Und wo bleibt die männliche Verletzbarkeit?

von Hans-Joachim Lenz

Geschlechterforschung, Geschlechterpolitik und daraus abgeleitete politische Programme wie Gender Mainstreaming klammern bislang die Wahrnehmung der männlichen Verletzbarkeit aus. Diese Geschlechterdiskurse unterliegen einer asymmetrischen Verzerrung in der Beschreibung beider Geschlechter und vollziehen diese selber oder unterstützen sie zumindest. Eine angemessene geschlechtssensible Wahrnehmung wird unterlaufen durch Geschlechterzuschreibungen, die in traditionell-bürgerlichen Geschlechternormen wurzeln, welche die Geschlechterdiskurse eigentlich dekonstruieren wollen. (Meier-Seethaler spricht von einer „emotionalen Substruktur“, welche den öffentlichen Geschlechterdiskurs untergräbt.)
Seit langer Zeit schon werden in der Frauenbewegung, Frauenforschung und Frauenpolitik Mädchen und Frauen in ihren Widersprüchen und Ambivalenzen gesehen. Jungen und Männer hingegen wurden stereotyp als Objekte von Stärke und Dominanz konstruiert. Weder wurden „die Männer“ sozial differenziert noch fand eine Binnendifferenzierung der männlichen Persönlichkeit statt. Männer wurden als homogene Gruppe und als kongruente Persönlichkeit vorausgesetzt. Erst mit der Karriere des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit des australischen Soziologen Robert Connell (1999) begann im Diskurs um Männlichkeit langsam eine Ausdifferenzierung von Männlichkeiten. Sie wird nun pluralisiert.

Trotzdem wird im gegenwärtigen gesellschaftlichen Geschlechterdiskurs und den davon abgeleiteten Diskursen überwiegend von der hegemonialen Männlichkeit als implizitem Maßstab ausgegangen. Als das Konstrukt einer „idealen Männlichkeit“ wird sie nicht in ihren Widersprüchen oder gar ihrer Bedürftigkeit und Verletzbarkeit gesehen, sondern gewissermaßen als starke, d.h. problemlos funktionierende Männlichkeit imaginiert. Diese hat reibungslos die an sie gestellten Erwartungen im Sinne von Leistungsnormen im privaten und öffentlichen Bereich zu erfüllen. Kommt der Mann diesen Erwartungen nicht nach, wird sein Verhalten sanktioniert (z.B. im Scheidungs- und Unterhaltsrecht).

Auch die Männlichkeitsforschung selbst hat bislang keine grundlegende Kritik von Männlichkeit entwickelt; vielmehr reproduziert sie weitgehend das vorherrschende Verständnis von Männlichkeit(en). Der nicht-hegemoniale Mann ist insbesondere hinsichtlich seiner Bedürftigkeit bislang kaum im Blick der Forschenden.
Beide Geschlechter werden also unterschiedlich konstruiert. Die Diskurse um Geschlecht verdecken und verbergen mithin mehr, als dass sie aufdecken. In Anlehnung an Bourdieu geht es um die Verdeckung der männlichen Verletzbarkeit in Geschlechterverhältnissen. Die zentrale Frage ist: Was geschieht in der bestehenden Geschlechterordnung mit der männlichen Verletzbarkeit?

Die Verleugnung der männlichen Verletzbarkeit steht im Gegensatz zur Entwicklung der frühen Frauenforschung und -bewegung, wo die weibliche Verletzbarkeit und Gewalt gegen Mädchen und Frauen der zentrale Ansatzpunkt für eine Sensibilisierung im Hinblick auf Geschlechtlichkeit war.
Menschen gleich welchen Geschlechts sind gleich verletzbar. Frauen und Männer, Jungen und Mädchen sind in ihrer Verletzbarkeit gleichwertig. Aus dieser Tatsache ergibt sich die Notwendigkeit einer integrierenden Sichtweise auf die Schutzbedürfnisse beider Geschlechter.
Diskussionen, ob Frauen genauso gewalttätig sind wie Männer oder ob sie das x % mehr oder weniger sind, sind daher völlig abwegig. Das Schutzbedürfnis beider Geschlechter gilt uneingeschränkt und lässt sich nicht in Zahlen quantifizieren. Als in den 1970er Jahren die ersten Berichte über Gewalt gegen Frauen und sexuelle Übergriffe gegen Mädchen in die Öffentlichkeit gelangten, reichte jeder singuläre Fall, um den Skandal aufzuzeigen. Dreißig Jahre lang (bis 2004) gab es im Feld von „Gewalt und Geschlecht“ keine repräsentativen Zahlen. Da zunächst einmal die Qualität der Phänomene sichtbar gemacht werden musste, galt die Quantität letztlich als nebensächlich. Das ist beim Sichtbarmachen der gegen Jungen und Männer gerichteten Gewalt nicht anders. Durch die kulturelle Ignoranz gegenüber der männlichen Verletzbarkeit bleiben nach wie vor die meisten Übergriffe und Gewalttaten gegen Jungen und Männer, insbesondere die schambesetzten, verborgen. Der aktuelle Wissens- und Handlungsstand hinkt hier etwa zwanzig Jahre dem Wissens- und Handlungsstand der Gewalt gegen Frauen hinterher.

