Anmerkungen zu einer Scheindebatt

von Volker Handke

Anmerkungen zu einer Scheindebatte

Die Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der Niersteiner Erklärung und den sogenannten Männerechtlern als Debatte zu bezeichnen, überschätzt die breite gesellschaftliche Aufmerksamkeit der Geschlechterfrage. Es scheint sich eher um eine hitzige Diskussion unter ExpertInnen und prominenten Akteuren eines erstarrten Genres zu handeln.
Interessant sind gleichwohl die heftigen Reaktionen auf einen vermeintlichen Tabubruch. Denn der „rechte“ Vorwurf zählt immerhin zu den schärfsten Diskursfiguren. Entsprechend laut sind Wunsch und Forderung, sich zu distanzieren. Der Begriff Männerrechtler erfährt dabei übrigens eine neue Deutung, denn eigentlich bezeichnet er das besondere Engagement für juristische Aspekte der Männerfrage insbesondere bei Sorge-, Umgang- und Scheidungsrecht.
Doch worin besteht eigentlich der Tabubruch? Als Vorwurf wird ein konservatives Familienbild, die Veröffentlichung in politisch nichtopportunen Postillen, Biologismen und last but not least der Feminat-Vorwurf ins Feld geführt.
Gerade Letzteres scheint die heftigsten Reaktionen hervorgerufen zu haben.

Es tut gut, für die Analyse den Blick zu weiten und den breiteren Kontext zu betrachten innerhalb dessen die Auseinandersetzung geführt wird. Im Folgenden soll daher auf einige grundlegende und aktuelle Entwicklungen der Geschlechterverhältnisse und ihrer Deutung hingewiesen werden.

• Zunächst ist es unzweifelhaft, dass die Männerfrage zunehmend in den Blick gerät. Denn mit wachsender Anerkennung der konstruktiven Verfasstheit der Kategorie Geschlecht, mit dem Bekenntnis zum Gendermainstreaming und der damit einher gehenden Fokussierung auf die Geschlechterverhältnisse ist erstmals der Mann als Subjekt im Geschlechterdiskurs aufgetaucht. Damit wurde die Einforderung oder zumindest Berücksichtigung einer männlichen Perspektive und männlicher Interessen legitim. Im Übrigen hat die feministische Theorieentwicklung damit die diskursive Notwendigkeit eines männlichen Subjektes mit geschaffen und die entsprechende Öffnung der Geschlechterfrage vorangetrieben.

• Die feministische Sichtweise auf die Geschlechterfrage ist gekennzeichnet durch die Beschränkung oder zumindest Konzentration auf die Interessen von Frauen. Diese “Einseitigkeit“ oder gar “Parteilichkeit“ ist der Vorstellung von einer männlichen Norm geschuldet, welche das Allgemeine okkupiert, Frauen daraus ausgrenzt und zur Abweichung und Subalternen macht. Daraus erwächst in der Tat die Notwendigkeit, eine ausgeblendete Sichtweise hinzuzufügen. Dieser additive Ansatz stößt jedoch an Grenzen wenn es darum gehen soll, die Geschlechterfrage als konstante Frage in allen Planungs- und Gestaltungsaktivitäten zu integrieren, was mit ein Grund war, Gender Mainstreaming als Leitbild zu entwickeln.

• Männer und Männlichkeit sind bisher nur als patriarchale Bedrohungsfolien vorhanden. Gemäß dem Paradigma vom Patriarchat und seiner Herrschaft, profitieren Männer einerseits von den bestehenden Geschlechterverhältnissen und genießen eine partiarchale Dividende, andererseits sind sie als Geschlecht unsichtbar und nur als das normgebende Allgemeine vorhanden.

• Allerdings ist die, als durchgängig postulierte, patriarchale Dividende in der Lebenswirklichkeit von Männern nur bedingt zu beobachten und keineswegs durchgängig anzutreffen. Vielmehr halten die bestehenden Geschlechterverhältnisse für Männer handfeste Nachteile bereit. Quasi als kumulierte Wahrheitsinstanz dieser Behauptung, kann die geringere Lebenserwartung von Männern gelten. Doch selbst dieser mächtige empirische Befund kann nichts gegen die normative Wirkung der Partiarchatsthese ausrichten und daher ist es selbstverschuldet, wenn sich Männer lebensverkürzend verhalten. Diese Resistenz gegen die Adaption von empirischen Befunden, ist auch bei anderen Themen wie häusliche Gewalt, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Suizid, Obdachlosigkeit etc. anzutreffen und ist in soweit als Wiederholungsmuster verständlich, als nicht sein kann, was nicht sein darf. Was allerdings bei der Lebenserwartung kumuliert, ist das Desiderat einer ganzen Reihe von Einzelursachen, die Folgen der tatsächlichen Lebenswirklichkeiten von Männern sind. Angefangen von der physisch wie psychisch prekären Männergesundheit über gering entlohnte, gefährliche und gesundheitsschädigende Erwerbsarbeit, Militär und Gewalterfahrung bis hin zur familiären Bindung, der Bildung und der Sexualität. Allein in diesen Feldern halten die bestehenden Geschlechterverhältnisse für Männer eher Benachteiligungen anstatt patriarchaler Dividenden bereit.

• Anhand der Deutung der Beziehung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit lässt sich eine weitere normative Wirkung der Patriarchatsparadigma besichtigen. Die Neuregelung der Aufteilung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit zählt eigentlich zum Kernbestandteil fortschrittlicher Geschlechterverhältnisse. Allerdings wird dabei davon ausgegangen, dass Frauen in die Erwerbsarbeit wollen und nicht können, während Männer sehr wohl in die Versorgungsarbeit könnten aber eben nicht wollen. Dabei ist es durchaus nachvollziehbar, wenn Frauen männliche Muster von Erwerbsarbeit nicht einfach übernehmen, und dass die Abgabe von Versorgungsverantwortung auch Machtverlust bedeutet.

• Dazu kommt der radikale Wandel der Männlichkeiten und ihrer Bilder. Männlichkeit ist zertrümmert worden in widersprüchliche Einzelteile. Traditionelle Angebote sind schädlich und entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen und moderne sind erst skizzenhaft erkennbar und bieten erst langsam Orientierung. Dabei erfolgt gleichzeitig eine rüde, männerfeindliche Dekonstruktion von Männlichkeiten sowie eine pauschale Beschuldigung für die bestehenden Geschlechterverhältnisse verantwortlich und ihr Nutznießer zu sein.

Die wachsende Einsicht in die Notwendigkeit, Männern eine eigene geschlechtsspezifische Interessensvertretung einzuräumen, kann als Beginn einer post-feministischen Entwicklung gedeutet werden. Der frauenspezifische Blick des Feminismus wird ergänzt durch eine männerspezifische Perspektive. Das ist im Übrigen nur in soweit anti-feministisch, als der Alleinvertretungsanspruch der Frauen in der Geschlechterfrage aufgekündigt wird. Daraus erwächst zum einen die Chance von den Erfahrungen der Frauenbewegung zu profitieren und hinsichtlich der Schaffung von Definitionsmacht, Interessenvertretung, Körperlichkeit und direkte po-litische Aktionen sowie Institutionalisierung zu lernen. Andererseits werden die bisherigen Erkenntnisse der Geschlechterforschung sowie der Deutungen der Geschlechterverhältnisse ebenfalls um eine männliche Perspektive ergänzt und dabei gegebenenfalls korrigiert und weiterentwickelt werden.

Vor diesem Hintergrund erscheint es daher nur logisch, wenn mit wachsender Bedeutung einer explizit männlichen Sichtweise, ein verstärktes Ringen um inhaltliche Positionen beginnt. Wir werden also Zeuge einer politischen Assimilierung der Männerfrage und ihrer parteipolitischen Interpretation. Während das grüne Männermanifest zwar die wichtigsten männerpolitischen Handlungsfelder benennt und auch auf den konstruktiven Charakter von Männlichkeiten verweist, bekennt es sich zum Feminismus und kann daher nicht glaubwürdig und selbstbestimmt eine eigene unabhängige Position entwickeln. Im Gegensatz dazu distanziert sich die Niersteiner Erklärung deutlich vom Feminismus und macht ihn sogar ursächlich verantwortlich für eine generelle und durchgängige Benachteiligung von Männern. Diese Umdrehung der bisherigen Sichtweise hat wohl den heftigsten Widerspruch hervorgerufen. Nicht zu letzt, weil dies die bequeme Entledigung der eigenen Verantwortung ermöglicht.
Allerdings treten beide Positionierungen an, die sichtbar gewordene diskursive Leerstelle „Mann“ zu füllen. Die Provokation der sogenannten Männerrechtler funktioniert auch deshalb so gut, weil sie auf offensichtliche blinde Flecken im Geschlechterdiskurs verweist und diese Offensichtlichkeit macht die Entdeckung des benachteiligten Mann auch zu einem skandalisierbaren Thema für die Massenmedien.

