Dieter Janecek « Was ist der Streit-Wert?

Dieter Janecek

19. September 2012,

Grüne Nerds und das Gefasel von Post-Gender

Gibt es auch grüne Nerds? Diese ausschließlich bei den Piraten vermuteten bleichgesichtigen männlichen Computerfreaks, die sich nach gängiger Vorstellung auch während der Biergartenzeit lieber mit Club Mate in dunkleln Zimmern einsperren um ihrer Spielsucht zu frönen, als den Sonnenstrahlen zu frohlocken?

Das Internet ist längst lebensweltliche Realität, die Vielfalt der Milieus auch

Klar gibt es die und es nicht mal wenige. Sie sind Teil der Vielfalt dieser und anderer Parteien, die ja alle danach streben, zumindest in Ansätzen die Gesellschaft abzubilden. Ein paar Nerdinnen gibt es auch, aber die sind rar gesät. Aber was solls? Die Ausbreitung des Internets hinein in die Lebenswelten demnächst sämtlicher Altersschichten ist so rasant, dass wir 2012 schon darüber zu gähnen beginnen, was uns Ende 2011 per Medien-Hype als Internetrevolution und kultureller (= digitaler) Wandel verkauft wurde. Das Universum Internet ist viel zu groß, um von einzelnen Bewegungen repräsentiert zu werden. Spätestens 2013 werden Parteien, die ihr Hipstertum darauf begründen, möglichst viel zu twittern, bereits so spannend sein wie das neuerliche Comeback von Roland Kaiser.

Endloses Technikgeschwurbel schreckt Frauen (und Männer) ab

Wenn das Internet uns also lebensweltlich so überwölbt wie es von außen den Anschein hat, muss doch schleunigst die Frage geklärt werden, inwieweit Parität und Teilhabe der Geschlechter sich in dieser Entwicklung relevant widerspiegeln oder nicht. Männliche Dominanz? Die Wikipedia-Community z.B. ist tendenziell frauenfeindlich. Schon fühlt man sich dort genötigt, eigene Frauencamps für den besseren Umgang miteinander zu organisieren, aber das allein ändert nichts am mangelnden Genderverständnis insgesamt in manchen technizistisch geprägten Diskursräumen. Wo Männer in der Vergangenheit unter sich waren, sind sie erfahrungsgemäß nicht erpicht, dies für die Zukunft zu ändern. Und so drehen wir uns im Kreis. Insbesondere die Diskussionen der Netzpolitik, die vorrangig im technisch-juristischen Rahmen stattfinden, sind für viele Frauen scheinbar eher unattraktiv. Geht mir übrigens genauso. Leistungsschutzrecht, Urheberrecht, ACTA, PIPA, etcetera – alles schön und gut und wichtig, aber das kann es doch nicht allein gewesen sein? Wenn es um das soziale und kreative Potenzial des Internets geht, sind Frauen mit Begeisterung vorne dran wie der hohe Frauenanteil in der Blogosphäre und den sozialen Netzwerken zeigt. Hinzu kommt: Rund um die Netzpolitik (wie auch anderswo) ist Sprache sehr entscheidend. Man kann Fragestellungen so formulieren, dass sie Frauen interessieren – oder abschrecken. “Frauen” meint dabei “den weiblichen Durchschnitt” – Ausnahmen gibt es immer.

Das System Piraten ist und bleibt ein männliches

Und die Piraten? Die waren vordergründig ein spannendes Experiment mit wichtigen Impulsen insbesondere in Richtung (digitaler) Demokratie und mehr Beteiligung. Aber wenn der Hype vorüber ist, was bleibt? Vorrangig ein Scheitern. Die Schwerfälligkeit ihrer Entscheidungsstrukturen ist geradezu grotesk, vor allem wenn man dem die Möglichkeiten der Entscheidungsfindung und Vernetzung übers Internet entgegenstellt. Die fast ausschließlich männlichen Trolle bekommen sie nicht in den Griff, sie dominieren den Alltag und das Erscheinungsbild. Und sorry, wer im 21. Jahrhundert Wahllisten mit 80-90% Männern dem Volk anbietet, ist entweder reaktionär, evtl. bei der FDP oder halt eine Landesorganisation der Piratenpartei. Genderpolitik der Piraten? Maximal Gedöns oder Hobby einzelner, solange Posten und Macht bei denen verteilt wird, die Penisse haben.  Stundenlanges sinnfreies “Kandidatengrillen” und Shitstorm”kultur” sind weitere Attribute männlichen Gehabes, in der möglichst viele (Männer) zu Wort kommen (müssen) mit möglichst geringem inhaltlichen Ertrag. Sollte sich demnächst eine Partei der Gebirgsschützen gründen und von transsexuellen Eichhörnchen faseln, wie gehen wir dann mit ihnen um? Postgender steht in männlich dominierten Strukturen für verdecktes Patriarchat. Bei den Piraten mit Piratinnen wie Julia Schramm und Marina Weisband inklusive, aber was bringts?