Die Empörung, die über Männerrechtler hereinbricht, entbehrt nicht einer gewissen Heuchelei. Erst ihre stärkere strategisch-öffentliche Präsenz führt dazu, dass sich Männer im Umfeld der Grünen nun trauen, ebenfalls öffentlich mit ihren Emanzipationsforderungen in Erscheinung zu treten (siehe Grünes Männermanifest). Ausgeblendet wird dabei, dass Männer, die dem grün-linken Milieu zuzuordnen sind, im Geschlechterdiskurs eine paternalistisch-gewährende Haltung gepflegt haben und noch pflegen, die Männlichkeit – und damit sich selbst als politischen Mann – nicht einbezieht. Joschka Fischer erscheint als Gallionsfigur dieses machtorientierten Männertypus.
Bei Männern, die dem grünen und linken Milieu zuordenbar sind, fällt zudem auf, dass sie sich tendenziell entschuldigen, ein Mann zu sein. Dies wirkt so, als hätten sie ein schlechtes Gewissen und würden sich selbst verantwortlich machen für die jahrtausendealte Tradition des Patriarchats.
Dem stehen traditionell Orientierte gegenüber, die eher in den Geschlechterkampf ziehen, indem sie die Gewalt gegen Männer scheinbar aufgreifen, diese zum Teil populistisch instrumentalisieren und für Zwecke der Geschlechterrevanche missbrauchen. Dabei bleiben sie (unbewusst) an Frauen gebunden und blenden die Gewalt, der Männer mehrheitlich durch andere Männer ausgesetzt sind, und das daraus sich ergebende Schutzbedürfnis völlig aus.

Von beiden Positionen wird die Geschlechterordnung, welche die männliche Verletzbarkeit ignoriert, nicht infrage gestellt. Deren Wahrnehmung scheint für den individuellen Mann (und die meisten Frauen) außerordentlich bedrohlich und verbunden mit der Angst vor der eigenen Ohnmacht.
In der Debatte ist eines gewiss: Alle Akteure sind in die herrschenden Geschlechterkonstrukte verstrickt. Hierarchie und Macht in den Geschlechterverhältnissen werden weniger aufgedeckt als verdeckt und ein nachhaltiger Wandel von Männlichkeit wenig bis gar nicht unterstützt.
Die Arrangements der früheren Frauenpolitik mit der herrschenden Männlichkeit (trotz bzw. wegen der Patriarchatskritik) und der damit einhergehenden strategischen Diskriminierung von nicht-hegemonialen heterosexuellen Männern führt zum blinden Fleck des Geschlechterdiskurses: der verletzte Mann. Die (verborgene) Gewalt gegen Jungen und Männer stellt nämlich einen entscheidenden Faktor dar, der geschlechtshierarchische Strukturen aufrechterhält und somit insgesamt die Entwicklung zu einer Gesellschaft der Gleichwertigkeit und Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern behindert.
Die Verletzbarkeit von Männern und deren Verleugnung als soziales Problem in den Gleichstellungsdiskurs aufzunehmen, ist längst überfällig. Ein Diskurs der Gleichwertigkeit beider Geschlechter steht an.