Zusammengefasst handelt es sich also um eine Konjunktur der Positionsbestimmungen mit dem Ziel, bei der anstehenden post-feministischen Deutung der Geschlechterverhältnisse Einfluss zu gewinnen. Es locken Posten, Ressourcen, politisches Gehör und Gestaltungsmacht.
Dass die Geschlechterverhältnisse neue Deutungen erfahren, ist ein notweniger Entwicklungsschritt und auch überfällig. Dabei scheinen zwei Entwicklungslinien im Mittelpunkt zu stehen: Die systematische Berücksichtigung einer eigenen männlichen Perspektive und der Abschied von der Durchgängigkeit der weiblichen Diskriminierung und der männlichen Privilegierung. Daher wird stärker situativ und kontextabhängig auf geschlechtsspezifische Benachteiligungen sowie ungleiche Rollenzuweisungen zu achten sein. Der pauschale Hinweis auf die patriarchalen Machtverhältnisse wird dann als letzte Instanz nicht mehr ausreichen.

Eine zukünftige Herausforderung dürfte der intersektionale Ansatz darstellen. Dem zu Folge werden dem Geschlecht weitere Kategorien wie Ethnie, sexuelle Orientierung, religiöse Zugehörigkeit, u.a. zur Seite gestellt, um auf spezifische Benachteiligungen hinzuweisen. Dabei läuft der Mann mit seinen Männlichkeiten Gefahr, seine gerade neu entdeckte Identität als geschlechtliches Wesen wieder zu verlieren.

Spannend bleibt das Verhältnis zum Feminismus und seinen vielfältigen Strömungen. Als konstruktiv könnte sich ein vertiefter Austausch in Form von themenzentrierten Genderdialogen erweisen. Bisherige Erfahrungen zeigen jedoch, dass dies ein mühsames Unterfangen ist. Denn bei der Überprüfung der bisherigen Praxen wird von den bisherigen ProtagonistInnen die Einsicht in die Notwendigkeit der Veränderung abverlangt. Währendessen darf die bisherige Ignoranz und die offene Männerfeindlichkeit nicht zum Anlass genommen werden, die Notwendigkeit und die Legitimität einer feministischen Perspektive zu leugnen.

Ein hilfreicher Anfang wäre es vielleicht, sich zur gemeinsamen Verantwortung von Frauen und Männern für die bisherigen und die zukünftigen Geschlechterverhältnisse zu bekennen.

Volker Handke, geboren 1962 in Kiel, Vater zweier Kinder, handwerkliche Ausbildung in der Bauindustrie, Studium technischer Umweltschutz und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Energietechnik an der TU-Berlin. Dort widmete er sich dem betrieblichen Umweltschutz, den erneuerbaren Energien und der Reform der Ingenieursausbildung. Seit 2000 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in der Nachhaltigkeitsforschung in den Bereichen „Energie, Klimaschutz und Luftreinhaltung“ sowie „Nachhaltiges Wirtschaften“ tätig. Seine jüngsten Arbeiten galten der nachhaltigen Ressourcenbewirtschaftung, dem Carpooling, der Elektromobilität und der Technikakzeptanz. Nebenbei engagiert er sich im Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse.

Dieser Artikel wurde unter Männerrechtler kategorisiert und ist mit , , , , verschlagwortet.

Diskussion

  1. Herr Handke,

    Ihr Text krankt daran, daß Sie alles in Beziehung zum Feminismus setzen. Der Feminismus ist eine schwachsinnige Ideologie, auf die wir gut und gerne verzichten können.

    Sie suggerieren, als gäbe es hier irgendwelche Verdienste oder als sei das Thema Gleichberechtigung zwingend mit dem Feminismus verknüpft. Ebenso tun sie so, als seien neue Entwicklungen „postfeministisch“ und dergleichen.

    Ich bin sehr verwundert über solch eine geistige Abhängigkeit vom Feminismus. Und auch empört darüber.

    Sie stellen in Ihrem Text willkürliche und beliebige Kausalitäten auf einer abstrakt-unverbindlichen Ebene auf.

    Ihr Text wimmelt nur so von Formulierungen, in denen auf einer abstrakten Ebene vermeintliche Entitäten, Sachverhalte und Vorgänge erzeugt werden, die angeblich in irgendeiner Beziehung zueinander stehen.

    Das ist das typische Blabla, das man häufig in solchen Zusammenhängen, aber auch ganz allgemein an der Universität oder in „intellektuellen“ Diskursen hören kann.

    Es ist an Beliebigkeit und Konstruiertheit nicht zu überbieten. Hier werden populäre, oberflächliche Scheinzusammenhänge konstruiert, die eine gewisse Opportunität haben.

    Hier ein Satz von Ihnen:
    „Währendessen darf die bisherige Ignoranz und die offene Männerfeindlichkeit nicht zum Anlass genommen werden, die Notwendigkeit und die Legitimität einer feministischen Perspektive zu leugnen.“

    Können Sie sich vorstellen, daß eine „feministische Perspektive“ – was auch immer dies sein mag – grundsätzlich illegitim ist und nicht notwendig?

    Was ist das überhaupt, eine „feministische Perspektive“? Braucht man sowas? Oder darf man auch einfach einen „nichtfeministischen“ Verstand benutzen. Kann man damit auch eine mögliche Wahrheit erkennen?

    „Die Neuregelung der Aufteilung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit zählt eigentlich zum Kernbestandteil fortschrittlicher Geschlechterverhältnisse.“

    Was sind denn „fortschrittliche Geschlechterverhältnisse“?

    Muß ich mich diesen unterordnen?

    Abschließend: Ihr Text ist wie sämtliche Texte, die in irgendeiner Weise „feministisch“ oder „gender-orientiert“ sind, voll von beliebigen Bewertungen, Konstruktionen und Kausalitäten.

    Es wäre einmal interessant, wie Sie Ihre Ausführungen auf einer konkreten Ebene plausibel machen wollen. Es ist ziemlich bequem, auf einer abstrakten Ebene alles Mögliche zu konstruieren, das vordergründig irgendeine Plausibilität beanspruchen kann und vor allen Dingen gesellschaftlich-ideologischen Bedürfnissen entspricht.

    „Gemäß dem Paradigma vom Patriarchat und seiner Herrschaft, profitieren Männer einerseits von den bestehenden Geschlechterverhältnissen und genießen eine partiarchale Dividende, andererseits sind sie als Geschlecht unsichtbar und nur als das normgebende Allgemeine vorhanden.“

    Es wäre mal schön, wenn Sie solch einen Satz konkret begründen könnten, also eine ihm zugrundeliegende Realität plausibel machen können. Dies sind meines Erachtens nichts als reine Behauptungen, die jeder Plausibiltät entbehren. Aber vielleicht können Sie ja konkrete Belege beisteuern. Sie sind hier in der Bringschuld, da Ihr Text ausschließlich auf einer abstrakten Ebene Kausalitäten und Zusammenhänge herstellt.

    So funktionieren „Feminismus“ und „Gender“.
    Es wäre schön, wenn Sie sich hier einmal verantworten, da man solche Ausführungen ausschließlich von Gender-Ideologen kennt. Es werden nie konkrete Argumente gebracht oder Tatsachen verhandelt, sondern nur abstrakte Konstruktionen hergestellt, die die jeweiligen ideologischen Bedürnisse begriedigen oder ein Weltbild bestätigen.

    Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie sich mal an diesem letzen Beispiel oder an anderen rechtfertigen würden. Es ist nämlich immer zum Verzweifeln, wenn man die Ausführungen von Feministen oder Gender-Menschen studiert.

    Diese bewegen sich ausschließlich in einer Art Phantasialand und weigern sich beharrlich, ihre Interpretationen in bezug zu einer konkreten Realität zu setzen und somit möglicherweise als unplausibel oder lächerlich bzw. ideologisch grundiert zu entlarven.

  2. Christian Lange

    Sehr geehrter Herr Kirk,

    so langsam reicht es dann doch. Vielleicht sollten sie sich den Text von Volker Handke noch einmal genau durchlesen und sich dabei die Zeit nehmen, das Gelesene zu durchdenken.

    Selbst wenn der Feminismus ein schwachsinnige Ideologie wäre, auf die wir verzichten könnten – was er im Übrigen nicht ist – ist er eine gesellschaftliche Realität. Im Fahrwasser des Feminismus sind auch andere Formen der Geschlechterforschung und des Nachdenkens über Geschlechterverhältnisse entstanden. Da sich dieses Blog um genau dieses Nachdenken über Geschlechterverhältnisse dreht, ist es also zwangsläufig so, dass die Beiträge in einem Verhältnis zum Feminismus stehen. Sollten Sie sich noch im Unklaren über die Verdienste des Feminismus sein, können Ihnen zahlreiche Frauen in diesem Land auf Nachfrage etwas erzählen.

    In den wenigsten Fällen ist der Geschlechterdiskurs ein „typisches Blabla“, sondern das Ergebnis einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Realitäten. Dies geschieht auch in intellektuellen Zusammenhängen und an Universtäten. Das ist richtig. Aber genau dafür, nämlich eine inhaltlich tiefgreifende Beschäftigung mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Problemstellungen, sind Universitäten mal gegründet worden, und angenehmerweise folgen sie weiterhin diesem Selbstverständnis. Sie haben im Übrigen jedes Recht, eine Universität zu besuchen, und Ihre Sicht der Dinge in die dortigen Diskurse einzubringen.

