Was ist der Streit-Wert?

Beschneidung von Jungs: Was ist der StreitWert aus feministisch-intersektioneller Perspektive?

13. März 2013

Das Gunda-Werner-Institut gibt der Beschneidungsdebatte einen neuen Ort und wirft neue Perspektiven auf.

Ausgehend vom Urteil des Kölner Landgerichtes Gerichts, das die religiös-motivierte Beschneidung eines vierjährigen Jungen im vergangenen Mai als „einfache Körperverletzung“ durch den Arzt wertete, fand eine gesellschaftliche und politische Debatte über Kinderrechte, Religionsfreiheit, medizinische Vor- und Nachteile der sogenannten Zirkumzision und die Beurteilung jüdischer und muslimische Traditionen statt. Nachdem diese religiösen Beschneidungspraxen nun rechtlich unsicher wurden, verabschiedete der Bundestag mit großer Mehrheit die Gesetzesvorlage des Justizministeriums „Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes“ am 12.12.2012, das die Entscheidung über Beschneidung weiterhin bei den Eltern des männlichen Kindes sieht. Einen alternativen Gesetzesvorschlag brachten Abgeordnete der Grünen, Linken und SPD ein, denn sie sahen die Kinderrechte in der Vorlage der Regierung nicht ausreichend geschützt.

Parallel zur rechtlichen Debatte im Bundestag fand eine gesellschaftliche Diskussion on- und offline über Beschneidung statt, während der in großem Ausmaß Ressentiments gegenüber Jüd_innen und Muslim_innen geäußert wurden. Feministische Stimmen und antirassistische waren in der Debatte viel zu leise bis kaum zu hören.  Hier setzt das GWI an, wir eröffnen einen Debattenraum, der ohne rassistische, antisemitische Ressentiments mit Respekt und Wertschätzung gegenüber anderen Postionen Beschneidung und Beschneidungsdebatte aus verschiedenen (queer)feministisch-geschlechterpolitischen-emanzipativen Perspektiven beleuchten und den bisher vermissten Positionen Raum geben soll.

 

Wir laden alle ein, in diesem Rahmen mitzudiskutieren. Melden Sie sich zu Wort mit Kommentaren (http://streit-wert.boellblog.org) und eigenen Beiträgen an Gunda-Werner-Institut.hbs@BOELL.DE

Wir freuen uns auf einen konstruktiven Streit und Perspektivenwechsel. Mit Beiträgen von Heinz-Jürgen Voss, Zülfukar Çetin, Gitti Hentschel, Antke Engel, Katja Dörner u.a.

Kontakt: Claudia Throm und Susanne Diehr

E: Gunda-Werner-Institut.hbs@BOELL.DE

T: +49 (0)30 28534-123

Ein Sondergesetz zur Jungenbeschneidung – kein Beitrag zur religiösen oder kulturellen Integration

29. Mai 2013

100_gitti_2von Gitti Hentschel, Leitung Gunda-Werner-Institut

 Ein Jahr ist das „Kölner Urteil“ her, in dem ein deutsches Landgericht erstmals eine Beschneidung an einem Jungen, die nicht medizinisch erforderlich war, als Straftat aburteilte. Ein Einzelurteil, das keine Präzedenzwirkung hätte entfalten müssen und doch so viel in Gang setzte. Verständlich, dass gerade von jüdischen und muslimischen Gemeinden ein Sturm der Entrüstung und Proteste artikuliert wurden; sie sahen (more…)

Gewaltspiralen und die Gleichbehandlung der Geschlechter

23. Mai 2013

100_kühnauvon Dana Kühnau

Immer wieder hört man, dass weibliche und männlichen Beschneidung zwei völlig verschieden Sachen wären und daher rechtlich unterschiedlich zu bewerten seien.

