Inge von Bönninghausen « Was ist der Streit-Wert?

Inge von Bönninghausen

4. Oktober 2011,

Bündnisse – ein Weg zu erfolgreicher Geschlechterpolitik?

Ein bisschen Geschichte tut immer gut: „Wir Frauen gemeinsam sind stark“ – diese Zeile stammt aus einem Lied, das Rio Reiser (Ton Steine Scherben) 1971 für Helke Sanders Film „eine Prämie für Irene“ geschrieben hat, und diese Zeile wurde zum erfahrungsgesättigten Slogan der autonomen Frauenbewegung. Raus aus der häuslichen Vereinzelung, für die jede Frau vorbestimmt war – die Studentin nur etwas später als die Verkäuferin, aber beide mit dem ersten Kind. Erfahren, wie andere Frauen leben, denken, fühlen, Gemeinsamkeiten entdecken, sich aus männlicher Bevormundung und Rollenzwängen befreien: auf diesem Boden wuchs ein „Wir“, das sichtbar war bei Demos, Energie auflud im Frauenzentrum, Neues schuf mit Frauenbuchläden, Verlagen, Cafés Beratungsstellen, Frauenforschung und mehr. So wie das Bewusstsein von den vielfältigen Benachteiligungen wuchs, so verzweigten sich auch die Motive, aus denen heraus Frauen sich zusammen schlossen beispielsweise in Berufsverbänden oder aufgrund einer spezifischen Diskriminierung etwa als behinderte Frauen oder Migrantinnen.
Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Anfang der 70er bildeten sich berufsübergreifende Frauengruppen in den Rundfunkanstalten. Egal ob Cutterin, Redakteurin, Sprecherin oder Sekretärin, an jedem Platz erlebten sie Ungleichbehandlung und vor allem auch die Frauenfeindlichkeit in den Programmen ihrer Sender. Als es darum ging, Veränderungen durchzusetzen, kam es 1978 zum ersten bundesweiten „Herbsttreffen der Frauen in den Medien“. Auf einem dieser Treffen wurde das Konzept für Gleichstellungspläne und – beauftragte entwickelt. Schon 1984 stand das Herbsttreffen selbstbewusst-ironisch unter dem Motto: „Gemeinsam bleiben wir lästig“. Im Oktober treffen sich die Medienfrauen in Leipzig.