    Eine feministische Perspektive war (und ist immer noch) sehr notwendig, und dass sich Frauen für ihre Belange einsetzen in einer Welt, die strukturell von Männern dominiert ist/war, ist in jeder Hinsicht legitim.

    Fortschrittliche Geschlechterverhältnisse wären zum Beispiel Verhältnisse, in denen eine „Neuregelung der Aufteilung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit“ stattfindet. Genau so, wie es in diesem Satz steht. Dem MÜSSEN Sie sich auch nicht unterordnen. Sie MÜSSEN noch nicht einmal darüber nachdenken, sondern können sofort losposaunen, was Ihnen auf Anhieb durch den Kopf geht. Gar kein Problem. Aber das muss dann ja nicht unbedingt hier sein.

    Alternativ könnten Sie sich auch mal mit den entsprechenden Diskursen in Medien und an Universitäten bekannt machen und den ein oder anderen Text verstehend lesen. Vielleicht kann diese Webseite als Einstieg dienen: http://web.fu-berlin.de/gpo/dag_schoelper_.htm

    Ich bin mir sicher, dass Sie dann recht schnell verstehen werden, was der Satz “Gemäß dem Paradigma vom Patriarchat und seiner Herrschaft, profitieren Männer einerseits von den bestehenden Geschlechterverhältnissen und genießen eine partiarchale Dividende, andererseits sind sie als Geschlecht unsichtbar und nur als das normgebende Allgemeine vorhanden” bedeutet.

    Christian Lange.

  3. Lieber herr Handke,
    mir gefält ihr Beitrag sehr gut, jedoch ist ihr Beitrag ein großes Feld für Meinungsverschiedenheiten.
    Ich schließe mich der Meinung von herr Lange an, aber sie sollten das ganze auch einmal aus einem anderem Blickwinkel sehen 😉

    Lea Hoof

  4. james t kirk – wer sich um 9:17 uhr einen solch langen text voller argumentationsloser anschuldigungen kann einfallen lassen, der leidet entweder unter bore-out am schreibtisch oder hat gerade seine kinder an die kita abgegeben und kann sich beim käffchen überlegen, was noch so gegen feminismus zu polemisieren sei.

    dies ein weiterer nicht konstruktiver und hoch emotionalisierter beitrag – aber da nehmen wir uns beide nichts, gä? denn schließlich ließe sich ihr bla-bla-vorwurf ganz wunderbar auf ihre leier übertragen.

    in diesem sinne – guts nächtle – wird morgen wieder ein anstrengender tag in der blogosphäre…

  5. Sehr geehrter Herr Lange,

    ich habe den Text von Herrn Handke genau gelesen und meine, ihn auch genau verstanden zu haben. Meine Kritik ist vielleicht etwas anspruchsvoll, sie läßt sich aber Punkt für Punkt überprüfen.

    Können Sie sich denn vorstellen, daß Geschlechterforschung und das Nachdenken über Geschlechterverhältnisse auch außerhalb einer Ideologie stattfinden können? Ohne ideologische Vorprägung und Filter?

    Mir scheint, daß Sie recht unkritisch sind gegenüber der feministischen Ideologie, die sich durch zahlreiche Inkonsistenzen, Normativitäten und Tendenziositäten auszeichnet.

    Wir können doch unterschiedlicher Meinung sein über den Feminismus. Ich bin der Meinung, daß man all das, was Sie anführen, auch ohne Feminismus bewerkstelligen kann und sollte.

    Ich finde es jedenfalls immer wieder erschütternd, was man in feministischen Organen lesen kann. Bitte verzeihen Sie mir das, aber Vieles ist wirklich an Dummheit nicht zu überbieten.

    Ich kenne übrigens viele Frauen, die mir nichts über etwaige Verdienste des Feminismus erzählen können und diesen ebenfalls sehr kritisch betrachten.

    Die Diskurse an der Universtität halte ich für wenig fruchtbar, da dort das Reflexionsniveau meiner Meinung nach zu gering ist.

    Ich finde es auch legitim, daß sich Frauen für ihre Rechte einsetzen. Ich bin aber nicht der Meinung, daß es hierfür einer Ideologie bedarf, und ich bin auch nicht der Meinung, daß im westlichen Kulturkreis und mittlerweile auch in vielen anderen Teilen der Welt selbige „strukturell von Männern dominiert“ ist. Können Sie hierfür beispielsweise für Deutschland Belege anführen?

    Sie schreiben, daß „fortschrittliche Geschlechterverhältnisse“ eine Neuregelung der Aufteilung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit“ bedeuten. Ich möchte nicht nach einer Ideologie oder Normativität fremdbestimmt werden. Genau dies passiert hier. Hier werden bestimmte Vorstellungen davon, was „gut“ und „fortschrittlich“ sei, in ein politisches Programm gepreßt und anderen Menschen oktroyiert. Es graust mir persönlich bei solchen Formulierungen wie „fortschrittliche Geschlechtverhältnisse“. Ich möchte gerne so leben, wie es mir gefällt, und nicht vorgeschrieben bekommen, was gut und fortschrittlich sei.

    Nun zu Ihrem letzten Abschnitt:
    Ich verstehe diesen Satz nach wie vor nicht. Können Sie mir denn ein Beispiel nennen, wo Männer von den bestehenden Geschlechterverhältnissen – was auch immer dies sein mag – profitieren? Was sind denn die bestehenden Geschlechterverhältnisse? Können Sie dies ausführen? Mit konkreten Beispielen?

    Inwiefern genießen Männer eine „patriarchale Dividende“? Können Sie hier konkrete Beispiele nennen?

    Inwiefern sind Männer das normgebende Allgemeine?

    Ich würde mich über eine Antwort freuen. Meine Grundkritik besteht wie bereits im vorigen Beitrag beschrieben darin, daß ein begriffliches „Phantasialand“ besteht, dessen Korrelation zur Realität nicht unbedingt gegeben ist bzw. das ein ideologisches Eigenleben führt, das sich Gender-Theoretiker oder Feministinnen nie zu hinterfragen trauen würden, da sie geistig abhängig sind von diesen ideologischen Vorstellungen.

    Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie auf meine konkrete Kritik eingehen würden. Ich habe bereits in meinem vorigen Beitrag beschrieben, daß Feministinnen und Gender-Theoretiker hier stets ausweichen und sich nicht verantworten für die allgemeinen, meiner Meinung nach unhaltbaren Behauptungen.

  6. Sehr geehrter Herr Lange,

    Sie haben mich ja recht vollmundig kritisiert. Könnten Sie denn mal auf einige meiner Kritikpunkte und Fragen eingehen?

    Sonst entsteht leider der Eindruck, daß Sie an einer wirklich ernsthaften Diskussion nicht interessiert sind.

    Ich habe auf einige Ihrer Ausführungen reagiert und würde mich freuen, wenn Sie sich der Kritik stellen. Sie haben in Ihrer Antwort einige Behauptungen aufgestellt bzw. übernommen, für die ich gerne ein paar plausible Begründungen hören würde.

    Können Sie mir z.B. erklären, was eine „patriarchale Dividende“ ist und inwieweit Männer tatsächlich von so etwas profitieren? Also konkrete, stichhaltige Beispiele liefern?

    Allgemeine Behauptungen müssen auch begründet werden. Ich würde mich freuen, wenn ich hier einmal positive Erfahrungen mit Feministen oder Gender-Theoretikern machen würde.

  7. Christian Lange

    Sehr geehrter Herr Kirk,

    es gibt im Internet eine eiserne Forenregel, und in dem Moment, in dem ich das hier schreibe, breche ich sie. Ich werde das aber nur genau einmal tun. Die Regel lautet „don’t feed the troll“. (Und nein, ich werde Ihnen nicht erklären, was das nun wieder bedeutet. http://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Netzkultur) )

    Sie machen es sich jedenfalls relativ leicht. Sie werten jeden Satz als „Soziologenkauderwelsch“ ab und fragen danach aber, ob sie genau den Satz einmal erklärt haben könnten. Vielleicht versuchen Sie es selbst einmal mit Google, in einer Unibibliothek etc. Das sollte Ihnen auch nicht schwer fallen, denn nach Ihrer Aussage ist das Reflexionsniveau an den Universitäten sowieso zu gering. Ich weiß nicht, in welchen Kreisen Sie auf höherem Niveau reflektieren, aber vielleicht können Sie ja dort mal die Trivialitäten soziologischer Forschung an Universitäten mit einflechten. Der Begriff „patriarchale Dividende“ wurde jedenfalls von Raewyn Connell geprägt. Ein etwas ausführlicherer Text dazu findet sich hier: http://www.australianhumanitiesreview.org/archive/Issue-Dec-1996/connell.html . Der Versuch einer etwas eingehenderen Erläuterung dann hier: http://www.widersprueche-zeitschrift.de/article1176.html (All dies und mehr finden Sie auch durch eine Google-Anfrage „patriarchale Dividende“, bzw. „patriarchal dividend“.) Connell stellt dabei übrigens fest, dass längst nicht alle Männer von dieser Dividende profitieren:

