Männer gegen Männer gegen Frauen und andere Geschlechter

Olaf Stuve

Es ist erstaunlich, wie schnell in der öffentlichen Debatte nach „Köln“ das Thema sexualisierte Gewalt und Sexismus in den Hintergrund gedrängt und von einer Dynamik rassistischer Diskurse über die (jungen) Männer aus arabischen und nordafrikanischen Ländern überlagert worden ist. Das Motiv des Beschützens vor den muslimischen Männern hat sich in weiten Teilen der Debatte und der politischen Konsequenzen als Leitmotiv durchgesetzt. Nicht zuletzt auf dieser Grundlage sind notstandmäßig weitere Änderungen des Asylrechts durchgedrückt worden, die selbiges als Individualrecht aushöhlen. Auch die terroristischen Angriffe auf Unterbringungseinrichtungen für Geflüchtete, die nicht abreißen wollen, sind auf Seiten der Täter_innen womöglich von einer rassistischen Überzeugung untermauert, vor einer Bedrohung beschützen zu müssen; dabei sind es (nicht nur) die deutschen Frauen und Mädchen, die vor dem fremden Mann beschützt werden müssen.

Wenn über ganze Gruppen von den fremden Männern gesprochen wird, denen kollektiv Sexismus unterstellt wird, denen die Fähigkeit abgesprochen wird, gleichberechtigte Geschlechtervorstellungen zu haben, dann taucht dahinter das Motiv des Schutzes der deutschen Nation mit ihrem deutschen Volk und ihren (vermeintlichen) Werten auf. Dieser Gedanke hat sich in den vergangenen Jahren zwischen „Volkstod-Fantasien“ (Deutschland schafft sich ab) und der Imagination einer kriegerischen Gruppe junger Männer entwickelt, der zufolge diese Männer ihrem Wesen nach vermeintlich nichts anderes als die Erstürmung Europas und damit Deutschlands zum Ziel hätten. Frauen werden darin zum Gegenstand patriarchalischer, kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen nationalistischen, rassistischen und militarisierten Männern und deren Männlichkeiten.

Festzuhalten ist an dieser Stelle, dass ein großer Teil der geflüchteten Männer (und Frauen) nicht selten aus kriegerischen, gewaltvollen und totalitären Situationen und Verhältnissen geflohen ist, die ihre Lebenssituation geprägt haben. Das sollten diejenigen mitberücksichtigen, die schon hier sind.

Mittendrin in der Moralpanik

Zugleich erleben wir zunehmend (nicht nur) Männer, die spätestens seit „Köln“ in einer Art „moral panic“ die Notwendigkeit einer Selbstmilitarisierung zu verspüren scheinen. Es wird zur Verteidigung von Frauen und Volk aufgerufen, auch mit Waffengewalt. Diese Aufforderung zu einer selbstmilitarisierten Männlichkeit reicht weit in Teile des Mainstreams der Bundesrepublik, wenn nach „Köln“ auch von CDU-Politikern von Schusswaffengebrauch gegenüber den Tätern zu hören ist. Solche (Auf-)Forderungen werden von neonazistischen (nicht nur) Männern und Hooligans aufgegriffen, wenn sie nach „Köln“ nichtdeutsch erscheinende Männer vermehrt zusammenschlagen. Unterkünfte für vertriebene Menschen anzustecken ist ebenso eine der Umsetzungen der (Auf-)Forderungen. Hier kommen Männlichkeiten zum Ausdruck, die Angriffe auf und Verteidigung von Frauen zum Kristallisationspunkt haben und damit den Schutz des „eigenen Volkes“ meinen.

Dabei kann auf eine lange Tradition zurückgegriffen werden: Das Schutzmotiv des weißen Mannes der weißen Frau gegenüber greift auf koloniale wie neoimperialistische Kriege zurück, die die Schutzfolie gegenüber Frauen immer wieder mobilisier(t)en, und begegnet uns in den letzten eineinhalb Jahrzehnten wieder zunehmend in der Verteidigung der deutschen Nation.

Der Mainstream rückt nach rechts

Es hat sich ein rechtskonservativ nationalistisches, rechtspopulistisches und extrem rechtes Spektrum etabliert, das offensiv ganze Gruppen von Menschen aufgrund von Herkunft, vermeintlicher Kultur, Ethnizität, Religion als nicht fähig oder bereit stigmatisiert, eine Politik der geschlechtlichen und sexuellen Gleichstellung zu befürworten. Rechtspopulistische Akteur_innen, Bewegungen und Parteien haben dabei eine zentrale Verknüpfung von geschlechter- und migrationspolitischen Diskursen herstellen können, mit der eine politische Atmosphäre entstanden ist, die es ermöglicht, rassistischen Politiken unter dem Vorwand vermeintlich feministischer Gewaltschutzkonzepte bis in den Mainstream der Gesellschaft hinein eine neue Dynamik zu verleihen. Den Ereignissen von Köln kommt der Status eines Katalysators zu, mit dem ein Gefühl des Sich-verteidigen-Müssens legitimiert zu werden scheint.