Dann wäre da als positive Errungenschaft der Piraten immerhin noch Liquid Feedback: Prinzipiell interessant für mehr Beteiligung von Frauen und Männern, wenn es denn niederschwellig und praktikabel organisiert wäre, so dass nicht nur eine kleine Elite mit ausreichend Freizeit das System dominiert. Als Ergänzung, nicht als Ersatz zur real-life Demokratie. Wird Frauen (und viele Männer) aber nur dann interessieren, wenn sie nicht totgequatscht werden oder wie bei Online-Spielen 24/7 online sein müssen, um in die TOP 10 aufzusteigen.

Nur wer die Machtfrage stellt, steht glaubwürdig für Genderpolitik

Am Ende zählen die Fakten, die reale Verteilung der Macht: Die Grünen, aber auch weite Teile der SPD und der Linken, stehen mit der Quote für gelebte Geschlechtergerechtigkeit und damit für die Moderne.  Die Errungenschaften in Sachen Geschlechtergerechtigkeit gilt es offensiv zu verteidigen: von Männern wie Frauen. 50%+ Frauenanteil in Funktionen und Mandaten zählt am Ende eben doch, weil es die Gesellschaft verändert hat und weiter verändern wird. Ohne Quote kein Fortschritt. Nichts ist perfekt, aber die Richtung stimmt. Die stimmt als Folge jahrelanger Diskussionen mittlerweile in Ansätzen selbst bei der CSU, nicht aber bei den Freibeutern.

Und wenn es dann noch gelänge die Netzpolitik in den Parteien, inklusive der Grünen, mit ihren ProtagonistInnen endlich weiblicher zu machen, dann wären wir wieder einen Schritt weiter.

Dieter Janecek ist Landesvorsitzender des bayrischen Landesverbands Bündnis 90/Die Grünen. Seine politischen Schwerpunkte sind der Einsatz für ökologische Modernisierung und der Kampf für Bürger- und Freiheitsrechte. Er hat das Grüne Männer-Manifest unterschrieben und bloggt auf http://blog.dieter-janecek.de/.

Weitere Artikel

2 Kommentare

  1. “Die Schwerfälligkeit ihrer Entscheidungsstrukturen ist geradezu grotesk, vor allem wenn man dem die Möglichkeiten der Entscheidungsfindung und Vernetzung übers Internet entgegenstellt.”

    Liegt wohl daran, dass sehr viele Mitreden. Das dauert, wenn man versucht möglichst alle (guten) Argumente unterzubringen. Das dauert halt, besonders wenn man ideologisch sehr breit gefächert ist und meist Laien/Halb-Spezialisten dran arbeiten(Unterstützt durch einzelne Experten. Dazu kommt, dass der Vorstand, wie bei den meisten anderen Parteien, so gut wie gar keine Richtung vorgibt. Ich weis, zugegebener Maßen, nicht, wie stark das bei den Grünen ist. Die Grünen haben es da wesentlich einfacher,weil sie ein recht festes ideologisches Muster haben, dass, mehr oder weniger, von allen geteilt wird. Auf diese Gemeinsamkeit aufbauend tut man sich halt einfacher Programme zu erarbeiten, da man den selben ideologischen Hintergrund hat. Die Piraten haben zwar einen IT-Hintergrund bzw. Netzwelt-Hintergrund, aber da sagst du ja selbst, dass es da nicht die eine Bewegung gibt (wie es bei den Grünen in ihrer Anfangszeit durchaus so gewesen sein dürfte).

