Andreas Borter « Was ist der Streit-Wert?

Andreas Borter

24. Oktober 2011,

Statt Geschlechterkampf – ein Dialog auf Augenhöhe

Basierend einerseits auf meinen Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren als politische Lobbyorganisation gemacht haben, andrerseits auf der Strategie von männer.ch, welche für uns in der Ausgestaltung von Bündnissen und Allianzen wegleitend ist. Darin zeigt sich auch die Haltung und die Rolle, in welcher wir uns in der Bündnispolitik sehen: männer.ch erkennt an, dass es nach wie vor Benachteiligungen von Frauen gibt (z.B. Lohnungleichheit) und es deshalb nach wie vor Massnahmen braucht, um diese zu beheben. Auch auf Männerseite existieren Benachteiligungen, sowohl legislative (z.B. Dienstpflicht, Rentenalter, Scheidungsrecht) wie auch normative (z.B. die mit der traditionellen Männerrolle verbundenen Gesundheitsrisiken). Gleichzeitig stellen wir uns auf den Standpunkt, dass ein gegenseitiges Aufwägen der Benachteiligungen beider Geschlechter nicht zielführend ist. Oder zugespitzt gefragt: Wie soll sich schon ermessen lassen, ob es «besser» ist, acht Prozent weniger zu verdienen oder fünf Jahre früher zu sterben?

In Anerkennung dieser grundsätzlichen Gleichwertigkeit der geschlechtsspezifischen Herausforderungen vertritt männer.ch eine Gleichstellungs- oder Chancengleichheitspolitik, die auf drei Säulen steht:

  1. Frauenpolitik;
  2. Buben-, Männer- und Väterpolitik;
  3. Geschlechterdialog.

In diesen drei Bereichen hat männer.ch je eine andere Aufgabe:

  • in der Frauenpolitik sind wir Unterstützende;
  • in der Buben-, Männer- und Väterpolitik sind wir Träger;
  • im Geschlechterdialog sind wir Partner auf Augenhöhe.

Die drei Säulen sind verbunden durch die gemeinsame Perspektive «Chancengleichheit», also die Vision, dass jeder Mann und jede Frau in der Schweiz seine/ihre Lebenschancen ungeachtet seines/ihres Geschlechts wahrnehmen kann.

In der konkreten Ausgestaltung von Bündnissen wählt männer.ch jeweils einen sehr pragmatischen Weg, und gestaltet solche im Hinblick auf die jeweils anstehenden politischen Anliegen. Dabei kann es zu sehr unterschiedlichen und auch unkonventionellen Bündnissen kommen. Für männer.ch ist es wichtig, gerade in der Genderpolitik die gängigen links-rechts Polaritäten zu überwinden. Deshalb nimmt sich männer.ch auch die Freiheit, mit Partnern ganz unterschiedlicher Couleur in den Dialog zu treten. Für eine eigentliche Bündnispolitik im Sinne eines auf Kontinuität angelegten gemeinsamen Handelns, muss zwar eine gewisse gemeinsame Werthaltung vorhanden sein. Männer.ch geht aber auch punktuelle Allianzen mit Organisationen ein, welche die Ziele und Haltungen von männer.ch nicht vollständig mittragen und sich deshalb niemals zu einer Mitgliedschaft entschliessen könnten. Dies gilt in allen drei Politbereichen: so wurden z.B. kürzlich mit dem Dachverband der Organisationen im Themenbereich Trennung/Scheidung, welcher bewusst nicht bei männer.ch Mitglied ist, Aktionen und politische Vorstösse entwickelt und durchgeführt, welche grosse politische Wirkung erzielten und ein breites Echo in den Medien auslösten. Ebenfalls haben wir aktuell einen Vorstoss für eine privat finanzierte, aber steuerbefreite «Elternzeitversicherung» lanciert, die von ParlamentarierInnen von ganz links bis ganz rechts mitgetragen wird. Feministisch orientierte Gruppen haben durchaus die Möglichkeit, in solchen Vorstössen mitzudenken und, falls gewünscht, diese auch zu unterstützen. Männer.ch ist für die Mitarbeit von Frauen in allen Themenbereichen und als Mitglieder offen.