    „Though men in general gain the patriarchal dividend, specific groups of men gain very little of it. For instance, working-class youth, economically dispossessed by structural unemployment, may gain no economic advantage at all over the women in their communities. Other groups of men pay part of the price, alongside women, for the maintenance of an unequal gender order. Gay men are systematically made targets of prejudice and violence. Effeminate and wimpish men are constantly put down.“

    „Connell betont übrigens immer wieder, daß eine Gesellschaftstheorie der Geschlechterverhältnisse sowieso „(…) kein festgeschlossenes System ist, (sondern) eher ein Netzwerk von Einsichten und Argumenten über Zusammenhänge.“ (Connell, Zur Theorie der Geschlechterverhältnisse, in: Das Argument, 157/1986, S. 330-344)“

    Sie sehen, sogar der soziologischen Forschung ist bewusst, dass sie nicht den Kühlschrank voller Eier des Kolumbus hat. Nichts desto trotz ist Ihr Ansatz, all diese Ansichten einfach zu negieren oder als Kauderwelsch abzutun, nicht zielführend. Insbesondere nicht, wenn Sie dann alles doch wieder erklärt bekommen haben wollen. Ich würde Ihnen wärmstens empfehlen, sich eingehend mit der Gender-Theoriebildung zu beschäftigen. Es gibt hier im Blog ja schon einiges an Links. Das Internet und -wenn Sie möchten- Universitäten können Ihnen dann noch weiterhelfen. Als kleine Fingerübung zum Thema „männlich dominierte Welt“ schlage ich noch einen Blick in die Zeitungen vor — mit dem Augenmerk darauf, WER in der Welt WELCHE höherrangigen Entscheidungen trifft. Wenn Ihnen dabei auch Frauen unterkommen, überlegen Sie kurz, ob Frauen an dieser Stelle auch vor den 1970er Jahren aufgetaucht wären, und dann werden Ihnen vielleicht die Verdienste des Feminismus klar.

    Bitte missverstehen Sie meinen Unwillen, Ihnen in aller Ausführlichkeit die kleinsten Kleinigkeiten zu erklären, nicht als Zurückziehen meinerseits oder gar als Übermacht Ihrer Argumentation. Ich denke lediglich, dass dieses Blog hier nicht der Platz ist, und ich auch nicht die richtige Person bin, um Ihnen die Hausaufgaben vorzumachen. Klicken Sie, blättern Sie, lesen Sie, und ich vermute, dass es nicht lang dauern wird, bis Ihnen sogar auffällt, dass auch Ihr Leben bereits jetzt sehr wohl von „Ideologie[n] oder Normativität[en] fremdbestimmt“ ist. Anders würde die Welt auch gar nicht funktionieren. Sollten Sie auf einer kleinen Insel mit Internetanschluss in Subsistenzwirtschaft leben, gilt das natürlich nicht. Aber dann gestehen Sie den Menschen, auf die das nicht zutrifft, und die unter den jetzigen Normativitäten Nachteile haben, bitte das Recht zu, über die Dinge, die Ihr Leben bestimmen, nachzudenken, sie zu kritisieren und Vorschläge darüber zu machen, wie sie zu verbessern sind.

    Ohne Lust, Trolle weiter zu füttern.
    Christian Lange.

  8. „….ebenfalls um eine männliche Perspektive ergänzt und dabei gegebenenfalls korrigiert und weiterentwickelt werden.“

    „Als konstruktiv könnte sich ein vertiefter Austausch in Form von themenzentrierten Genderdialogen erweisen….Währendessen darf die bisherige Ignoranz und die offene Männerfeindlichkeit nicht zum Anlass genommen werden, die Notwendigkeit und die Legitimität einer feministischen Perspektive zu leugnen.“

    Sehr geehrter Herr Handtke,

    ich lese hier Positionen, wie ich Sie besser hätte nicht formulieren können. Wenn so die künftige gemeinsame Geschlechterpolitik aussieht, dann freue ich mich auf eine sehr optimistische Zukunft. Ein Geschlechterdialog kann helfen, zu erkennen wie der jeweilige Andere als Individuum WIRKLICH ist als Vermutungs- und Klischeerealitäten
    zu leben.

    Nach dem Studium moderner und klassischer feministischer Literatur und auch Diskussionen in feministischen Blogs habe ich keinerlei Berührungsängste im Hinblick auf feministisch-weibliche, berechtigte Anliegen. Und es ist klar, dass auch immer wieder Ungewohntes, vielleicht auch Liebgewonnenes hinterfragt werden und immer wieder nachjustiert werden muß.

    Aber ich denke, die Trends sind äußerst erfreulich.

    Viele Grüße,
    Thomas Schmidt

  9. Wer genau von der heutigen Gesellschaft profitiert ist ja auch eine Frage der Betrachtungsweise.
    Richtig ist, dass mehr Männer in hohen Positionen in Wirtschaft und Politik sind und Männer im Schnitt mehr verdienen.
    Allerdings haben wir im Gegenzug auch lange Arbeitszeiten und die Lasten des Versorgers auf der Männerseite zu verzeichnen.
    Im Gegenzug verbringen Männer die Karriere machen sehr wenig Zeit mit ihren Kindern, was man als Nachteil sehen kann.
    Meiner Meinung nach sollte eine Betrachtung nach Vorteil und Nachteil einer Situation und auch die Frage, ob wir überhaupt in einem Patriarchat leben, an den Wünschen der Menschen ansetzen. Frauen zB äußern wesentlich häufiger als Männer den Wunsch die Kindererziehung aktiv zu erleben und wünschen sich wesentlich häufiger als Männer, dass sie in Teilzeit arbeiten können. Deswegen machen sie auch seltener Karriere. Aber da das nach ihren Wünschen so geschieht und ihnen die Männer in dieser Zeit den Rücken finanziell freihalten wird man nicht von einer Bevorzugung des Mannes sprechen können.

    Zur Konstruktion der Geschlechter möchte ich auch noch etwas sagen: Um so weiter die biologische Forschung voranschreitet um so deutlicher werden die Unterschiede.
    Zum Beispiel haben Frauen ein anderes Verhältnis von grauer zu weißer Substanz, Frauen haben ein komplexeres Faltenmuster im superiofrontalen und parietalen Kortex, das Gehirnvolumen ist unterschiedlich, Geschlechtsunterschiede in der Größe des Neokortex sind bereits schon wenige Jahre nach der Geburt sichtbar, Sexualhormone entfalten während der frühen Gehirnentwicklung unumkehrbare Wirkungen auf die Gehirnmorphologie, es zeigen sich anatomische Sexualdimorphismen vor allen in Hirnregionen, in denen die Dichte der Androgenrezeptoren sehr hoch ist. Weitere Unterschiede sind im kortikalen Subregionen vorhanden. Bei Männern ist das Planum temporale, dass mit Sprachprozessen in Verbindung steht, auf einer Gehirnseite größer (links oder rechts), während bei Frauen diese Asymetrie deutlich geringer ist oder ganz fehlt. Genau anderes herum ist es beim Sulcus centralis. Der Corpus callosum, der die beiden kortialen Hemosphären miteinander verbindet, zeigt Geschlechterunterschiede, alle Bereiche im Gehirn, die Rezeptoren für Sexualhormone haben unterscheiden sich erheblich zwischen Mann und Frau. Männer und Frauen verarbeiten auch Pheromone im Gehirn anders. Die Amygdala ist bei Männern deutlich größer als bei Frauen(vgl Lautenbacher, Gehirn und Geschlecht – Neurowissenschaft des kleinen Unterschiedes zwischen Mann und Frau). Es zeigt sich auch, dass ein Auswahl bestimmter Gehirnregionen sich zwischen den Geschlechtern anders auswirkt. Männer haben zB häufig spezialisiertere Bereiche, so dass ein Ausfall dieser deutlichere Schäden hinterläßt.
    Es zeigen sich erhebliche Unterschiede im sprachlichen Bereich und im Bereich des räumlichen Denkens. Männer schneiden zB bei mentalen Rotationstest deutlich besser ab als Frauen. Frauen schneiden in der Feinmotorik und der Sprache besser ab als Männer. Männer sind auch an beiden Seiten des Intelligenzbereiches häufiger vertreten. Es gibt mehr männliche Idioten, aber auch mehr männliche Genies.

    Man muss aber auch gar nicht bis ins Gehirn gehen, wenn man sich bewusst macht, welche Wirkung auch auf die Einstellung zu verschiedenen Sachen bereits die Hormone haben. Testosteron zB reguliert unter anderem die Libido. Mehr Testosteron bedeutet damit (von anderen Faktoren abgesehen) mehr Lust auf Sex ohne weitere Gefühle. Männer haben in jungen Jahren deutlich mehr Testosteron als Frauen. Östrogen beispielsweise erhöht die positive Reaktion auf das Kindchenschema, Frauen haben wesentlich mehr Östrogen und finden daher Babys niedlicher als Männer. Die Liste lässt sich fortsetzen.