Hans-Joachim Lenz ist Sozialwissenschaftler, betreibt bei Freiburg i. Br. ein Büro für Beratung, Bildung und Forschung: „Forsche Männer & Frauen“, und ist Lehrbeauftragter für Männlichkeitsforschung an der Universität Freiburg. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Männerbildung, Männergesundheit, Männerforschung, zu männlichen Gewalterfahrungen und zur Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse. Näheres: www.geschlechterforschung.net

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Diskussion

  1. „Von beiden Positionen wird die Geschlechterordnung, welche die männliche Verletzbarkeit ignoriert, nicht infrage gestellt“

    Ich denke, dass man sich hier bewußt machen muss, dass der „weiche Mann“ bei Frauen nicht als attraktiv gilt. Der Alpahmann mit gesunden Gefühlen oder der Rebel, dessen Probleme man entdecken kann, sicherlich schon, aber der einfache „verletzte Mann“ ist unsexy.

    Männer haben daher ein geringes Interesse daran eine evt. bestehende Verletzlichkeit anzusprechen und sich als schwach darzustellen. Frauen haben ein geringes Interesse daran, dass Männer schwach sein dürfen.

    „Alle Akteure sind in die herrschenden Geschlechterkonstrukte verstrickt“

    Wobei die Geschlechter nicht nur konstruiert sind. Das Alphamänner sexy sind dürfte ein durch sexuelle Selektion entstandenes Attraktivitätsmerkmal sein (Frauen, die auf Alphamänner standen, hatten mehr nachkommen als solche, die auf verletzliche Männer standen), dass so einfach nicht geändert werden kann.

  2. Die Arrangements der früheren Frauenpolitik mit der herrschenden Männlichkeit (trotz bzw. wegen der Patriarchatskritik) und der damit einhergehenden strategischen Diskriminierung von nicht-hegemonialen heterosexuellen Männern führt zum blinden Fleck des Geschlechterdiskurses: der verletzte Mann.

    In der Geschichte haben ja bislang alle anderen davon profitiert, die eigene Familie des auf diese Art nahezu beliebig verletzbaren marginalisierten Mannes noch am allerwenigsten bis gar nicht. Ausgerechtnet seine Frau muss allzuoft im Namen der Frauenpolitik dafür herhalten, dass diese ungehobelten Männer ihr Schicksal ja irgendwie selbst verschuldet haben.

    Das führt selbstverständlich zu Widerständen gegen die Frauenpolitik, und hieraus speist sich imho auch ein großer Teil der Männerrechtsbewegung. Praktizierte Frauenpolitik spielt die marginalisierte Frau gegen den marginalisierten Mann aus.

    Der verletzliche Mann war schon immer ein Luxus, ob nun der schöngeistige und feinfühlige Bildungsbürger der Vergangenheit, oder der „neue Mann“ der Gegenwart. Natürlich darf der das nicht übertreiben, sonst ist die Legitimation dahin, und die Frau läuft ihm davon. Wenn z.B. die marginalisierten Männer als Kanonenfutter gefragt sind, dann muss zur Legitimation natürlich eine sehr rigide Männlichkeit praktiziert werden.

    Der eigentliche blinde Fleck des Geschlechterdiskurses ist imho die lange Geschichte und Persistenz der proaktiven Beteiligung an brutalste Machtverhältnisse, die weiß Gott nicht an der Genderlinie entlang verliefen. Thürmer-Rohr hat an dieser Praxis nicht das Geringste geändert.

  3. Es freut mich, hier, nach gefühlten zwanzig reaktionär-feministischen Artikeln einmal etwas zu lesen, was einen kritischen Geist zeigt, aber hier

    „Der eigentliche blinde Fleck des Geschlechterdiskurses ist imho die lange Geschichte und Persistenz der proaktiven Beteiligung an brutalste Machtverhältnisse, die weiß Gott nicht an der Genderlinie entlang verliefen.“

    muss ich Nick einfach zustimmen – das Schweigen/Zurücktreten von Frauen in der Geschichte ist über weite Zeiträume die Stille aktiv ihre Geschichte gestaltender Persönlichkeiten, nicht das Schweigen von Unterdrückten.
    Wie Frauen Macht ausüben – und sei es als Kollaborateur der „hegemonialen Männlichkeit“ aus der zweiten Reihe heraus – sollte wirklich einmal neu beschrieben werden.

