gegenseitigem Begehren stattfinden. Das ist doch utopisch, jedenfalls sagen Sie nichts dazu, wie es dazu kommen könnte und möglichst viele Menschen in diesem Sinne glücklich werden können. Dazu gehört wesentlich mehr als Prostitution verbieten.

  5. Wie kann man so scheiße zynisch sein, Frau Doktor?

    Aktuell befindet sich nicht nur Griechenlands Ökonomie in einer tiefen Krise, sondern auch in anderen 3. Welt Ländern leben Millionen von Menschen von weniger als 1 Euro am Tag. Hunger ist ihr ständiger Begleiter. Für viele Menschen, die keine soziale Absicherung mehr haben und in großer Armut leben, ist die Möglichkeit, ihre Organe zu verkaufen, daher eine Möglichkeit, sich und ihre Familien aufgrund des Versagens der sozialen Strukturen vor der Armut zu bewahren. Der Organhandel in diesen Ländern boomt. Nicht nur Griechenland diskutiert daher nach deutschem Vorbild ein Verbot des Organhandels. Doch eine gesetzliche Verschärfung, gar ein Verbot des Organhandels würde vor allen den Organverkäufern schaden. Auch wenn nur die Organverkäufer bestraft werden, würde eine Illegalisierung zwangsläufig auch die betroffenen Menschen treffen, die ihre Organe verkaufen, sie hätten es schwerer, die Organentnahme unter gesundheitlich weniger risikoreichen Umständen vornehmen zu lassen und Zugang zu einer entsprechenden Nachsorge zu haben.

    Vor allem aber hätten sie es schwerer, Kunden für ihre Organe zu finden. Beim Organhandel handelt es sich schließlich in erster Linie um ein ökonomisches Phänomen: Menschen bieten ihre Organe an, weil sie es für eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Sie wählen diese Tätigkeit, weil es angesichts ihrer konkreten Lebenssituation die am wenigsten schlechteste ist – weil sie zum Beispiel kaum andere Möglichkeiten haben, für sich oder ihre Kinder an Geld zu kommen. Man kann ruhig davon ausgehen, dass sie sehr wohl in der Lage sind, ihre Situation und ihre Optionen realistisch einzuschätzen.

    Dass die meisten Organverkäufer den Verkauf ihrer Organe in diesem Sinne „freiwillig“ tun, kann jedoch andererseits kein Argument dafür sein, das Phänomen des Organhandels als völlig okay einzustufen. Auch wer ein gesetzliches Verbot ablehnt, muss deshalb noch nicht Organhandel gut oder normal finden. Leider sind an dieser Stelle neoliberale Begründungsmuster inzwischen weit in linke und sozialkritische Denkweisen vorgedrungen: Hauptsache freiwillig, dann ist alles erlaubt, so scheinen viele zu glauben. Aber natürlich ist nicht alles, was freiwillig geschieht, auch okay.

    Sicher ist es prinzipiell möglich, eigene Organe und deren Verkauf als Dienstleistung zu verstehen. Das Modell „Organhandel als Dienstleistung“ reproduziert jedoch eine traditionell kapitalistische Vorstellung, nämlich dass alles, was zwischen zwei Menschen geschieht, prinzipiell käuflich ist und einen käuflichen Wert hat. Diese Auffassung ist seit etwa 500 Jahren in unser Gesellschaft vorherrschend und erst mit Aufkommen des Marxismus vor rund 160 Jahren hinterfragt worden.

    Aber wenn die Bereitstellung eines Organs zur Rettung des Lebens eines anderen „freiwillig“ im Rahmen eines geregelten Konsumverhältnisses geschieht, dann scheint plötzlich wieder alles paletti zu sein? Dass „Consent“, also die formale Zustimmung aller Beteiligten eine ausreichende Legitimation für die Entnahme eines Organs ist, damit ein anderer, reicherer Mensch, die Möglichkeit hat, damit weiterzuleben, scheint zum Common Sense zu werden. Der ärmere Mensch hat immerhin seine Zustimmung gegeben und muss ja selbst keine Lust auf ein eigenes, gesundes Leben haben, solange er dafür bezahlt worden ist.

    Dass Reiche ein natürliches Recht auf die Ausbeutung, insbesondere die körperliche Ausbeutung ärmere Menschen haben, glauben viele. Reiche haben Privilegien, „eure Armut kotzt mich an“ habe ich in der Debatte mehrfach gehört. Wenn sie Arme nicht mehr wie früher zur Sklavenarbeit zwingen dürfen, dann muss eben der Markt einspringen. Manche sehen im Organhandel sogar eine Spezialform von „Care“, vergleichen sie also mit der Fürsorge für kranke oder pflegebedürftige Menschen, die ja bereits von vielen Menschen aus ärmeren Ländern übernommen wird. Aber ist der Wunsch nach Überleben mit einem fremden Organ wirklich vergleichbar mit dem Bedürfnis nach Nahrung und Körperpflege?

    Ich finde es nicht. Zumal es allzu oft auch gar nicht der Wunsch nach einer generellen Form der Ausbeutung ist, sondern der spezielle Anspruch auf ein gesundes Organ eines armen Menschen. Eine Pro-Organhandel-Aktivistin sagte mir mal, es sei doch kein Wunder, dass Reiche den privaten Organhandel suchten, angesichts der strengen Auflagen der staatlichen Organvergabe. Da ist der Weg in den privaten Organmarkt ja wohl bestes Wohlstandsrecht! Wofür arbeiten wir denn schließlich alle und zahlen Steuern? Wofür gibt es die Dritte Welt denn überhaupt, wenn nicht dafür, uns mit fehlenden Ressourcen, im Zweifel eben Organen zu versorgen?