  10. „Ein hilfreicher Anfang wäre es vielleicht, sich zur gemeinsamen Verantwortung von Frauen und Männern für die bisherigen und die zukünftigen Geschlechterverhältnisse zu bekennen.“

    Sehr richtig. Und ich verstehe nicht, wie man (@ Christian) von solchen Betrachtungen des gemeinsamen Aushandelns von Geschlechterverhältnissen gleich in eine dermaßen antifeministische, ja sogar frauenfeindliche Position gerät.

    Bereits seit Simone de Beauvoir ist klar, dass es die vermeintlich vorgegebenen und unabänderlichen Instanzen „Frau“ und „Mann“, dass es das „Ewigweibliche“ und das „Ewigmännliche“ nicht gibt. Für die biologische Forschung wurde die androzentrische Parteilichkeit deutlich herausgearbeitet. Mittlerweile ist hier ein Umdenken im Gang und ändern. Es kommt die Individualität bei der Ausprägung von Merkmalen, auch von Geschlechtsmerkmalen in den Blick – und es wird wieder stärker rezipiert, wie sich auch gesellschaftliche Bedingungen in Körper einschreiben.

    Die von Ihnen @Christian angeführten vermeintlich sicheren biologischen Erkenntnisse sind hochumstritten. So zeigte sich in genaueren Untersuchungen, dass sich Unterschiede im Gehirn gerade dadurch ausprägen, dass ein Mensch früh eine Zweitsprache erlernt, früh lernt die Hände synchron zu verwenden etc. – oder dies eben nicht lernt. Die Studie von Shaywitz, auf die häufig für Geschlechterdifferenzen im Gehirn verwiesen wird, wurde für ihre handwerklichen Schwächen auseinandergenommen. U.a. fehlen in der Studie 8 der 19 Frauen vollständig; andererseits findet sich keinerlei Aussage zur Effektenstärke. Schöne Überblicksarbeiten stammen hier bspw. von Sigrid Schmitz („Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn?“ – Online: http://www.linksnet.de/de/artikel/19193 ) und von Claudia Quaiser-Pohl et al. „Warum Frauen glauben, sie könnten nicht einparken und Männer ihnen Recht geben. Über Schwächen, die gar keine sind“.

    Auch diese einfachen Hormon-Verweise, die sie vornehmen, stimmen nicht. So ist bereits seit Beginn der 1930er Jahre die differente geschlechtliche Wirkung von Testosteronen und Östrogenen widerlegt. Diese als „Geschlechtshormone“ missverständlich bezeichneten Hormone haben wichtige Auswirkungen bei der Ausbildung zahlreicher Organe, Östrogene spielen bspw. bei der Ausbildung der Knochen-Stabilität eine wichtige Rolle – bei allen Geschlechtern. Aufgearbeitet findet sich das bei: Anne Fausto-Sterling („Gefangene des Geschlechts“; „Sexing the body“) und Nelly Oudshoorn („Beyond the Natural Body: An Archaeology of Sex Hormones“). Interessant für Sie @Christian und wenig thematisiert ist übrigens, dass während etwa zwei Drittel der Schwangerschaft bei weitem das meiste des auf den Embryo wirkende Testosteron auf Anregung mütterlicher Hormone gebildet wird – das passiert sowohl bei „weiblichen“ als auch bei „männlichen“ Embryonen.

    Das bisher gesagte ist mittlerweile weithin bekannt; selbst Konservative in der Biologie schaffen es seit etwa den 1990er Jahren nicht mehr, die tatsächlich festgestellten Ergebnisse in das Korsett zwei zu scheidender Geschlechter und einer hierarchischen Höherbewertung des Mannes im Vgl. zur Frau zu zwängen. Auch für Chromosomen und Gene sind diese Debatten im Gange. Das Gen Sry, dem bislang viel Bedeutung bei dem „Anknipsen“ „männlicher“ und der Unterscheidung „weiblicher“ und „männlicher“ Entwicklung zugeschrieben wurde, wird mittlerweile von einer weitreichenden Bedeutung entlastet. Vielmehr wird mehr und mehr deutlich, dass Chromosomen und „Gene“ bei weitem nicht so statisch sind, wie lange Zeit angenommen. Hierzu forsche ich selber – und habe dazu im dritten Kapitel von „Making Sex Revisited“ ( http://transcript-verlag.de/ts1329/ts1329.php ) mehr geschrieben. Ein paar im Volltext zugängliche Aufsätze finden Sie @Christian auch auf: http://www.heinzjuergenvoss.de .

    Noch zum Abschluss: Warum mühen wir uns so, Dinge als „natürlich“, „vorgegeben“ und „unabänderlich“ auszuweisen. Bereits seit Karl Marx ist doch sehr klar, dass Menschen stets schon gesellschaftlich sind, dass wir in Gesellschaft sind und dass die Gesellschaft in uns ist. Begeben wir uns doch einfach auf den Weg zu rationalen, vorübergehend überzeugenden Erklärungen, anstatt alles was wir derzeit nicht erklären können (oder wollen), mystisch auf einen „Gott“ oder eine „Natürlichkeit“ zurückzuführen. Und bei Geschlechterverhältnissen ist es doch ganz klar: „Frau“ und „Mann“ sind unterschiedlich auf Grund der Gesellschaft. Frauen waren von Wissenschaft ausgeschlossen, Frauen waren lange Zeit von sportlichen Wettkämpfen ausgeschlossen, in lukrativen und prestigeträchtigen Positionen der Gesellschaft sitzen weniger als 10 Prozent Frauen, sondern fast nur Männer. Und selbstverständlich führt unterschiedliche soziale Behandlung, der unterschiedliche Zugang zu Trainings etc. auch zu unterschiedlichen physischen Merkmalen. Das alles heißt aber nicht, dass es nun das „Ewigweibliche“ und „Ewigmännliche“ gebe, sondern dass wir für Veränderungen streiten müssen, so dass Menschen endlich nicht mehr diskriminiert werden, keine Gewalt mehr erfahren – und nicht verhungern müssen, nicht im Mittelmeer vor dem abgeschotteten Europa ertrinken, nicht an Aids sterben, nur weil einige davon profitieren wollen.

  11. Die Thesen von Karl Marx fand ich dahingehend schlüssig und auch interessant, dass dass menschliche individuelle Bewußtsein durch gesellschaftliche Normen geprägt wird. Soweit ich mich hoffentlich richtig an mein Altwissen erinnere, stritten Hegel und Marx über ihre Ansichten.

    Nach Susan Pinker, „Das Geschlechterparadox“ würde ich auch an eine komplexe Mischung von soziokulturellen im Mix mit biologischen Faktoren betrachten, die ein hohes Maß an Variabilität gestatten.

    Und es verschafft persönlich ein gewisses Freiheitsgefühl zu wissen, dass das eigene Schicksal in den Händen und nicht in den Genen liegt.

    In „Heldendämmerung“ wird auch das fragwürdige Experiment mit relativ wenigen ProbandInnenen beschrieben, und dass Väter plötzlich weibliche Hormone haben, weicht den rein biologischen Ansatz auf.

    Letztendlich ist für mich die Frage soziokulturell vs. Biologie m.E. nur noch akademisch interessant, da viele Frauen und vermehrt viele Männer sich in vorgegebenen einengenden Rollen unwohl fühlen, was auf eine hohe soziokulturelle Variation schließen lässt.

    Gerald Hüther hat dies ebenfalls beschrieben.

    Der Diversity-Ansatz geht von hoher Geschelchts-Unterschiedlichkeit aus und will eine größtmögliche Synergie zwischen weiblichen und männlichen Kernkompetenzen gewinnbringend vorantreiben.

    Höhere Väterbeteiligung ist von daher genauso wünschenswert wie höhere weibliche Beteiligung an „Machtaufgaben“. Ich hoffe dort auf eine größtmögliche Unterschiedlichkeit, denn sonst würde die Strategie „Agentinnen des Wandels“ ja ins Leere laufen, indem lediglich männliche Vorgaben übernommen würden. Dies ist auch nicht geschehen.

    Die Geschlechterthematik Biologie vs. Soziokulturell ist also nur noch akademisch interessant, da es keinen biologischen Grund für z.B. die reine Hausfrauenrolle bei Frauen gibt (Quelle : Susan Pinker, Das Geschlechterparadox, S.348) und somit keine Geschlechterrollenvorgaben und -segregationen zu rechtfertigen sind.

    Sie beschreibt zum Schluß lediglich ein „Abholen bei mehr der weniger ausgeprägten Prädispositionen“.

    Eines ist jedoch für mich sicher : Geschlechterhierarchien sind für mich rein soziokulturelle Konstrukte und nicht hinnehmbar.

    Ein Grund hierfür ist männlich ambitionalisiert :

    Misandrie und der militante Teil, der sich zum „Feminismus“ zugeordnet fühlte, m.E. jedoch nicht ist. Hätte ein Mann seinerzeit gefordert, Frauen auf 10% o.ä. zu reduzieren, wäre er verhaftet worden, von einem männlich dominierten Sondereinsatzkomando.