  4. Die feministische Theorie hat sicherlich alles schon längst thematisiert, ob daraus nachhaltig Paradigmen werden ist aber eine ganz andere Frage. Ganz zu schweigen von der politischen Praxis und dem gesellschaftlichen Diskurs. Wenn beispielsweise zum Thema Gewaltbetroffenheit von Männern über eine Pilotstudie hinaus keine weitere empirische Forschung betrieben wird, und diese seitens der Akademia offenbar auch nicht vermißt wird, dann scheinen mir die vorherrschenden Paradigmen ziemlich klar zu sein – ob nun expilzit oder implizit spielt gar keine Rolle.

  5. gundawernerinstitut

    unter http://maedchenmannschaft.net/von-verletzten-mannern-und-alten-huten/ findet zu diesem Artikel eine interessante Diskussion statt…

  6. Sehr geehrter Herr Lenz,

    Ihren Beitrag in „Befreiungsbewegung für Männer“ habe ich nocheinmal sehr ausführlich gelesen.

    Zu wesentlichen Aspekten wie „doing-gender“ und geschlechterdichotomen Konstruktionen, der Empfehlung nach Enthierarchisierung der Geschlechterverhältnisse und der Kolateralschäden für Männer aufgrund dieser Geschlechterkonstruktionen wie den „blinden Fleck im Geschlechterdiskurs“, möchte ich später zurückkommen.

    „Die Empörung, die über Männerrechtler hereinbricht, entbehrt nicht einer gewissen Heuchelei. Erst ihre stärkere strategisch-öffentliche Präsenz führt dazu…“

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass mit sachlich fundierten Anschreiben an Landesbehörden, Landtage, Medien u.a. mit fundierten Quellen und Fakten wesentlich mehr erreichbar ist als mit martialischen und meinungsnormierenden flash-mobs im Internet. Meine Rücklaufquote belief sich auf deutlich mehr als 50%. U.a. wurden Hinweise aus dem BDA-Positionspapier und der Präferenzenforschung am 14.09.2009 in einer Titelstory in einemMainsteam-Medium verarbeitet. Mein Ziel war es, nicht biologisch Rollenzuweisungen zu zementieren, sondern die Debatte aufzufächern und zu versachlichen. Was ich nicht wusste, war das Interview mit Fr. Dr. von der Leyen, was die Thematik direkt in das zuständige Ministerium transportierte.
    Ich bin auch der Auffassung, dass die Sache wesentlich weiter sein könnte, wäre nicht das kontraproduktive Verhalten von Leuten, die sich im Schlepp des Themas bewegen, in dieser martialischen Weise auffällig. Die Focussierung auf weibliche Schuldanteile bzw. Gewaltanteile, die einen erheblichen revanchistischen touch vermitteln, sehe ich als Grund für die bisherige Ablehnungshaltung. Dies bewerte ich an männerrechtlerischen Aktivitäten als äußerst kritisch und unwirksam.

    Eine Opfer- oder Täterkonkurrenz nützt Niemandem.

    Ich möchte zunächst noch weitere Meinungen hier abwarten, bevor ich auf diesen Sachverhalt und Ihren Beirag in „Befreiungsbewegung für Männer“ eingehe und die Thematik mit einem Zitat anreißen:

    “Es reicht jedoch nicht, dass UN-Mitarbeiter sich paternalistisch um “FrauenundKinder” kümmern, um eine ironische Formulierung der US-Autorin Cyntia Enloe aufzugreifen – sie müssten endlich auch die zwischenmännliche Gewalt untersuchen, diesen elementaren Baustein im Gewaltsystem der hegemonialen Männlichkeit. Die Mißhandlungen, Erniedrigungen und Demütigungen, die Jungen und Männern angetan werden – körperlich, sexuell, psychologisch,sozial,politisch – sind niemals systematisch erforscht worden. Doch auch männiche Opfer verursachen Gesundheitskosten, behindern die Entwicklung von Nationen und verlängern den Teufelskreis der Gewalt über Generationen hinweg -dann nämich, wenn sich die Gepeinigten an ihren Peinigern rächen oder die erlittene Gewalt durch Brtalität in ihrer Familie weitergeben“

    (Quelle: Heldendämmerung, Ute Scheub, S.333)

  7. @Andreas: Die Frau des Bürgers profitierte ja davon, dass es eine Sorte Mensch gibt die keinen Schmerz kennt. Wenn man beispielsweise Frauen ebenfalls als Kanonenfutter verheizt hätte, dann hätte ihr niemand mehr den Nachwuchs z.B. an Dienstmädchen gebären können. (Frauen und Kinder zuerst!)