Auffällig ist dabei, dass es zu einem großen Teil dieselben Akteure sind, die sich für rassistische Gewaltschutzkonzepte in scheinbar feministischer Tradition einsetzen, die sich an anderer Stelle durch antifeministische Politiken im neuen Gewand hervortun und die insbesondere gegen eine sexuelle und geschlechtliche Vielfaltspolitik und -pädagogik in aggressiver bis gewaltverherrlichender Weise vorgehen. Eine Grundstruktur in dieser Vorgehensweise ist, dass aktuelle feministische Kämpfe als gestrig diffamiert werden. Damit werden feministische und queere Kämpfe als Ursache und Motor von vielfalts- und geschlechterdemokratischen Entwicklungen und Errungenschaften unsichtbar gemacht. Erreichte geschlechtliche Gleichstellung und Rechte bezüglich sexueller Selbstbestimmung werden als Werte einer imaginierten europäischen Kultur des Abendlandes idealisiert und in ihrem Status quo festgeschrieben.

Diese Verbindung sexistischer und rassistischer Politiken wird über verschiedene Verknüpfungen hergestellt.

Testosteron schützt nicht

Eine zentrale Verknüpfung verläuft verstärkt über die Konstruktion der Gruppe junger, männlicher Migranten als (potenzielle) Täter. Das Bild wird durch die Frauen als (potenzielle) Opfer ergänzt, wodurch Männlichkeiten und Weiblichkeiten in ein Verhältnis von Bedrohung, Wehrlosigkeit und Beschützen eingebettet werden. In dieser Vorstellung ist es ein essentialisiertes „männliches Statusstreben“ (Heinsohn 2006), das zu kriegerischen Auseinandersetzungen im globalen Süden führt, und nicht etwa neoimperialistische Kriege oder herrschende Diktaturen, nicht etwa Armut und Unterdrückung oder Militarisierung des Alltags. Nein, zur Ursache wird eine bestimmte Korrelation aus der Anzahl junger Männer und den ihnen zur Verfügung stehenden Chancen, das vermeintlich testosterongesteuerte Statusstreben zu erfüllen.

Es sind dann diese jungen Männer, die im nächsten Schritt nach Europa und insbesondere Deutschland kommen, um es testosterongesteuert zu überrollen. Junge, nichteuropäische Männer können in dieser Vorstellung keine Opfer gewalttätiger gesellschaftlicher Verhältnisse sein, sie sind zwangsläufig Täter, die (deutsche) Frauen sexualisiert angreifen. Ich will dabei keinen Umkehrschluss nahelegen, der hieße, die jungen Männer könnten keine Täter von sexualisierten Gewalttaten sein. Im Gegenteil, kommen sie tatsächlich aus militarisierten, diktatorischen und fundamentalistischen Verhältnissen, dann ist es nicht unwahrscheinlich, dass Vorstellungen von und Handlungsmuster in Geschlechterverhältnissen von Gewalt, Über- und Unterordnung gekennzeichnet sind. Darüber zu sprechen ist wichtig, um eine möglichst gute präventive Arbeit gegen sexualisierte Gewalt und für sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung zu entwickeln, und zwar gemeinsam und mit allen. Es geht um Männlichkeiten in der Migrationsgesellschaft, nicht um männliche Migranten oder Geflüchtete.

Aber das Bild, wie es unter anderem durch Gunnar Heinsohn, einen emeritierten Professor, vertreten wird und das unter Überschriften wie Exempel des Bösen (Spiegel 2007) popularisiert wurde, arbeitet mit rassistisch-geschlechterpolitischen Platzanweisungen und Festschreibungen, die heute einfach mit der Angabe „80 %“ (junger Männer unter den Geflüchteten) aufgerufen werden kann. Mit ihr wird das Szenario der auf Europa/Deutschland zurollenden Bedrohung aufgerufen. In dieser Logik scheint es zwingend, sich gegen solche Angriffswelle zur Wehr zu setzen.