    Diese männerfeindlichen Extreme konnten nur deswegen in den Mainstream gelangen, weil er von „Frauen“ kam und das Weibliche nicht ganz ernst genomen wurde. Auch in „Männliche Identitäten“ von Dammasch wird beschrieben, warum z.B. der psychologische Bereich als weiblich-weich heute frauendominiert ist – weil es männlicher erscheint, zum Mond zu fliegen. Der gender-Gedöns-„Weiberkram“ wurde belächelt – wie anfangs extreme militante Positionen.

    Diese soziokulturellen Geschlechterhierarchien zeigen in diesem Beispiel ihre Männerfeindlichkeit par excellence.

  12. @Heinz-Jürgen Voß
    Fausto Sterling behandelt zumindest in „Sexing the body“ die Wirkung der Hormone kaum. Sie kritisiert die Namensgebung „männlich“ und „weiblich“, weil beide Hormone bei Mann und Frau vorkommen. Dabei klammert sie aber die androgenisierende Wirkung von Testosteron und die Mengenverhältnisse aus.
    Ich hatte es ja schon in ihrem Blog dargelegt, dass das Vorgehen von Frau Fausto-Sterling teilweise sehr unwissenschaftlich ist. Wenn sie zB in ihrem Buch darstellt, dass Testosteron die Klitoris vergrößert und damit wohl kaum als männlich bezeichnet werden kann, dann verkennt sie, dass sich die Klitoris bei der Geschlechtsherausbildung eben durch eine solche Vergrößerung unter dem Einfluss von Testosteron zum Penis entwickelt.
    Sigrid Schmitz leugnet sogar die anabole Wirkung von Testosteron (die Sie bisher auch nicht zugeben wollten, die aber durch die Sportmedizin klar belegt ist), selbst ihre Forschung besagt aber auch nicht, dass es nicht so ist, sondern es teilweise nicht hinreichend klar ist und dies auch nur für einige Faktoren wobei sie mir insbesondere den Corpus callosum im Auge zu haben scheint. Graue Gehirnmasse und die anderen Faktoren werden hingegen meines Wissens nach nicht in dieser Form bestritten.

    Mir ist auch immer noch nicht klar, was sie mit ihrem „Pränatales Testosteron wird durch die Mutter angeregt“ darlegen wollen.
    Soweit ich weiß beginnt schon ab der achten Schwangerschaftswoche im Körper des männlichen Fötus die Produktion von Testosteron. Ab diesem Zeitpunkt ist der Testostonspigel bei männlichen Föten höher als bei weiblichen Föten und erreicht bis zum Zeitpunkt der Geburt den Testosteronwert eines 12-jähriger Jungen. Ein paar Monate später sinkt der Testosteronspiegel um etwa 80 Prozent ab und pendelt sich während der Kleinkindphase auf diesem niedrigen Niveau ein. Mit etwa vier Jahren verdoppelt sich dann der Testosteronspiegel wieder.
    Richtig ist, dass noch was von der Mutter hinzukommt um den Körper des Kindes zu entlasten, aber ein männlicher Fötus ist pränatal einer wesentlich höheren Testosterondosis ausgesetzt.

    Das Ihre Thesen sowohl mit der sexuelle Selektion, also einem der Pfeiler der Evolutionstheorie, der Attraktivitätsforschung und dem biologischen Verständnis zur Enstehung der Geschlechter nicht vereinbar sind hatten wir ja auch schon wiederholt als Thema und wurde ja von Ihnen auch schon teilweise zugestanden.

    Bei 98% der Menschen entwickelt sich der Phänotyp vollkommen unproblematisch und ist auch ohne weitere Probleme in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ einzuordnen. Dennoch vertreten Sie die Auffassung, dass die Genitalien sich anscheinend nahezu beliebig entwickeln können. In den verbleibenden 2% der Intersexuellen sind die Gründe der Fehlentwicklung inzwischen bei den Hauptgruppen recht gut erforscht und nicht beliebig. Aber sie halten sich ja auch eher vage und legen sich nicht auf konkrete Zahlen fest.

    Gerade die von Ihnen dargelegte Arbeitsteilung führt ja biologisch über Selektion zu einer Anpassung von Körper und Geist. Wo eine Arbeitsteilung seit 500.000 Jahren bestand hinterlässt sie spuren. Diese sieht man überall an unserem Körper in den Unterschieden zwischen Mann und Frau. Aber unser wichtigstes Arbeitsgerät , das Gehirn, soll sich nicht an die verschiedenen Arbeiten angepasst haben? Warum eigentlich nicht, unterliegt es einer anderen Evolution als der Rest des Körpers?

  13. Ich möchte die Darstellung Soziokulturell vs. Biologie etwas relativieren :

    http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2010/0720/006_arena_mannfrau.jsp

    „…Bei den Pygmäen machen Männer und Frauen dabei gemeinsame Sache….“

    Eine interessante Übersicht zum Thema findet sich hier :

    http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2010/0720/uebersicht_arena_mannfrau.jsp

    „..dass Männer zwar durchaus über ihre Gefühle sprechen, aber seltener als Frauen. Das liegt aber nicht daran, dass sie es aus biologischen Gründen…Dementsprechend wachsen immer noch viele Jungen im Glauben auf, es sei eine Schwäche, Gefühle offen zu zeigen.“

    In Susan Pinker, „Das Geschlechterparadox“, was sich m.E. vorzugsweise auf Hirn- und Hormonforschung stützt, wird z.B. der im statistischen Mittel höhere Empathiequotient bei Frauen beschrieben. (Kapitel „Der Empathievorteil“). M.E. wird der Einfluß stereotyper Sozialisation, die im Kinderwagen mit Farbunterschiede rosa-blau für Säuglinge beginnt, nicht erschöpfend dargestellt.
    Darüberhinaus gibt es einen mehr als 95% igen Überlappungsbereich im Hinblick auf die Gaúß`sche Verteilungskurve so dass, selbst wenn angenommen werden müsste dass 100% physiologische Prädispositionen wirken, diese Unterschied in diesem Aspekt weitaus geringer als erwartet ausfallen.

    Darüberhinaus soll sich nach neuesten Erkenntnissen der Gen-Pool des Menschen vor 9000-10.000 Jahren so exorbitant geändert haben, dass Langzeitauswirkungen aus den Zeiten davor zu einer vernachlässigbaren Größe werden.

    Und zur weiteren Historie habe ich hier noch interessante Quellen gefunden :

    Und zur Historie der Geschlechterrollen :

    Sie wurden maßgeblich geprägt erst in den letzten 170 Jahren der Industrialisierung.

    Privilegisierte Frauen im Adel arbeiteten nicht und waren als Besitz – zweitrangig – definiert :

    „Die reiche Frau dagegen bezahlt ihren Müßiggang mit ihrer Unterwerfung.“

    (Quelle : Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht, S.134).

    Das Bürgertum schloß sich an „meine Frau hat es nicht nötig zu arbeiten!“ genauso wie das Nachkriegsideal „Die Frau des deutschen Stahlarbeiters hat es nicht nötig zu arbeiten“.

    (Quelle : Die Krise der Kerle, Dr. Gesterkamp).

    Ich kenne diese Sprüche noch aus meiner Kindheit.

    Historisch gibt es für die uns bekannten Geschlechterrollen ebenfalls keine Grundlage :

    Das Postulat der feuerhütenden Frau und dem saurierjagenden Mann ist falsch. Manche Naturvolker leben heute noch nach dem identischen Prinzip (s.o. Quarks & Co.).

    Und die Bäuerin im Mittelalter war häufig die dominante Person, nicht der Mann.

    „Indes erhob das einigende Band gemeinsamer Arbeit und Interessen die Ehefrau in den Rang einer Gefährtin.“ (S.133, Das andere Geschlecht).

    Schloßherrinnen nannte man damals „Viragos“ (ebd., S.130).

    „Die verheiratete edle Römerin wird Domina genannt, sie ist die Herrin des Hauses und nimmt an kultischen Handlungen teil. Sie ist nicht Sklavin, sondern Gefährtin des Mannes.“ (ebd., S. 121).

    Und unsere bekannte männerdominierte Definition „paternas familias“ hat seinen Ursprung bei dem Hexenjäger Jean Bodin, 1576. (Quelle : Heldendämmerung, Ute Scheub).

  14. @Thomas: Hier fände ich es interessant, tiefer einzutauchen. Ich denke tatsächlich, dass es äußerst lohnend ist, die Theorien von Karl Marx und Simone de Beauvoir zusammenzudenken. Beauvoir knüpfte ja schon deutlichst an Marx an, es wurde nur nicht so rezipiert. Marx wandte sich aber nicht (nur) der gesellschaftlichen Prägung von Bewusstsein zu – ganz im Gegenteil: Wichtig war ihm ja gerade, dass Bewusstsein vom Sein (also Essen, Trinken, ausgebeutet werden) nicht loslösbar ist. Hier steht er gegen die idealistischen Auffassungen Hegels.