    Man darf nicht vergessen dass das Bürgertum seine Legitimation daraus bezog, Vorbild zu sein. Das war eine klar definierte Aufgabe – In Deutschland sowieso, man hatte diesen Stand aufgebaut um eine Entwicklung wie in Frankreich abzuwenden.
    Das Bürgertum musste ein Modell vorleben, dass langfristig den Bestand der Gesellschaft – mit seiner Stellung darin – sicherte. Ohne das Ideal der Mutterschaft als primäre Aufgabe der Frauen hätte es wohl die Massen von Fabrikarbeitern, Soldaten, Dienstmädchen etc. nicht gegeben.

  8. (heutzutage stellt sich das anders dar, das Kapital braucht keine Gender mehr. Das Bürgertum hat’s kapiert..)

  9. ..Androzentrismus mag sich nicht wegdiskutieren lassen, wegrationalisieren lässt er sich aber allemal. Die „transnationale Unternehmermännlichkeit“ hat mit den Blythe Masters nicht das geringste Problem..
    Zum Machterhalt bedarf es in westlichen Industrienationen auch keiner Unterdrückung mehr, diese wäre ökonomisch eine enorme Ressourcenverschwendung. Tittytainment erledigt das ohne die ganzen Reibungsverluste.

    Ich dachte, Kate Millet hätte insofern längst ausgedient, als dass das Patriarchat als Hauptwiderspruch Schnee von vorgestern ist? Ich verstehe einfach nicht, wie man heute noch zu der Ansicht gelangen kann dass die Abschaffung von Gender eine humanistische Weltrevolution mit sich bringen muss.

    Die Tabuisierung der männlichen Verletzbarkeit dient imho nur noch dazu, die nationalen und globalen schmutzigen Hinterhöfe zu rechtfertigen. Das Patriachat dort ist doch für das Elend verantwortlich? Na gut, wir auch, aber nicht so doll, weil wir doch auch marginalisiert werden.. „Race/Class/Gender“ erweckt den imho ganz grob falschen Eindruck einer Gleich- oder Ebenfallsbetroffenheit an einem kausal zusammenhängenden System – So wird dann das gute alte universelle Patriarchat rekonstruiert.

  10. Die Focussierung auf weibliche Schuldanteile bzw. Gewaltanteile, die einen erheblichen revanchistischen touch vermitteln, sehe ich als Grund für die bisherige Ablehnungshaltung.
    (..)
    Eine Opfer- oder Täterkonkurrenz nützt Niemandem.

    Eine Betrachtung von „zwischenmännlicher Gewalt“ – unter Ausblendung u.A. der ganz entscheidenden sozialen Frage und der Geschichte, bei der und an der Frauen nun mal leider keine passiven Beobachter waren und sind – reduziert die Gewaltfrage genau auf ein traditionell bürgerlich-dichotomes Verständnis von Geschlecht.

    Gewalt ist niemals nur „zwischenmännlich“, weil die Beteiligten sich leider nie isoliert im sozialen Reagenzglas kloppen..

  11. Das Alt-paternalistische „Frauen und Kinder zuerst“ steckt sehr tief in Männern drin, die sich auch darüber definieren. s. auch den Beitrag von Hr. Lenz in „Befreiungsbewegung für Männer“ der formuliert, dass Männer in der Politik männliche Verletzbarkeit ausblenden – m.E. ein Indikator für ein sehr hohes konservativ-patriarchales Rest-Potential. Wie gesagt, ich komme noch ausführlich darauf zurück und hoffe auf facettenreiche Meinungsvielfalt.

    Wie Frauen „Frauen und Kinder“ bewerten ?

    Hier ein Beispiel einer Frau, die in ihrem Blog „das Patriarchat“ kritisiert :

    http://rette-sich-wer-kann.com/zusammenleben/herrschaft/frauen-und-kinder-zuerst/