Das Modell Anders Breivik

Begründungen des rechtsterroristischen Attentäters Anders Breivik verdeutlichen, dass sich hier ein europäischer Mann dazu verpflichtet gefühlt hat, diese Gegenwehr in die Tat umzusetzen. Er hat sich eine militarisierte Männlichkeit antrainiert, mit der er sich gegen die Imagination feministisch motivierter Effeminierung des europäischen Mannes zur Wehr setzte und somit den Kampf aufnahm, der Bedrohung durch die nach Europa strömenden (muslimischen) männlichen Migranten zu begegnen (Hechler/Stuve 2015, S. 12 ff.).

Die bürgerlichen Meinungsmacher

Damit sind wir in den (extrem) rechten und rechtspopulistischen Politiken angelangt, die das Feld der Geschlechterpolitiken seit Mitte der 2000er Jahre wieder verstärkt auf die politische Agenda gesetzt haben. Das Thema nimmt von Anbeginn seiner Wiederbelebung eine Scharnierfunktion zwischen dem gesellschaftlichen Mainstream und der extremen Rechten ein, war es doch Volker Zastrows politischer Essay „Politische Geschlechtsumwandlung“ in der FAZ (2006), der zum Stichwortgeber für die kommenden Jahre für eine (extrem) rechte Geschlechterpolitik werden sollte (Hark/Villa 2015; Hechler/Stuve 2015).

In der antifeministischen Vorstellung über eine vermeintlich gesellschaftlich hegemoniale und zur Staatsräson gewordenen Gleichstellungspolitik, die über das Ziel der Gleichstellung hinausgeschossen sei, wird die Notwendigkeit ausgedrückt, eine biologisch und/oder christlich fundierte Geschlechterordnung verteidigen zu müssen, in der Männer noch Männer und Frauen noch Frauen sein dürften. Der vermeintlichen Effeminisierung der Jungen und Männer wird die Vorstellung einer männlichen Virilität entgegengesetzt. Es ist diese Remaskulinisierung, die notwendig geworden scheint, um eine feministische und queere Vorstellung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und Gleichstellung wieder zurückzudrehen. Die richtigen Männer und Frauen, so scheint es, waren in Europa schon immer gleichberechtigt. In den (extrem) rechten Offensiven in Bezug auf Geschlechterpolitik wird diese vermeintliche Gleichstellung im Rahmen natürlich oder christlich begründeter Geschlechterverhältnisse als Legitimation herangezogen, Männlichkeit wieder verstärkt mit der Bereitschaft zu kämpferischer Gewalt in Verbindung zu bringen.

Wie auf militarisierte, kämpferische Männlichkeiten reagieren?

Auf strafrechtlicher Ebene geht es um einen eindeutigen Schutz vor sexualisierten Gewalttaten, auf politischer und sozialer Netzwerkebene geht es darum, Sexismus und Rassismus nicht gegeneinander auszuspielen. Es geht darum, Spaltungen und verkehrte Trennungen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken, ohne Unterschiede zu leugnen. Das Recht auch (geschlechtliche und sexuelle) Selbstbestimmung beziehungsweise ein Kampf gegen dessen Verletzungen können Orientierungspunkte für ein vielfältiges und solidarisches Sich-füreinander-Einsetzen sein, gegen selbsternannte Tugendwächter, die sich rassistisch, nationalistisch, antifeministisch beschützend vor irgendetwas stellen wollen.

In der Situation einer Veränderung durch die „Autonomie der Migration“ und in einer ehrenamtlichen, politisch, humanistisch oder auch religiös motivierten Kultur des Willkommens und eines „Wir machen das.jetzt“ liegt die Chance, soziale Verhältnisse und darin enthalten geschlechtliche und sexuelle Vielfalt neu zu verhandeln.


Angaben zum Autor:

Olaf Stuve arbeitet bei Dissens – Institut für Bildung und Forschung e. V. zu den Themen Geschlecht und Bildung/Pädagogik, Geschlecht und Gewalt(prävention), Geschlecht und Neonazismus(prävention), geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sowie Intersektionalität. Er war von Anfang der 1990er bis in die 2000er Jahre viel in der geschlechterreflektierten Kinder- und Jugendarbeit vor allem mit Jungen* tätig. Seit mehreren Jahren liegt sein Schwerpunkt in der beruflichen und politischen Erwachsenenbildung, Beratung, Evaluation sowie in der wissenschaftlichen Arbeit zu den genannten Themen.


Seine letzten Publikationen sind:

Hechler, A./Stuve, O. (Hrsg.) 2015: Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts. Opladen/Berlin/Toronto: Barbara Budrich Verlag.

Stuve, O. 2016: Pädagogik. Männliche Sozialisation, Männlichkeiten und Pädagogik. In: Horlacher, S./Jansen, B./Schwanebeck, W.: Männlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: Metzler-Verlag.

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