Die Grammatik des Schweigens

von Mithu Sanyal

 

Niemand kann haargenau sagen, wo Sexarbeit anfängt und wo sie aufhört – genauso wenig, wie wir sagen können, wo Sex anfängt und wo er aufhört.
Aber wie beim Sex, gibt es auch bei der Sexarbeit eine Menge Mythen. Angefangen wird bei:

  • Männer brauchen mehr Sex als Frauen
  • Männer beuten die Frauen, von denen sie den Sex bekommen, den sie brauchen, aus
  • vor allem, wenn sie dafür bezahlen.

(Faszinierenderweise ändert sich an diesem Täter-Opfer-Schema auch dann nichts, wenn Angebot und Nachfrage umgedreht sind:)

  • Ein männlicher Sexarbeiter – sprich: Gigolo – nutzt die Bedürftigkeit von Frauen aus.

Wie so viele unserer intimsten Überzeugungen, haben auch diese eine Geschichte. In unserer Kultur wurde die Ehre der Frau traditionell in ihrem Körper verortet, nämlich in ihrer Jungfräulichkeit oder – nachdem sie diese ihrem Ehemann geopfert hatte – in ihrem Status als ehrbarer Ehefrau. Im Gegensatz dazu wurde die Ehre des Mannes im öffentlichen Raum verhandelt, also auf dem Schlachtfeld oder im Beruf. Entsprechend gab es ehrbare und unehrliche Berufe, was nichts mit ethischen Überlegungen zu tun hatte, sondern mit der gesellschaftlichen Akzeptanz: Schmiede waren ehrbar, Kesselflicker nicht etc.
Verlor eine Frau ihre Geschlechtsehre – und zwar egal ob freiwillig oder unfreiwillig – verlor sie damit ihren Platz in der Gesellschaft, was nicht selten tatsächlich eine Frage von Leben oder Tod war. Während Männerkörper in Kriegen zwar nicht minder ausgebeutet wurden, ihre Ehre allerdings erst dann in Gefahr war, wenn sie sich dem System verweigerten, indem sie beispielsweise desertierten, woraufhin sie ebenfalls – meistens durch Hinrichtung – aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden.

Nur vor dem Hintergrund dieser gesellschaftlichen Tiefengrammatik ist verständlich, warum in der aktuellen Debatte fröhlich ausgeblendet wird, dass nicht nur Frauen sexuelle Dienstleistungen anbieten – respektive impliziert wird, dass das NUR FÜR FRAUEN ein Problem sei. So definierte dieSchwedische Regierung in der Erklärung zu ihrem Prostitutionsgesetz vom 1.1.1999 direkt „Prostitution als Männergewalt gegen Frauen und Kinder“[1], vor der sie die Ehre, pardon „Integrität der Frau“[2] schützen müsse. Dieser Schutz besteht, wie inzwischen weltweit bekannt ist, daraus, dass Sex verkaufen legal ist, Sex kaufen allerdings illegal. Ein solches Gesetz kann nur als frauenfreundlich feiern, wer davon ausgeht, dass alle Sexarbeiter_innen zu ihrer Arbeit gezwungen werden und nur darauf warten, dass ihre Kunden aus Angst vor Bestrafung wegbleiben.