    „…dass der Mann etwas Unsinniges sagte….Dazu kommt noch ein anderer Aspekt: In unserer Gesellschaft gelten Frauen als schwach und Männer als stark und als Beschützer der Frauen….Von der Schonung des schwachen Geschlechts bzw. der ‘Schwächsten der Gesellschaft’ bis zu ‘Kinder und Frauen sind wichtiger’ findet man vielfältige Erklärungsversuche. Aber das sind alles keine wirklich schlagkräftigen Argumente, denn es gibt sicher heroische Gentlemen, die den Damen und ihren Sprösslingen den Vortritt lassen, wenn es um Leben oder Tod geht…Auch wenn der Ursprung des Mottos “Frauen und Kinder zuerst” nicht mehr bekannt ist, so hat es doch ungebrochen im patriarchalen Paradigma weiter gelebt.
    Wenn einer im abgestürzten Flugzeug schreit “Frauen und Kinder zuerst”, dann bedeutet das die ideologische Fortsetzung des römischen Patria potestas – des Gesetzes der Väter über Leben und Tod, in diesem Fall über den Tod der Männer.“

    Worum ging es? Ums Geld!

    „Arbeitsfähige Männer sind wertvoll, aber sie bringen keine “Zinsen”. Frauen hingegen sorgen für die Vermehrung “des Kapitals” und Kinder/Jugendliche sind unverbrauchte Arbeitskräfte.“

    Konservative altpatriarchale Konnotierungen äußern sich in dem „blinden Fleck im Geschlechterdiskurs“, namlich dadurch, dass Männer ihre und die Verletzbarkeit anderer Männer nicht wahrnehmen wollen und Frauen sich in diesen ca. 7000 Jahre alten Rollverständnissen eingerichtet haben.

    Symptom : Abgrenzungsmännlichkeit, Abwehr von „Schwäche“, Weiblichkeit und Aufrechterhaltung des „männlichen Panzers“, der die fragile Identität sichert.

    Gem. „Männliche Identitäten, S.12, sind Männer in unserem Kulturverständnis sich ihrer Männlichkeit weitaus unsicherer als Frauen sich ihrer Weiblichkeit.

    Ich tat mich früher mit dem Begriff „Patriarchat“ etwas schwer, weil es aus „der feministischen“ Ecke in der uns bekannten populär-medial verzerrten Weise vermittelt wurde ohne Anspruch auf Vollständigkeit und mit erheblichem Emotionalisierungpotential.

    http://rette-sich-wer-kann.com/artikelserie/entstehung-patriarchat-die-hirten/

    Und vor allem diese Feststellung :

    http://rette-sich-wer-kann.com/zusammenleben/patriarchat/entstehung-patriarchat-fruchtbarkeitskult/

    „Daraus entwickelten sich die Anfänge von Klassifizierung und ein weiterer Dualismus, der die männliche Gruppe in zwei Klassen spaltete: Die Auserwählten und das Schlacht- bzw. Arbeitsvieh.

    Nach einigen hundert Jahren und mit dem Einsatz des Pferdes als Reittier gingen daraus im menschlichen Bereich eine Führungsschicht (Adel) einerseits, und die niederen Klassen der Soldaten und Sklaven (Arbeiter) andererseits hervor.“

    Genau dieses Faktum, dass in erster Linie im „Patriarchat“ Männer andere Männer unterwarfen (Sklaven, Knechte, Bauern, Leibeigene), formulierte auch Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ auf S.77.

    Das Patriarchat schadet Männern und ist der Grund für konservative paternalistische Konnotierungen und unmenschlicher Ausblendung männlicher Verletzbarkeit, der Männer auf reines Funktionieren abrichtet und als dominant und stark weiterphantasiert.

  12. Und genau hier sehe ich die gemeinsamen Schnittstellen zum modernen Feminismus :

    Wenn Feminist_innen „das Patriarchat“ mit den beobachtbaren Indikatoren :

    – Homophobie
    – Abgrenzungsmännlichkeit mit männlicher Isolation
    – Geringerschätzung „weiblicher“ Konnotierungen
    – starke Hierarchisierungen
    – stringente Rollenfixierungen für Frauen und Männer
    – horizontale und vertikale Geschlechtersegregationen
    u.a.

    kritisieren, dann arbeiten sie damit ganz erheblich einer großen Anzahl von Männern und Männerbewegten zu.

    „Damit keine Mißverständnisse aufkommen : Frauen begrüßen die Männerbewegung. Wir sehnen uns buchstäblich danach…Dann können Frauen tatsächlich Verbündete finden im Kampf für eine Zukunft, wie es sie noch nicht gegeben hat.”

    (Zitat Gloria Steinem in “Männer auf der Suche”, Steve Biddulph, S.25).