Für die Frauengruppen in den Sendern wirken der Arbeitsplatz und das Produkt als berufsübergreifendes Bindemittel, für den später gegründeten Journalistinnenbund ist es der bei Print, Hörfunk oder Fernsehen als Festangestellte oder Freie ausgeübte Beruf. Berufsverbände sind charakteristisch für die 80er und 90er Jahre als Frauen sich einerseits den Zugang zu immer mehr Berufen erkämpften und andererseits verbindlichere Strukturen haben wollten als in den losen Gruppen der Bewegung. Ob Technikerinnen, Informatikerinnen, Büromanagerinnen oder eben Journalistinnen – ihre Berufsinteressen stehen im Mittelpunkt und gleichzeitig suchen sie das Bündnis mit ganz anders fokussierten Gruppen im Deutschen Frauenrat. Von ihm wiederum gingen entscheidende Impulse aus zur Konstituierung der European Women’s Lobby 1990. Alle Zusammenschlüsse der Frauenbewegungen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wie des 20. Jahrhunderts haben ihre Stärke aus der Verbindung eines klaren Bewusstseins ihrer Geschlechtszugehörigkeit mit einem ebenso klaren sozialen oder politischen Anliegen gezogen.
Feministische Theorie und Praxis haben sich weiter entwickelt, die Themen und Perspektiven sind vielfältiger geworden, aber das Potenzial von Frauenbündnissen ist auch heute längst nicht ausgeschöpft, vor allem, wenn Gruppierungen trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Organisations- und Arbeitsweisen sich zusammen schließen, um eine klar umrissene Aufgabe zu lösen. Die Chancen liegen auch heute im Zuwachs an Wissen und Fähigkeiten, in der gemeinsamen Nutzung von materiellen Ressourcen sowie in einem größeren Kreis an Aktivistinnen und AdressatInnen. Ein praktisches Beispiel ist die Allianz von Frauenorganisationen Deutschlands, die 2008 den Alternativbericht zum 6. Bericht der Bundesregierung an CEDAW (Committee on the Elimination of all Forms of Discrimination of Women) erstellt hat. Es war ein Bündnis auf Zeit zu einem bestimmten Zweck, den es mit dem Alternativbericht und bei der Befragung durch den UN-Ausschuss hervorragend erfüllt hat.
Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich die Bedingungen für erfolgreiche Bündnisse: eine klare Zielsetzung und gemeinsam erarbeitete und von allen zuverlässig einzuhaltende Regeln, die auch dafür sorgen, dass die Interessen aller Beteiligten Raum haben.
Die Grenzen von Bündnissen liegen sowohl in dem hohen Anspruch an Kommunikationsfähigkeit und Disziplin als auch in der Einschränkung, nur partiell überein zu stimmen, nämlich in Bezug auf die gemeinsame Aufgabe. Es ist oft nicht leicht, Differenzen in anderen Bereichen hinzunehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass immer häufiger einzelne Gruppen oder Organisationen sich profilieren wollen/müssen, um z.B. Unterstützern gegenüber ihre Existenz zu rechtfertigen. Das kann zu expliziter oder verkappter Konkurrenz führen und ein Bündnis zerstören.
Ich möchte unterscheiden zwischen Arbeitsbündnissen und solchen, deren Aktivitäten von einer eher kleinen Kerngruppe vorbereitet, dann aber von vielen UnterstützerInnen getragen werden, um die öffentliche Wirkung und den politischen Druck zu erhöhen. Auch hierfür ein Beispiel: 2003 schlossen sich rund 50 Friedensforscherinnen und –aktivistinnen, Frauen aus politischen Stiftungen und NGO’s zum Frauensicherheitsrat zusammen. Sein zentrales Anliegen ist die Umsetzung der Resolution 1325 des UN Sicherheitsrates „Frauen Frieden Sicherheit“. Die zahlreichen Veranstaltungen, Kampagnen, Schattenberichte zu Regierungsberichten und europäischen Vernetzungstreffen lassen sich hier gar nicht aufführen. Wichtig ist an diesem Zusammenschluss, dass er beharrlich und mit hoher fachlicher Kompetenz sein Ziel verfolgt und die anfangs in Deutschland nahezu unbekannte Resolution ins Bewusstsein gehoben hat. Im zehnten Jahr der Resolution haben 16 NGO’s Eckpunkte für einen Nationalen Aktionsplan zu ihrer Umsetzung unterzeichnet. In diesem „Bündnis 1325“ sind Frauenorganisationen, gemischte Verbände und das Forum Männer vertreten.
Mein Minirückblick und die aktuellen Beispiele zeigen, dass Bündnisse möglich, dringend nötig und erfolgreich sind, vorausgesetzt das Ziel und die Bedingungen für ein gemeinsames Handeln sind klar. Für die Zusammenarbeit mit Männern/Männergruppen sollte man berücksichtigen, dass es bei ihnen eine Entwicklungsverzögerung von über 200 Jahren gibt. Frauen haben eine lange Geschichte individueller und kollektiver Kämpfe um Bildung, Beruf, Bürgerinnenrechte und Selbstbestimmung, die ihnen qua Geschlecht verweigert wurden. Für Männer galt bis in unsere Zeit ungebrochen die Gleichsetzung von Mann und Mensch. „Weil diese (gemeint sind Männer) davon aber materiell und sozial immer profitiert haben, wurde erst in jüngerer Zeit zum Thema, dass Geschlechterrollen auch für Männer ein Korsett sind, das ihnen mehr schadet als nutzt“ (Männermanifest). Männer, die etwas verändern wollen, haben also sehr viel zu tun. Sie müssen Ihresgleichen davon überzeugen, dass Männlichkeit und männliche Rollen soziale Konstrukte sind; sie müssen bearbeiten, welche Auswirkungen die lange Herrschaft des Patriarchats hatte und hat, und außerdem müssen sie sich mit dem „Geschlechterkrieg von rechts“ (Th. Gesterkamp) auseinandersetzen. Wenn Frauen und Männer gemeinsam etwas erreichen wollen, sollten sie präzise Antworten haben auf das Was, Warum, Wie mit Wem.

Dr. Inge von Bönninghausen war Redakteurin und Moderatorin der Fernsehreihe „Frauen-Fragen“ des WDR. Mitbegründerin der Frauengruppe im Sender und des Journalistinnenbundes. Referentin auf internationalen Konferenzen. 2000-2004 Vorsitzende des Deutschen Frauenrats und dessen Vertreterin in der Europäischen Frauenlobby. Im Vorstand der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung Kassel und der Lobby für Mädchen Köln, Ehrenmitglied bei den Wirtschaftsweibern.

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2 Kommentare

  1. Ich kann nur empfehlen “Frauen – vernetzt Euch!” und bildet starke Bündnisse als Kooperationspartner_innen für Männerbewegte – wie das Bundesforum Männer. Und nutzt die Erkenntnisse von Simone de Beauvoir, die bereits 1949 hervorragende Gedankengänge hatte:

    “In Wirklichkeit verhält es sich hier wie in der Biologie : genau wie Männchen und Weibchen biologisch nie wechselseitige Opfer, sondern miteinander von der gleichen Art sind, erleiden die Ehepartner gemeinsam die Unterdrückung durch eine Institution, die sie nicht geschaffen haben. Sagt man : die Männer unterdrücken die Frauen, ist der Ehemann empört, denn schließlich fühlt er sich unterdrückt – und er wird es tatsächlich. Aber die Sache ist die, daß ein von Männern geschaffenes Gesetzbuch, eine von Männern und im Interesse der Männer entwickelte Gesellschaft die Bedingungen des Frauseins in eine Form gebracht haben, die jetzt für beide Geschlechter eine Quelle des Unglücks ist….Die Situation müsste also in ihrem gemeinsamen Interesse verändert werden, und vor allem dürfte die Ehe für die Frau keine „Karriere“ mehr sein. Männer, die sich unter dem Vorwand, die Frauen seien auch so schon giftig genug, Antifeministen nennen, stehen mit der Logik offenbar auf Kriegsfuß….” (Quelle: Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, S.611)

  2. [...] Politik angelegt sein. Sie können ziemlich ähnlichen Partner_innen wie NGOs zusammen bringen. Wie Inge von Bönninghausen erwähnt – war die Allianz der deutschen Frauenorganisationen (2007-2009) ein erfolgreiches [...]

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