Im Februar stimmte das Europaparlament zu Gunsten eines Berichts der Britischen Abgeordneten Mary Honneyball, der alle Mitgliedsstaaten auffordert, das Schwedische Modell einzuführen. Honneyball und ihre „All Party Parliamentary Group on Prostitution and the Global Sex Trade“ werden von der homophoben Anti-Abtreibungs-Stiftung „Christian Action Research and Education“ (CARE) finanziert. Die Schwedische Regierung hatte sich von einem breiteren Bündnis zu ihrer Gesetzgebung beraten lassen – nur nicht von Sexarbeiter_innen selbst.
Es hat Tradition, Sexarbeiter_innen nicht als autonome Subjekte anzuerkennen, die über ihre eigenen Belange entscheiden können. Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts gingen Eugeniker davon aus, dass ererbte Degeneration und Schwachsinn der Grund dafür sei, dass Frauen sich prostituierten (die Psychopathologie der Prostitution).[3] Heute sind sie halt Opfer, die nicht mit ihrer Ratio, sondern mit ihrem Körpern kommunizieren wie Alice Schwarzer meint: „Warum tue ich mir so etwas überhaupt noch an? In einer Runde sitzen mit einer Prostituierten, deren Augen so etwas ganz anderes sagen als ihr Mund.“[4] Sobald Sexarbeiter_innen selbst das Wort ergreifen, machen sie sich verdächtig entweder zur „Prostitutionslobby“[5] zu gehören oder keine „echten“ Sexarbeiter_innen zu sein. In der Studie „Beyond Gender: An Examination of Exploitation in Sex Work“ befragte Suzanne Jenkins von der Keele University in Großbritannien erstmals eine repräsentative Gruppe von 440 Sexarbeiter_innen. Im Gegensatz dazu basieren die Evaluationen des Schwedischen Modells auf den Aussagen von sieben aktiven Sexarbeiter_innen und sieben ehemaligen. Die Ergebnisse, zu denen Jenkins kam, waren verblüffend: 35,3% der Männer und 32,9% der Frauen, die Sexarbeit anbieten, hatten Bildungsabschlüsse, mehr als 18% sogar Hochschulabschlüsse, nur 6,5% waren ohne Ausbildung.[6] Das entspricht ziemlich genau dem gesellschaftlichen Durchschnitt.

Wenn man erst einmal damit anfängt, Sexarbeiter_innen ihre Entscheidungsfähigkeit abzusprechen, was hält einen dann davon ab, zu sagen: Frauen wissen einfach nicht, was sie wollen? Vielleicht sollte man ihnen auch andere Wahlmöglichkeiten – zu ihrem eigenen Schutz – vorenthalten? Natürlich ist Sexualität kein machtfreier Raum, aber genauso wenig ist es das Gesundheitswesen oder Fernsehgucken oder an der Börse spektulieren. Aber Veränderungen lassen sich nur mit den Menschen erreichen, um die es geht, schließlich sind sie die Expert_innen ihres eigenen Lebens.

 

[1] Tatsachenbericht Prostitution und Frauenhandel des Stockholmer Ministeriums für Wirtschaft, Januar 2004, zitiert nach: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Untersuchung „Auswirkung des Prostitutionsgesetzes“, abrufbar unter: www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/prostitutionsgesetz/050102.html

[2] ebenda

[3] vergl. Dr. Brooke Magnanti: : The Sex Myth. Why everything we’re told is wrong. Phoenix, London: 2012;.S. 188

[4] Alice Schwarzer: Vom Glück sich zu prostituieren. In: EMMA 21.3.2012

[5] Alice Schwarzer: Eine Welt ohne Prostitution? In EMMA 1.11.2013

[6] Die 307 Seiten lange Studie, mit ausführlichen Erklärungen und Auswertung ist herunterladbar unter: http://myweb.dal.ca/mgoodyea/Documents/Sex%20work%20-%20General/Beyond%20gender%20Jenkins%20PhD%202009.pdf

Dr. Mithu Melanie Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Für ihre Feature und Hörspiele, hauptsächlich für den Westdeutschen Rundfunk, wurde sie dreimal mit dem Dietrich Oppenberg Medienpreis der Stiftung Lesen ausgezeichnet. 2009 erschien ihre Kulturgeschichte des weiblichen Genitals „Vulva – Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ im Wagenbach Verlag. 2013 veröffentlichte sie zusammen mit den #aufschrei-Frauen eine Streitschrift zur Sexismusdebatte „‘Ich bin kein Sexist, aber …‘ Sexismus, erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden“ (Orlanda). Außerdem Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten (Ruhr Universität Bochum, Leuphana Lüneburg, Hochschule Merseburg), sowie Referentin für Genderthemen mit den Schwerpunkten Körperpolitik, (Post)Porn und Postkolonialismus.

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