    Das schließt auch gut an Sie an, @Christian. Von einer „…von Körper und Geist“ schreibe ich nie, da ich nicht der Auffassung bin, dass sich ein „Geist“ von einem „Körper“ lösen ließe, wie es in dualistischem Denken verbreitete Auffassung war. Physik, Biologie, Neurowissenschaften haben überzeugend dargelegt, wie Stimuli im Gehirn molekular weitergeleitet und verarbeitet werden.

    Selbstverständlich hat Arbeit ganz wichtige Bedeutung für die menschliche Entwicklung. Darwin beschrieb hier u.a. die Bedeutung der Sprache; Marx hob sie ebenso hervor und setzte auch Tätigsein zentral. Friedrich Engels brachte es schon in einer Überschrift seiner Skripte auf den Punkt: „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“. Aber warum sollte sich hier ein erblicher Geschlechtsunterschied herausgebildet haben, der Menschen dauerhaft als „Frauen“ und „Männer“ präge? Frauen haben stets sehr hart gearbeitet – außer einige in den privilegierten Klassen; für Männer gilt das ebenso. Lesen Sie diesbezüglich für das 19. Jahrhundert doch beispielsweise Lily Braun „Die Frauenfrage“. In armen Schichten – und das waren stets etwa 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung waren „Frauen“, „Männer“, Kinder in den Erhalt des Lebensunterhaltes eingebunden. Und was Sie übersehen: Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts starben 30 bis 50 Prozent, teilweise noch mehr, der Kinder noch im ersten Lebensjahr; bei den Lebenden waren Rachitis und andere Krankheiten verbreitet. Und da glauben sie ernsthaft, dass einige abstrakte Spielereien Antworten liefern? – Bewußtsein und Sein gehören zusammen.

    98 Prozent / 2 Prozent: Ich gehe tatsächlich davon aus – und dafür stütze ich mich auf die Ergebnisse der neusten biologischen Forschungsarbeiten, dass jeder Mensch individuell und einzigartig einen Genitaltrakt ausprägt. Die Zahlen, die Sie anführen, entbehren einer Grundlage, da nur wenige Menschen in die bezüglich Geschlecht gewaltätigen Mühlen der Medizin geraten (Gewalt gegen Intersexuelle). Weder sehen Sie draußen auf der Straße Genitalien der Menschen, mit denen sie Umgang haben – sondern diese Menschen haben Kleidung an -; noch können sie Genitalien im inneren des Körpers sehen oder von Genitalien gar auf Fortpflanzungsfähigkeit schließen. Zur Begründung, kurz als Aufsatz hier: http://heinzjuergenvoss.de/akweb%20-%20voss%20-%20Auch%20aus%20biologischer%20Sicht%20gibt%20es%20mehr%20als%20zwei%20Geschlechter.html

    Es geht tatsächlich darum, aus erstarrten Denkweisen auszubrechen. Warum glauben wir so an „Gene“, die alles vorbestimmen würden? Warum wird Geld für etwas wie „biologische Attraktivitätsforschung“ ausgegeben, wo doch schon die historischen und regionalen Unterschiede in den Schönheitsvorstellungen anzeigen, dass hier Gesellschaft (und individuelle Wünsche, die auch durch gesellschaftliches Werden des Menschen beeinflusst sind) die bestimmende, wenn nicht sogar die allein entscheidende Rolle spielt… ?

  15. @Heinz Jürgen Voß :

    „Ich denke tatsächlich, dass es äußerst lohnend ist, die Theorien von Karl Marx und Simone de Beauvoir zusammenzudenken. Beauvoir knüpfte ja schon deutlichst an Marx an, es wurde nur nicht so rezipiert.“

    Nach den 900 Seiten Simone de Beauvoir muß ich sagen, dass diese Vorgehensweise zum Abbau des bestehenden Unmutes auf weiblicher und aktueller männlicher Seite (Zwangsmännlichkeit, Hamsterrad etc.) wirklich für mich sehr interessant und schlüssig erscheint. Esther Vilar war eine Kritikerin von Simone de Beauvoir, jedoch muß ich für mich feststellen dass Simone de Beauvoir sich bei weitem nicht so sehr auf Marx gestützt hat wie ich erwartet hätte, dafür etwas in einige kurzen Passagen auf Engels.

    Auch in „Befreiungsbewegung für Männer“ wurde m.E. nicht ganz richtig diese schwerpunktmäßige Stützung bezogen.

    Interessant finde ich dabei bei Recherchen in Esther Vilar „Das Ende der Dressur“ die Abschnitte „Lesbianismus ist kein Feminismus“ und vor allem :

    „Ein weiblicher Feminismus wäre ein neuer Sozialismus“ (S. 398).

    Ich fand diese Gedankengänge nicht nur erheblich mehr übereinstimmend als vermutet mit Simone de Beauvoir, sondern auch als ausgesprochen zielführend für bessere Lebensbedingungen für Frauen und Männer.

    http://www.wdr.de/tv/frautv/sendungsbeitraege/2009/1112/thema_03.jsp

    Ich sehe die misandrischen Aspekte mittlerweile erheblich gelassener, auch weil ich weiß, dass diese geschlechterhierarchisch traditionell bedingt und damit altkulturell, und kein neufeministisches oder Nach-68`er Phänomen ist, sondern diese Passage ist beachtenswert :

    „Hollstein räumt ein, es stimme, dass Männer nach wie vor die wichtigsten Positionen in der Gesellschaft innehalten. Doch zum einen schadet diese kleine rücksichtslose Machtelite der restlichen Männerschaft beim Aufbau eines modernen Männerbildes.“

    Genauso ist es! Auch aus diesem Grunde bin ich ein deutlicher Kritiker der maskulistischen m.E. sehr eindimensionalen antifeministisch dominierten Thesen.

    Wenn ich nämlich sehe, welche Zwangsmännlichkeiten auch im alten Spanien vorherrschten :

    http://maedchenmannschaft.net/16-jaehrige-spricht-mit-jungs-wird-dafur-lebendig-begraben/#comment-24985

    „“Solche Bräuche haben mit besonderer Strenge im abergläubischen..“

    Wenn der Feminismus diese Gebräuche und Zwangsmännlichkeitsdefinitionen von Vätern ihre Töchter gegenüber zerstört haben, bin ich dafür als Tochter-Vater ausgesprochen dankbar!

  16. Und unsere bekannte männerdominierte Definition “paternas familias” hat seinen Ursprung bei dem Hexenjäger Jean Bodin, 1576. (Quelle : Heldendämmerung, Ute Scheub).

    Keine Ahnung, wo Scheub und de Beauvoir das her haben sollen. Der „Pater Familias“ war im alten Rom der uneingeschränkt herrschende Familienvorstand. (vgl. Zwölftafelgesetz von ca. 450 v. Chr.

    Bodin sagte, der Souverän eines Landes solle so uneingeschränkt herrschen wie ein Pater Familias. Ein Anhänger und Theoretiker des Absolutismus halt. (Bodin, „Sechs Bücher“, S. 107 ff.)

  17. @Nick : „Bodin, “Sechs Bücher”, S. 107 ff.“

    Vielen Dank für die weiterführenden und tiefgehenden Recherchen.

    Für Erweiterungen bin ich immer dankbar.

    Vor allem zeigt sich auch wieder eindrucksvoll dass, wenn man in die Tiefe geht, sich die Sachverhalte meist viel komplexer zeigen als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

    In einer Broschüre „Vom Talent ein Mann zu sein“ las ich eine kritische kurze Auseinandersetzung von Hr. Prof. Zulehner zum Thema Religion und Beeinflussung durch Absolutismus bzw. Autoritarismus, was ursprüngliche religiöse und auch menschlich-ethische Grundwerte immer wieder entarten ließ.

    Da Sie sich im Thema Religion gut recherchiert auskennen, kennen Sie das Buch „Kraft zum Leben“?

  18. Wenn der Feminismus..

    Den Feminismus gibt es nicht, und es darf deshalb bezweifelt werden ob der Feminismus einen wesentlichen Beitrag zur Überwindung der Dämonenlehre geleistet hat. Wenn die Rede ist von einer durch „die transnationale Unternehmermännlichkeit verursachten Finanzkrise“ (oder gar: durch die „männliche Lebensweise“ [an sich]) dann neige ich eher zu einem gegenteiligen Urteil.

    Es wäre imho eher zielführend, die Geschlechterverhältnisse in einen historisch-materiellen Kontext zu stellen – und nicht umgekehrt.
    Über das „Rückständige“ im alten Spanien haben wir – aus der Perspektive unserer heutigen materiellen Basis – natürlich gut lachen. Wir müssen imho verdammt aufpassen, diese Denke kann sehr schnell auch rassistisch werden.
    Es mag sinnvoll sein, anzunehmen dass es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt – wenn man sich diesen Luxus leisten kann.

  19. @Nick : „diese Denke kann sehr schnell auch rassistisch werden.“

    Da habe ich ehrlich gesagt keine Bedenken. Ich fand diese Quelle aus Simone de Beauvoir nur eben sehr markant, erwähnenswert und passte irgendwo zu dem Bericht bei der „Mädchenmannschaft“.