    Dann bleibt die Frage zu stellen, wer die Verzerrungen vom ursprüngichen maßgeblich von Männern in Gang gebrachten Frauen-Empowerment (t.B. Leon Richier 1869) in den westlichen Industrienationen in dieser Weise so vorangetrieben hat und welche „Eliten“ damit Geld verdienen wollten und haben.

    Die CIA und die Rockefeller-Foundation haben hier möglicherweise maßgebliche Akzente gesetzt.

    Die Indifferenz gegenüber anderen Männern in ihrer Funktion als „Schlachtvieh“ war im „Patriarchat“ schon immer ausgesprochen groß – auch heute noch in unseren Industriekulturen.

    „Give them hell“ (Quelle : Dr. Gesterkamp, S. 68, Väter zwischen…)

  13. „Erst (die) stärkere strategisch-öffentliche Präsenz (der Männerrechtler) führt dazu, dass sich Männer im Umfeld der Grünen nun trauen, ebenfalls öffentlich mit ihren Emanzipationsforderungen in Erscheinung zu treten (siehe Grünes Männermanifest).“

    Wo steht denn, dass dieses Manifest eine Reaktion auf die „Männer-Rechtler“ war?

    „Bei Männern, die dem grünen und linken Milieu zuordenbar sind, fällt zudem auf, dass sie sich tendenziell entschuldigen, ein Mann zu sein. Dies wirkt so, als hätten sie ein schlechtes Gewissen und würden sich selbst verantwortlich machen für die jahrtausendealte Tradition des Patriarchats.“

    Das ist in dieser Form selbstverständlich Quatsch, solange nicht ein einziger Nach- oder Hinweis dafür erfolgt. Behaupten kann das jeder und die „Männer-Rechtler“ tun das unentwegt.
    Dass ich allerdings als Mann, neben spezifischen Risiken (wie Gewalt und, bei riskantem Lebensstil, auch um Jahre kürzerer Lebenserwartung) viele Privilegien genieße (wesentlich höhere Karrierewahrscheinlichkeit, die „Erlaubnis“ öffentlicher Raumnahme usw.) – das hat viel mit einer sozialen Ordnung zu tun, die man(n) auch kritisieren sollte. Und dass Risiko und Privileg zusammenhängen, sollte doch Motivation genug sein, diese Ordnung zu hinterfragen.

  14. „Und dass Risiko und Privileg zusammenhängen, sollte doch Motivation genug sein, diese Ordnung zu hinterfragen.“

    Einen passenden Einstieg schafft m.E. folgende Quelle des Beitrages von Hr.Lenz auf S. 297 in „Befreiungsbewegung für Männer“ :

    „Die bedürftige, verletzliche oder gar widersprüchliche Seite von Männern bleibt dabei ausgeblendet. Erklärbar wird dies durch das „doing gender“ (West/Zimmermann 1987), die soziale Konstruktion des Geschlechts : In der Interaktion zeigt sich bei genauerer Beobachtung vielmehr, dass wir Männlichkeit als Dominanz, Weiblichkeit als Unterordnung symbolisch vollziehen.“

    Auch das von Männerrechtlern angeschnittene Thema Beschneidung bei Männern wird meist nicht auf die wahren Ursachen fehlinterpretierter überkommener Abhärtungsmännlichkeiten zurückgeführt :

    „Jungen wird in diesem Zusammenhang vermittelt, dass sie erst dann ein „richtiger Mann“ werden können, wenn sie die schmerzhafte Zurichtung ihres Genitals über sich ergehen lassen.“ (ebd., S.306)

    Die Gründe hat Hr. Lenz auch u.a. auf S.303 gut beschrieben :

    1. Wissensunterschied hinsichtlich häuslicher Gewalt Männer/Frauen 25 Jahre

    2. unterschiedliche kulturelle Bewertung männlicher und weiblicher Verletzbarkeit.

    3. Männer sind mehrheitlich Opfer durch ANDERE Männer im außerhäuslichen Bereich (zwischenmännliche Gewalt).

    4. Nichtübertragbarkeit von Forschungsergebnissen aus anderen Kulturen, z.B. USA.

    „Die Geschlechter explizit mitzudenken, drängt sich angesichts der geschlechterdichotomen Struktu unserer Gesellschaft jedoch auf.“ (ebd., S.294). Die geschlechterdichotome Struktur könnte m.E. auch als „patriarchal“ bezeíchnet werden.