Im Bereich der Frauenpolitik entstehen Bündnisse zur Unterstützung von Anliegen, welche v.a. Frauen auf die politische Agenda gesetzt haben, so z.B. zu Lohngleichheit, Frauenhandel etc. Männer.ch versteht sich dabei nicht in der Rolle jener, welche die Anliegen der Frauenorganisationen «blind» unterstützen, sondern vor allem auch die eigene Sicht und das eigene Interesse am Erfüllen der entsprechenden Forderung klar machen. So wollen wir als Männerorganisation z.B. die Lohngleichheit auch, damit wir nicht weiterhin in die „Ernährerfalle tappen“. Das Engagement gegen Ausbeutung in der Prostitution ist auch dem männlichen Bedürfnis nach «Kundenzufriedenheit» geschuldet.
Die Ebene der geschlechterdialogischen Genderpolitik ist besonders herausfordernd, weil wir darin alle noch wenig Erfahrung haben. Das Vorgehen in diesem Bereich erfordert viel Zeit und Geduld von allen Beteiligten. Für die Frauenseite ist es oft schwierig zu akzeptieren, dass die für sie seit langen fest stehende Agenda im „Dialog auf Augenhöhe“ nochmals neu ausgehandelt werden muss, und dass Anliegen, welche aus ihrer Sicht klar emanzipatorisch und prioritär sind, von Männerseite anders eingestuft werden. Auch ist es für sie nicht einfach zu akzeptieren, dass plötzlich neue Genderthemen als relevant benannt werden, welche für Frauenorganisationen nicht in diesen Zusammenhang gehören, so z.B. die Neuumschreibung einer zukunftsgerichteten Sexualpolitik.

Zentral in diesem Diskurs ist eine Haltung, welche bereit ist, die jeweiligen Privilegien und Machtverhältnisse in einem Thema bewusst zu machen und anzusprechen, im Wissen darum, dass die Einschätzungen zwischen Männer- und Frauenorganisationen hier rasch auseinandergehen können. Männerorganisationen haben zu bedenken, dass sie sich auch in neuen Themen immer noch und immer wieder in einer Tradition von „Männerbünden“ befinden, und damit unter Umständen privilegierte Zugänge auch zu Machtträgern und zu einer breiten öffentlichen Aufmerksamkeit finden. Den Männeranliegen erwächst aber gerade von Männerseite nicht immer nur Zustimmung, sondern im Gegenteil auch harsche Opposition, besonders wenn bisherige „Männerbastionen“, wie z.B. in der Schweiz der Militärdienst, davon tangiert sind. Frauenorganisationen laufen Gefahr, die Unterschiedlichkeit gelebter Männlichkeiten in unserer Gesellschaft zu unterschätzen und Mannsein immer noch mit Privilegiertsein gleichzusetzen. Auch gilt es anzuerkennen, dass in der Bearbeitung von Genderfragen oft auch Machpositionen von Frauenorganisationen ins Spiel kommen, z.B. im finanzieller Hinsicht: für die Umsetzung von konkreten Frauenanliegen und für die Beratung von Frauen stehen in der Schweiz von staatlicher Seite sehr viel mehr Mittel zur Verfügung, als dies für Männeranliegen der Fall ist. (So zeigt z.B. ein gegenwärtig laufendes Projekt mit Migranten, dass in der Migrationsarbeit geschlechtsspezifische Massnahmen ausschliesslich auf Frauenprojekte beschränkt sind). Ein Dialog in diesen heiklen Themen muss sorgfältig aufgebaut und durchgeführt werden. Männer.ch hat bereits vor ein paar Jahren auf nationaler Ebene eine hoch angesiedelte Dialogplattform zwischen den Präsidien der Dachverbände der Männer- und Frauenorganisationen und der nationalen Gleichstellungsarbeit angeregt. In nun regelmässig stattfindenden Gesprächen im kleinen Kreis, und mit Hilfe von unterdessen eingeübten Spielregeln, informiert man sich gegenseitig und versucht, eine gemeinsame Agenda von Themen zu führen, welche klar im Interesse aller Beteiligten sind. Meines Erachtens kann generell eine immer stärker werdende Entwicklung und Differenzierung weg vom früheren Kampf «der Frauen» gegen «die Männer» hin zu eines Bündnissen «geschlechtersensibler Männer und Frauen» gegen «geschlechtsblinde Männer und Frauen» beobachtet werden. Bis zum Ziel, dass auch öffentlich in erster Linie diese Bündnisebene wahrgenommen werden, ist es jedoch noch ein weiter Weg. Nicht zuletzt deshalb, weil die breite Öffentlichkeit und vor allem auch die Medien, mehr an einem Geschlechterkampf als an den Allianzen der Geschlechter interessiert sind.

 

Andreas Borter, freiberuflich tätig als Organisationsberater und Gendercoach. Mitglied der Geschäftsleitung von männer.ch in der Schweiz.

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1 Kommentar

  1. [...] es Männergruppen sind, die auf die Straße gehen und für Lohngleichheit demonstrieren. Dort hat männer.ch als Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen eine viel beachtete Kampagne für [...]

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