Auch der Bundestag versucht gerade in einer halsbrecherischen rechtlichen Verdrehung die Beschneidung von Mädchen als barbarischen Akt primitiver Gesellschaften darzustellen, obwohl er noch vor wenigen Monaten die Beschneidung von Jungen offiziell zugelassen hat. Der Gleichbehandlungsgrundsatz in Art. 3 stellt sich dabei als lästige, vielleicht sogar unüberbrückbare Hürde heraus – selten war er einer tendenziösen (more…)

bist du _anders als die _anderen und was heißt das dann für _uns

10. Mai 2013

sussner_fotopetra sußner macht sich fem*inistisch juristische gedanken zur ‚Beschneidungsdebatte‘*

Vor kurzem hat eine ganz wunderbare Theoretikerin ihre aktuelle Arbeit abgeschlossen. Vorangestellt hat sie ein Zitat von Karl Valentin: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ Als ich mich an diesen Blog gesetzt habe, kam ich nicht umhin, an sie zu denken. Gerade auf der Ebene weißer* Mehrheitsgesellschaft hinterlässt die Beschneidungsdebatte den Eindruck von Wiederholungsanfälligkeit und undemokratischem Diskussionsstil. Ich spreche an dieser Stelle aus einem fem*inistisch juristischen Blickwinkel.  Dieser ist  – wenn auch kritisch verortet – aus der Position weißer* Privilegierung justiert. Auch (more…)

Grenzen der Religionsfreiheit – Freiheit in der Religion

2. Mai 2013

100_Quistorpvon Eva Quistorp

Ein Sonderrecht, das die Religionsfreiheit absolut und über andere Grundrechte stellt, hat der Bundestag nach einer Anhörung zur Beschneidung von Babyjungen und Jungen zum Glück vermieden. Dazu haben die klaren Reden von Katja Dörner und Mehmet Kilic von den Grünen und von Abgeordneten der Linkspartei beigetragen. Sie haben die Grenzen der Religionsfreiheit an den Grundrechten von Kindern und Elternpflichten aufgezeigt, sich auf medizinische Gutachten bezogen, doch sie unterlagen im Bundestag. Mit guten Gründen nennt  Prof. Reinhard Merkel dieses Gesetz ein klägliches, so wie Necla Kelek vom (more…)

Vorhauthäuter und Vorhauthüter*

24. April 2013

von Sarah Mandelbaum**

Welcher Recht hat, weiß ich nicht -
Doch es will mich schier bedünken,
Daß der Rabbi und der Mönch,
Daß sie alle beide stinken.

(Heinrich Heine)

Mich interessiert nicht, was unbeschnittene Deutsche und beschnittene Funktionäre über die männliche Vorhaut räsonieren. Bislang habe ich umgeblättert, abgeschaltet und Gespräche (more…)

Symbolic Dedication instead of Circumcision

17. April 2013

photo of Ruth editRuth Barnett expresses her views on circumcision

Firstly, I am appalled that female circumcision still exists. Maximum effort from all Social and Human Rights associations should be focused on preventing this horrific mutilation of defenseless vulnerable human beings. To my knowledge it has nothing to do with religion and everything to do with male domination and revenge by the formerly violated.

Secondly: in my opinion, circumcision of infant boys is also a violent attack on defenseless, vulnerable human beings who are incapable of giving informed consent. But there is an important religious element, both in Islam and Judaism, that should not (more…)

Lasst euch nicht versimplifizieren: Beobachtungen zum Diskurs um religiöse Beschneidung

10. April 2013

Kajetzke Photovon Laura Kajetzke

Das Kölner Urteil im Mai 2012, das religiös motivierte Beschneidung als einfache Körperverletzung wertete, kam scheinbar aus dem Nichts. Zuvor war in der Öffentlichkeit keine Rede von einem sich formierenden Protest, auch beklagte sich keine nennenswerte Zahl von „Betroffenen“ über das Einbüßen ihrer Vorhaut und infolgedessen den potentiellen Verlust (sexueller, sozialer, religiöser) Möglichkeiten. Keinesfalls handelt es sich also um den vor Gericht erstrittenen Erfolg eines volljährigen Mannes mit Rückendeckung einer Graswurzelbewegung, das Urteil erwuchs vielmehr aus der Dynamik des Rechtssystems selbst. Dies stellte den Stein des Anstoßes dar, der eine diskursive Lawine lostrat; die Debatte wurde medial forciert und (more…)