    Logische Schlußfolgerung :

    Die traditionelle Vorstellung, was „Männlichkeit“ ist, ist also Hauptursache für den „blinden Fleck“ im Geschlechterdiskurs wie auch die mangelnde Bereitschaft vorzugsweise von Männern, die eigene Verletzbarkeit überhaupt erstmal vor sich selbst einzugestehen und persönliche Gewalterfahrungen erstmal als solche überhaupt zu erkennen. (ebd., S.281)

    “Über der gesamten Männerkultur liegt das Tabu, den ideologischen Schein der auf der Basis von geschlechtsneutraler Rationalität funktionierenden Männergesellschaft aufzudecken. Männlichkeit transparent zu machen, darüber zu sprechen und zum Thema zu machen, stellt einen eklatanten Verstoß gegen eine Grundregel dieser Männergesellschaft dar : Männer stellen sich nicht in Frage, sie sind die Norm.” (Lenz 1994, S.94, aus s.o., S.294)

    Hr. Lenz gibt auf S.305 eine gute Vision auf :

    „Es bedarf mutiger und hinreichend sensibilisierter Männer und Frauen, diese dicken Bretter beharrlich und mit Augenmaß zu bohren.“

  15. Im Hinblick auf die Begrifflichkeit „dichotome Gesellschaft“ und dem aktuellen Männergesundheitsbericht habe ich hier einen sehr passenden Hinweis :

    „Abschließend möchte ich drei Faktoren nennen, die gegenwärtig die Entwicklung einer männlichen Geschlechtsidentität erschweren :

    2. Die Geschlechterhierarchie und das dichotome, polarisierte Geschlechterverhältnis : Die Zugehörigkeit zum privilegierten Geschlecht setzt die männliche Identität weit stärker unter Erwartungsdruck als die weibliche Identität. Die Angst, die vom männlichen Ich-Ideal ausgehenden Erwartungen nicht erfüllen zu können, erfordert eine scharfe Abgrenzung vom anderen Geschlecht.
    3. Die Geschlechterhierarchie leistet einer phallokratischen Kultur Vorschub…“

    (Quelle : Männliche Identität, Dammasch, S.148, Beitrag von Ilka Quindeau, „Ein integratives Konzept von Männlichkeit“)

    Zielführend ist der – von Männerrechtlern leider teilweise heftig kritisierte – Beitrag von Markus Theunert in „Befreiungsbewegung für Männer“, S. 378 :

    „Für die Befreiung der Männer von den Korsetten traditioneller Männlichkeit braucht es neben der politischen Aktion auch die persönliche Interaktion, die fachliche Weiterentwicklung und die institutionelle Verankerung.“

    Und besonders wichtig ist dieser Hinweis, wenn manche Männerrechtler mit „Femokratievermutungen“ aufwarten oder vorzugsweise die Schuld in „durchfeminisierten Institutionen“ erklärt sehen möchten :

    „Die Männerpolitik von Maenner.ch sieht die Gleichstellungsbewegung der Frauen nicht als Widersacherin, sondern als PARTNERIN.“ (ebd., S.376)

  16. Danke für die Lesehinweise, Herr Schmidt, ich finde das alles nachvolziehbar. Dass aber
    “Männerrechtler mit ‚Femokratievermutungen’” aufwarten oder vorzugsweise die Schuld in ‚durchfeminisierten Institutionen‘ erklärt sehen möchten“, nun, das sollte uns dabei nicht schrecken.
    Es ist deren (etwas einfache) Grundstrategie, die bei simpel gestrickten Leuten verfangen kann, die aber zu deutlich von der Empirie abweicht, als dass sie sich durchsetzen kann.

    Es bleibt dabei (und es wäre wünschenswert, wenn Herr Lenz dies auch stärker betonen würde), dass es herschende Männlichkeitsregeln und -praktiken sind, die Männer (und andere) gefrährden. Insofern gehören männliche Verletzbarkeit und männliche Herrschaft zusammen.
    So wie Lenz das formuliert:
    „Alle Akteure sind in die herrschenden Geschlechterkonstrukte verstrickt (…) Arrangements der früheren Frauenpolitik mit der herrschenden Männlichkeit“ klingt das doch arg relativistisch und nivellierend. Kein Wunder, dass er bei der Männerviktimisierung und Verteidigung der Mänerrechtler landet.

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