    Organhandel ist letzten Endes die institutionalisierte Idee vom Recht auf kapitalistischen Egoismus. Seine Existenz garantiert, das Reiche ihr Recht auf Überleben auf Kosten der Gesundheit Ärmerer in Anspruch nehmen können, ohne sich Gedanken über das Überleben des Spenders machen zu müssen – denn sie bezahlen ihn immerhin dafür. Organhandel bestärkt so die Idee einer Gesellschaft, in der alles käuflich ist und der Reiche am Ende immer gewinnt.

    Die Frage nach der Käuflichkeit als Voraussetzung für Organhandel gehört deshalb aus meiner Sicht ins Zentrum der Debatte. Warum haben Menschen überhaupt den Anspruch, Organe anderer Menschen zu kaufen, obwohl sie wissen, dass diese nach der Organentnahme krank werden oder sterben und ihre Organe nur verkaufen, weil ihnen der ökonomische Zwang keine andere Wahl lässt? Wie wirkt sich diese Geringschätzung menschlichen Lebens auf das Verhältnis der Menschlichkeit untereinander aus?

    Das ist der „StreitWert“, um den es hier geht. Darüber sollten wir streiten – und nicht über die Verschärfung von Gesetzen.

  6. Ich teile Antje Schrupps Gedanken zum Begehren und ihre Interpretation von Prostitution bzw. käuflicher sexueller Dienste als „männliches Fickrecht“ nicht wirklich – ohne das jetzt ausführen zu wollen.

    Dankbar bin ich ihr jedoch dafür, dass sie den wichtigen Unterschied zwischen einer hochtheoretischen Diskussion (die ja auch wichtig und notwendig ist) von der Frage trennt, wie denn nun Gesetze aussehen soll. Entgegen der anderen Kommentatorinnen hier, die undifferenziert und ohne Rücksicht für die negativen Auswirkungen von Verboten, inkl. dem sogenannten „schwedischen Modell“, gegen Sexarbeit und Sexarbeiter*innen kämpfen, freue ich mich über Schrupps Sicht. Man kann tief drinnen Prostitution verabscheuen (ich vermute, dass sie das tut), aber man kann trotzdem einen Blick für die Realität und vor allem für die reale Umsetzung von Gesetzen und Verboten behalten. Das wünsche ich mir häufiger.

    Schwierig finde ich es, dass Gewalt in der Sexarbeit – gegen die übrigens Sexarbeiter*innen mindestens seit den 1970er Jahren kämpfen – hier instrumentalisiert wird, um Gesetze zu erlassen, die Gewalt erst begünstigen. Prostitution ist nicht per se Gewalt, genauso wie Ehe nicht per se Gewalt ist, auch wenn es viel häusliche Gewalt gibt.

    Wir verbieten ja auch nicht Ehe oder Sex um gegen Gewalt in der Ehe oder Vergewaltigungen vorzugehen. Nichts wäre sinnloser!

    Da hier oben ganz viele Links hinterlassen wurden, erlaube ich mir auch etwas hier zu lassen, mit der Warnung, dass die obigen Kommentator*innen, diese verabscheuen.

    Die Wahrheit über das „nordische Modell“
    http://menschenhandelheute.net/2014/07/01/prostitution-und-menschenhandel-1-die-wahrheit-uber-das-nordische-und-schwedische-modell/

    Was Überwachung mit dem Kampf gegen Menschenhandel zu tun hat
    http://menschenhandelheute.net/2014/05/19/sex-sklaven-und-der-uberwachungsstaat-warum-menschenhandel-ein-gefahrlicher-begriff-ist/

    Eine Sammlung von Abstract zum Thema „Sexarbeit“
    sexworkresearch.wordpress.com

    Warum die Frauenbewegung Sexarbeiter*innen zuhören muss
    http://menschenhandelheute.net/2012/05/24/crossblogged-warum-die-frauenbewegung-sexarbeiter_innen-zuhoren-muss/

  7. Was ich erschreckend finde in diesem situativen Kontext, ist das Menschen – oder besser gesagt: das Männerbild vieler Foristinnen. Männer sind Schweine, schwanzgesteuerte Monster, primitiv, ausbeuterisch, allzeit gewaltbereit und einzig und allein von ihren Hormonen gesteuert….. hm… ich weiß ja nicht, mit wem die Damen die hier posten normalerweise Umgang haben – ob sie Väter, Brüder, Ehemänner, Söhne, Schwiegersöhne, Arbeitskollegen, Parteifreunde oder Mitstreiter in NGOS haben…. aber WENN das so ist, dann müssen sie doch permanent mit einer geladenen Kalaschnikov in der Handtasche durch die Gegend laufen, die Mentalität einer Guerillakämpferin entwickelt haben und permanent auf dem Qui vive sein, falls ihnen irgend einer dieser bösen Mitmenschen etwas tun will… Ich fürchte nur, mit dem „Feindbild Mann“ ist dem Problem nicht beizukommen… Die Geschichte lehrt uns, dass Frauen nicht per se die besseren Menschen sind – man betrachte sich unter diesem Aspekt die derzeitige Bundesregierung – im übrigen war mein letzter Vorgesetzter in meinem letzten bürgerlichen Job eine FRAU – und sie war das größte Arschloch, was frau sich denken kann…
    und merkwürdigerweise ist mir in all den Jahren in denen ich einen Teil meines Lebensunterhalts durch Sexarbeit bestritten habe, nie so ein schwanz gesteuerter Unhold begegnet… meine Begegnungen waren -und sind – von anderer Qualität… aber das ist eine andere Geschichte…

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