Viel Lärm um drei Millimeter Haut

3. April 2013

100_adamAnna Adam sorgt sich um die deutsche Streitkultur

Brit Mila – Bund der Beschneidung
Buch Moses 17:11 Dies soll das Zeichen sein zwischen mir und euch.
Im Talmudtraktat Kidduschin gehört es zur Pflicht eines Vaters seinen Sohn zu beschneiden.
Bereits im alten Rom war den Juden die Ausführung dieser Pflicht und das Studium der Tora verboten. Aber wir lassen uns nicht verbieten, was uns lebenswichtig ist.
Im zweiten Buch Moses 4: 24-26 finden wir eine merkwürdige Geschichte.
Moses kehrt mit seiner Frau Zippora und den Kindern nach Ägypten zurück. (more…)

Das beschnittene Recht

30. März 2013

100_Kelek

von Necla Kelek

Der Bundestag hat auf Initiative der Bundesregierung mit Mehrheit das „Gesetz über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes“ beschlossen. Es wird fortan legal sein, was bisher undenkbar war, nämlich, dass das Grundrecht  auf Unverletzlichkeit der Person einem wie auch immer begründeten religiösen Ritual und dem „Kindeswohl“ geopfert wird. Religionsausübung ist nicht mehr ein Teil der durch die Verfassung garantierten Freiheit, sondern steht trotz aller gegenteiligen Behauptungen fortan über ihr. Das (more…)

Okzidentale Überlegenheitsphantasien gepaart mit Heteronormativität

22. März 2013

Antke Engelvon Antke Engel

Angesichts der rassistischen und antisemitischen Argumentationen, welche die 2012 in Deutschland geführte Mediendebatte über Vorhautbeschneidung geprägt haben, kann das seit Anfang des Jahres geltende „Gesetz über den Umfang der Personensorge bei der Beschneidung des männlichen Kindes“ als gelungene Gegenmaßnahme betrachtet werden. Die Gesetzesformulierung, die die Vorhautbeschneidung prinzipiell erlaubt, so sie gemäß medizinischer Standards stattfinde und das Kindeswohl nicht gefährde, zeichnet sich dadurch aus, dass sie Beschneidung nicht als Minderheitenpraxis markiert (ein Lob, dass sich allerdings weder auf die Gesetzesbegründung (more…)

Eltern dürfen Kindern keinen unabänderlichen Stempel aufdrücken

19. März 2013

100_dörner von Katja Dörner

Die Beschneidung von Jungen ist ein heikles Thema. Nicht nur, weil es sich um eine jüdische Praxis handelt, die auch vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte mit höchster Sensibilität zu diskutieren ist. Maßgeblich ist zudem die Frage tangiert, wo das Recht von Eltern endet, Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen, und wo Kinder selbst ein Mitspracherecht, wenn nicht sogar ein Selbstbestimmungsrecht haben bzw. haben sollten. Diese Frage lässt sich auf die religiöse Erziehung von Kindern anwenden. Sie lässt sich aber auch ganz allgemein auf die Erziehung von Kindern bzw. die elterliche Verantwortung gegenüber ihren Kindern anwenden – und macht damit ein ganz großes Fass in der gesellschaftlichen Debatte auf. (more…)

Bereits die Frage ist falsch gestellt

13. März 2013

von Heinz-Jürgen Voß und Zülfukar Çetin

Seit Ende Juni 2012 wurde in der Bundesrepublik Deutschland „religiöse Vorhautbeschneidung“ breit thematisiert. Zuvor gab es in der BRD keine Beiträge zur Zirkumzision, die eine mediale Aufmerksamkeit erfahren hätten. Es existierten im deutschsprachigen Raum keine Selbstorganisationen von vorhautbeschnittenen Männern, die die Praxis problematisierten. (more…)

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