    Auch zeigt dies für mich, dass keine Kultur sich anmaßen sollte zu glauben besser oder schlechter zu sein.

    Ich selbst sehe mich als multikultureller player und habe viele Rucksacktouren durch interessante und lebensart-bereichernde Kulturen hinter mir wo ich glaube, dass wir hierzulande an Lebensart eine Menge lernen könnten.

    Und unser Christentum hat nicht nur gemeinsame Wurzeln mit dem Islam und dem Judentum, sondern hat sich in der Vergangenheit ja nicht nur mit Ruhm bekleckert.

    Was halten Sie von dem Buch „Kraft zum Leben“?

  20. Was halten Sie von dem Buch “Kraft zum Leben”

    Ich kenne es gar nicht. Ich bin eher historisch als religiös interessiert (wobei dabei natürlich Relegion wiederum höchst interessant ist)

    Auch zeigt dies für mich, dass keine Kultur sich anmaßen sollte zu glauben besser oder schlechter zu sein.

    Das ist, mit Verlaub, nicht überzeugend: Auch Sie haben, wie es eben in allen menschlichen Kulturen verankert ist, die Wertvorstellung dass man Kinder nicht lebendig begräbt. Einer Kultur, der es (hier geht es um Kurden) angeblich inhärent ist „Mädchen lebendig zu begraben, weil sie mit Jungen sprechen“ werden Sie sich also wohl zwangsläufig gegenüber besser fühlen müssen.

    Unter dem Deckmantel des Feminismus feiern uralte, entmenschichende Kriegspropagandatricks fröhliche Urständ: Mit gleicher Logik könnte man auch behaupten, „Westler“ sperren ihre Kinder ein und lassen sie Verhungern (sowas gibt es bei uns)

    Das hat sehr viel mit Rassismus zu tun, Rassismus lässt sich auch mit Kultur „gut“ „begründen“.

    Wie gesagt, interessanter wäre es zu ergründen welche materiellen Bedingungen dazu führen bzw. geführt haben dass die „Familienehre“ teilweise zu einem derart gewichtigen Faktor wird bzw. geworden ist.

  21. „…werden Sie sich also wohl zwangsläufig gegenüber besser fühlen müssen.“

    „Unter dem Deckmantel des Feminismus…“

    Es tut mir sehr leid aber ich kann dieser Argumentationskette leider nicht folgen. Ich tue mich nicht nur schwer Gedankengängen „Deckmantel des Feminismus“ o.a. zu folgen sondern kann auch auf Basis von Vermutungen zielführende Diskussionen nicht weiterführen.

    Vielleicht können wir so verbleiben, dass wir hier unterschiedliche Ansichten haben und ich der Auffassung bin, dass Sie sich nicht unbedingt genötigt fühlen müssen meine Beiträge zu kommentieren.

  22. ..kein Problem, Herr Schmidt. Vielleicht war mein Kommetar dann zu sehr auf Sie Persnlich münzbar. Natürlich kenne ich Sie nicht..
    Ich zitiere mal, zur Karstellung, einen Nachtrag im von der Mädchenmannschaft verlinkten Artikel des Guardian:

    The following correction was printed in the Guardian’s Corrections and clarifications column, Wednesday 24 February 2010

    The article below reported the arrest of relatives on suspicion of killing a teenager for having friendships with boys. More than 200 such killings take place each year, said the piece, „accounting for around half of all murders in Turkey“. According to Eurostat, Turkey’s yearly murder rate averaged 6.1 per 100,000 population between 2005 and 2007 (the ­latest figures), meaning that the 200 are actually set against an annual total of about 4,400.

    http://www.guardian.co.uk/world/2010/feb/04/girl-buried-alive-turkey

    Im Ursprungsartikel hieß es:

    The discovery will reopen the emotive debate in Turkey about „honour“ killings, which are particularly prevalent in the impoverished south-east.

    Official figures have indicated that more than 200 such killings take place each year, accounting for around half of all murders in Turkey.

    Ich frage nur: Wer wohnt im Südosten der Tükei? Und woher kommen diese offensichtlich grob verfälschten „Offziellen Zahlen“? Warum fällt sogar der Guardian auf sowas herein, sodass wir mehr oder weniger alle (ich schließe mich da nicht aus) Rückschlüsse auf die „Kultur der Bewohner des Südostens der Türkei“ ziehen?

  23. Lustig, wie Männerrechtler wie „James T. Kirk“ immer wieder sachliche Begründungen Einfordern, während sie selbst in antintellektueller Attitüde ihren Gegnern „Blabla“ vorwerfen und mal eben behaupten: „Der Feminismus ist eine schwachsinnige Ideologie, auf die wir gut und gerne verzichten können.“ Wahrscheinlich haben sie es nötig, denn viel sinnvolle Begründung findet sich gerade bei ihnen nicht. Eher handfestes Ressentiment, und das äußert sich ja auch gern in Stammtischsprache.

    Wer soll zum Beispiel „wir“ sein, die auf Feminimus „gut verzichten können“? Etwa „wir Männer“? Ich kenne außer mir viele Männer, die denken, dass der Feminismus männliche Lebensmöglichkeiten eher erweitert hat. Aktive Vaterschaft, weniger Konkurrenz und dafür mehr Sensibilität, eine Kritik an patriarchalen Strukturen in Parlamenten und Wirtschaft, Nachdenken über ebendiese Strukturen in religiösen, militärisch-politischen und wissenschaftlichen Apparaten oder Alternativen zur einseitigen Erwerbsorientierung sind dadurch ermöglicht oder zumindest befördert worden.

    Schade, dass Männerrechtler sich in Antifeminismus verrennen, statt zu erkennen, dass es vor allem die Überbleibsel patriarchaler Kultur sind, die Männern schaden: z.B. exzessives Risikoverhalten als Beweis männlicher Härte, Karriere bis zum Herzinfakt, Gewaltaffinität (gerade auch Männern gegenüber) sowie eingeschränkte Beziehungs- u.v.a. Trennungs-Fähigkeiten.

  24. @Spin :

    „..Männerrechtler wie “James T. Kirk” immer wieder sachliche Begründungen Einfordern,…“

    Ich kenne auch die gerne genutzte Vokabel „Diskurs“, wobei nach umfassenden persönlichen Erfahrungen aus maskulistischen Foren ein sachlicher und literaturgestützter „Diskurs“ unmöglich ist.

    „Wer soll zum Beispiel “wir” sein, die auf Feminimus “gut verzichten können”? Etwa “wir Männer”? Ich kenne außer mir viele Männer, die denken, dass der Feminismus männliche Lebensmöglichkeiten eher erweitert hat.“

    Genauso sehe ich das auch. Und ich bestätige hier nochmal das, was ich auch im Blog bei FRAUTV oder Gesellschafter eingetragen habe :

    „Meine Rechte als Mann vertreten Männerrechtler definitiv NICHT!“

    „Aktive Vaterschaft, weniger Konkurrenz und dafür mehr Sensibilität,… Schade, dass Männerrechtler sich in Antifeminismus verrennen, statt zu erkennen, dass es vor allem die Überbleibsel patriarchaler Kultur sind, die Männern schaden: z.B. exzessives Risikoverhalten als Beweis männlicher Härte, Karriere bis zum Herzinfakt, Gewaltaffinität (gerade auch Männern gegenüber) sowie eingeschränkte Beziehungs- u.v.a. Trennungs-Fähigkeiten.“

    Dies versuche ich seit Monaten – auch in feministischen Blogs – in den Mainstream zu transportieren. Im Thema zwischenmännliche Gewalt liegt m.E. ein misandrisches zentrales Schlüsselelement.

  25. @ Thomas Schmidt: „Im Thema zwischenmännliche Gewalt liegt m.E. ein misandrisches zentrales Schlüsselelement.“
    So sehr ich Ihr Engagement hier schätze, ich glaube, da haben sie unrecht. Vom gewaltsamen Mann werden weder Männlichkeit noch andere Männer per se abgelehnt. Das kann man an Rockern ürigens gut studieren: http://www.youtube.com/watch?v=0kE70smhHPU&feature=related
    Es geht, wie m.E. übrigens nur sehr selten,. wenn davon die Rede ist, um „Misandrie“, und diese Vokabel scheint mir auch vornehmlich eine Viktimisierungsvokabel aus Interessierter Seite zu sein.
    Bei mann-männlicher Gewalt geht es – bei aller verscheidenheit der Situationen – sicherlich oft um anderes:
    – Konkurrenz (um Reales oder Eingebildetes), die Männer in der Tradition des Berufsmannes schon früh erlernen müssen.
    – „Ehre“ und ein besonderer „Wert“ der Männlichkeit. Daher lernen Jungen z.B., dass Mädchen zu schlagen unehrenhaft ist. Im Kampf gegen Jungen kann also Ehre als Ressource hergestellt werden.

    Neben den „Kampf-Inhalten“ ist es sicher auch die schlichte, kulturelle Legitimität, über die Auf- und Abwertuzng unter Jungs und Männern hergestellt wird.

Comments are closed.