    “Maximal Gedöns oder Hobby einzelner, solange Posten und Macht bei denen verteilt wird, die Penisse haben. Stundenlanges sinnfreies “Kandidatengrillen” und Shitstorm”kultur” sind weitere Attribute männlichen Gehabes, in der möglichst viele (Männer) zu Wort kommen (müssen) mit möglichst geringem inhaltlichen Ertrag.[…]Postgender steht in männlich dominierten Strukturen für verdecktes Patriarchat.”

    FYI: der bayr. Vorstand besteht nun, ganz ohne Quote zu 40% aus Frauen. Dabei ist das bei den Piraten einer der konservativen Landesverbände. Sprich, es gibt gar kein richtiges Patriarchat, da offenbar, sofern gute Kandidaten vorhanden sind, diese auch gewählt werden. Es gibt insofern keine männliche Verhinderungsstrategie. Es gibt allerdings das Problem, dass es bei den Piraten generell zu wenige weibliche Mitglieder gibt. Daraus wiederum ergibt sich die geringe Frauenquote auf den Listen/Vorständen.
    Ach übrigens, bei euch Grünen treten bei der Urwahl auch nur 3 Frauen (bei 15 Kandidaten) an, also habt ihr im Endeffekt das selbe Problem. Ihr gleicht das Problem halt dadurch aus, dass ihr Frauen durch eure Struktur bevorteilt. (Sieht man auch daran, dass Diskussionen einfach nicht stattfinden, wenn keine Frau etwas sagen möchte)
    Im Endeffekt seid ihr Grüne auch nicht so viel besser, wenn man eure Ausgleichsmechanismen weglassen würde. Wenn bei euch Gleichheit herrschen würde, müssten doch, zumindest theoretisch, ähnlich viele Frauen wie Männer zur Urwahl antreten. Aber auch hier gibt es eine Männderdominanz. Offenbar trauen sich eure Basisfrauen auch nicht wirklich sich eurem Diskurs zu stellen. Könnte natürlich auch daran liegen, dass Frauen generell eine bessere Selbsteinschätzung haben und der Wahl aufgrund vermeintlich mangelnder Erfolgschancen von vornherein fernbleiben. (Das führt meiner Meinung auch bei den Piraten dazu, dass zu wenig Frauen sich letztlich um Posten bewerben und letztlich auch bekommen)

    Nur mal so, wieso ist Knadidatengrillen sinnlos? Sollte man nicht wissen, wen man wählt? Sinnlos wirds doch erst dann, wenn sinnlose Fragen gestellt werden…. Aber pauschal als Sinnlos bezeichnen?
    Bei der urwahl grillt ihr eure Kandidaten ja schließlich auch, nur die sinnlosen Fragen werft ihr schonmal vornherein weg.

    Bei Shitstorms kann man streiten, aber das empfinde ich jetzt auch nicht als pirateneigenes Konstrukt. Das ist einfach etwas, was sich durch die Kommunikationsstruktur des Internets ergibt. Quasi das was vorher nur auf dem Stammmtisch mal gesagt wurde, twittert mans jetzt halt… Auch gab es effektiv schon vor Internet und Piraten Shitstorms, wenn inerhalb der Medienlandschaft mal wieder gegen irgendwas eine Kampagne gefahren wurde. Ist effektiv auch sowas wie ein Shitstorm.

    Zur Quote: Bei den Piraten herrscht halt die Hoffnung, die Geschlechtergerechtigkeit auch ohne Quote zu schaffen. Inwiefern das realistisch ist, sei mal dahingestellt. Quoten helfen nur, wenn schon eine gewisse Basis an Frauen da ist, diese aber Probleme hat in entsprechende Positionen zu kommen aufgrund der männlichen Dominanz. Wenn eh nur wenige Frauen da sind, hilft auch die Quote nicht, da muss man dann schon ein Stück früher ansetzen. (Qoten von 50% halte ich aber nicht generell nicht für so sinnvoll(zu unflexibel), bin eher dafür eine 30%F/30%M bzw. 40/40 Regel)

    Ist mal so mein Quark dazu :D

  2. […] von den technikverliebten Nerds, die die Sprache der Frauen nicht sprechen (vgl. den Beitrag von Dieter Janecek), statt sich mit den politischen Potentialen netzbasierter Vergemeinschaftung zu beschäftigen, wie […]

Entschuldige, das Kommentarformular ist zurzeit geschlossen.

TagCloud

Gunda-Werner-Institut

Gunda-Werner-Institut

RSS News von www.gwi-boell.de

GWI bei Facebook & Twitter

Themen