Krise im Gesundheitssystem – bietet die Digitalisierung Lösungen?

von Janine Seitz

Zu den Streiks in Logistik und Mobilität gesellen sich in den letzten Monaten auch Streiks in der „Sorge-Industrie“ von Pflegekräften oder von Erzieher_innen kommunaler Kindertagesstätten. Menschen gehen auf die Straße, um für ihre Arbeit bessere Löhne zu erkämpfen. Gleichzeitig erreicht das Schlagwort der Industrie bzw. Arbeit 4.0 auch die sozialen Berufe. Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt von morgen tiefgreifend – auch im Gesundheitswesen. Aus Gesundheit wird E-Health. In Zukunft zählt neben sozialen Kompetenzen auch technisches Wissen zu den Voraussetzungen in Pflegeberufen. Aber bietet die technische Transformation auch Perspektiven für die Aufwertung von Sorge-Tätigkeiten?

Warnungen vor Pflegekollaps

Der deutsche Berufsverband für Pflegeberufe warnt vor einem „Pflegekollaps“. Dieser betreffe nicht nur Krankenhäuser, sondern auch die ambulante Pflege und Heime.[1] Trotz wachsender Ausbildungszahlen in Pflegeberufen herrscht in der Altenpflege ein flächendeckender Fachkräftemangel, in der Gesundheits- und Krankenpflege fehlen die Fachkräfte.[2] Künftig wird sich der Bedarf weiter zuspitzen, da ein hoher Anteil der Beschäftigten in den kommenden Jahren das Rentenalter erreicht, der Nachwuchs aber rar ist. Die Unattraktivität des Schichtdienstes und eine schlechte Bezahlung sind wichtige Gründe, sich für einen anderen Beruf zu entscheiden oder seinen Beruf nur in Teilzeit auszuüben bzw. ganz an den Nagel zu hängen. Was heute schon ein Problem darstellt, lässt die Zukunft nicht rosiger erscheinen: Schnell kommen uns Bilder von hochbetagten Menschen in den Sinn, die nur noch dahinvegetieren und mit dem Nötigsten versorgt werden. „In Würde altern“ klingt nur noch Spott und Hohn. Umso unverständlicher ist es, dass hierzulande pflegerische Tätigkeiten so gering geschätzt und honoriert werden.

Mit Technik aus der Krise?

Die Digitalisierung macht auch vor der Pflege nicht Halt. Anstatt in Personal, wird in Automatisierung investiert. Da zahlreiche Krankenhausbetriebe inzwischen in privater Hand sind, müssen sie sich den Kriterien der Wirtschaftlichkeit stellen. Um die Effizienz zu steigern und Kosten zu reduzieren, beginnt man die pflegerischen Tätigkeiten und Abläufe zu automatisieren – weg von den Menschen hin zu Maschinen. 63 Prozent der deutschen Krankenhäuser nutzen bereits eine einheitliche elektronische Patientenakte für alle Abteilungen. PACS-Systeme zur Erfassung von digitalen Bilddaten z.B. von Röntgenaufnahmen kommen in zwei von drei Krankenhäusern zum Einsatz. Doch nur gut die Hälfte tauschen klinische Behandlungsdaten mit externen Institutionen aus. Im Vergleich sind große Kliniken mit über 750 Betten im Schnitt besser mit E-Health-Technologien ausgestattet als kleinere Häuser. [3] „Informations- und Kommunikationstechnologien können Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung verbessern“, zu diesem Schluss kommt die E-Health-Planungsstudie Interoperabilität im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit. Diese Untersuchung bildet die Grundlage für das E-Health-Gesetz, dessen Inkrafttreten zum 01.01.2016 erwartet wird.

Intelligente Maschinen verändern Medizin und Pflegearbeit

In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird sich die Arbeit im Gesundheitssektor radikal verändern. Roboter werden zu solch wichtigen Helfern, dass sie nicht mehr wegzudenken sind. Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, zwei Forscher am MIT in Boston, sprechen vom zweiten Maschinenzeitalter.[4] Aktuell werden Routinearbeiten automatisiert: sei es das Packen und Versenden von Paketen oder die Fertigung von Fahrzeugen. Aber auch der Autopilot im Flugzeug oder Einparkhilfen beim Auto sind intelligente Maschinen.

Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne von der Oxford Universität geben aber Entwarnung für das Szenario, dass Arbeiter_innen durch intelligente Maschinen ersetzt werden. Die Forscher haben den US-amerikanischen Arbeitsmarkt untersucht und die Wahrscheinlichkeiten berechnet, in welchem Maße unterschiedliche Berufe durch die Automatisierung bedroht sind. Ihre Schlussfolgerung: Berufe, die eine hohe soziale Intelligenz verlangen, zählen zu den niedrigen Risikokategorien.[5] Und trotzdem werden sich das Berufsbild und die Aufgaben verändern. Intelligente Technologien gehören dann zum Arbeitsalltag: Mensch-Maschine-Kooperationen sorgen für eine optimale Gesundheitsversorgung. Das Personal kann sich auf die pflegerische und betreuende Arbeit konzentrieren – doch Menschen in der Küche, der Wäscherei und auch vermehrt in den OP-Sälen wird man nicht mehr sehen. Ärzte und Ärztinnen stellen zwar noch Diagnosen, die handwerkliche Tätigkeit des Operierens übernehmen dann aber schon längst die Maschinen. Gesundheitszustände werden permanent maschinell überwacht und Maßnahmen automatisch in die Wege geleitet. Krankheiten können von KI-Systemen diagnostiziert werden. Bereits heute setzen Onkologen im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York das KI-Computersystem Watson von IBM ein, um Diagnosen für Krebsbehandlungen zu stellen. Der Computer kann auf unzählige medizinische Berichte, klinische Studien und Patientendaten zugreifen. Mittels Mustererkennung vergleicht er diese Informationen mit den individuellen Symptomen eines Patienten oder einer Patientin – und entwickelt daraus eine Behandlungsmethode. [6]

Fazit: Die Welt bleibt zweigeteilt

Neue Techniken können dafür sorgen, dass sich die Arbeitsbelastung im Pflegebereich entspannt. So übernehmen z.B. spezielle Pflegebetten das Umlagern von Patient_innen vollautomatisch. Boten- und Transportdienste können von selbststeuernden Robotern durchgeführt werden, beispielsweise in Krankenhäusern von Essensauslieferungen oder Wäschetransport.

Der Wandel im Gesundheitsbereich verlangt den Menschen aber auch neue Kompetenzen ab: Künftig zählen nicht nur soziale und pflegerische Fähigkeiten, sondern auch das Wissen im Umgang mit intelligenter Technologie. Die Informationen richtig zu interpretieren, die ein Computersystem liefert, wird zu einer wichtigen, verantwortungsvollen Aufgabe.

Die Vorstellung, dass wir alle künftig von sensiblen Androiden gepflegt werden, wird sich nicht bewahrheiten – zumindest nicht in Europa. Der Roboter wird hierzulande eine intelligente Maschine sein, die unterstützende Funktionen erfüllt, Service und Qualität erhöht und gewährleistet.

In der technischen Transformation zwischen E-Health und Pflegeroboter kristallisiert sich so eine neue – wieder zweigteilte – Welt heraus. Auf der einen Seite E-Health, spezialisiertes Arbeiten mit mehr Technik, das Berufe aufwertet. Auf der anderen Seite bleibt der „unübersetzbare Rest“, das nicht technisierbare „waschen, wickeln, füttern“, das sich nicht optimieren lässt. Sorge-Arbeit ist technisch nicht ersetzbar – aber das hat auch in den letzten Transformationen von 1.0 bis 3.0 nicht dazu geführt, diese Arbeit angemessen zu entlohnen. Die Transformation, die hieran etwas ändern will, kann nicht (allein) eine technische sein.

Kurzbiografie:

Janine Seitz ist Kulturanthropologin (M.A.) und seit 2008 als Redakteurin im Zukunftsinstitut tätig. Der Fokus ihrer Forschungs- und Autorentätigkeit: Digitalisierungstrends, Netzanthropologie und die kulturellen Aspekte von Mensch-Maschine-Interaktionen.

Dies ist ein Artikel im Rahmen der Debatte „Monströse Versprechen: Technologien zwischen Risiko und emanzipativem Potential“.

 


 

[1] Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe: Wie sieht es im Pflegealltag wirklich aus? – Fakten zum Pflegekollaps. Ausgewählte Ergebnisse der DBfK-Meinungsumfrage 2008/09. 2009.

[2] Bundesagentur für Arbeit: Fachkräfteengpassanalyse, Juni 2015.

[3] European Commission: European Hospital Survey – Benchmarking Deployment of eHealth Services (2012-2013). 2014.

[4] Brynjolfsson, Erik/McAfee, Andrew: The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird. 2014.

[5] Frey, Carl Benedikt/Osborne, Michael A.: The Future of Employment: How susceptible are jobs to computerisation? 2013.

[6] Cohn, Jonathan: The robot will see you now. In; The Atlantic, 20.02.2013.

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